Hörsaalgetuschel – Ausgabe 64

Verschlafen

Drei mal hatte der Wecker nun schon geklingelt und jedes mal hatte Flo ihn einfach nur aufs nächste mal vertröstet. Diesmal rang er sich dazu durch, ihn einfach abzuschalten. Er drehte sich noch einmal um, wickelte sich in die Bettdecke ein und schloss die Augen. Sie hatte die absolut perfekte Wärme und es konnte keinen Grund geben, der gut genug war, ihn jetzt aus dem Bett zu treiben. Er atmete tief durch und schielte noch einmal in Richtung der Uhr. Nur zur Sicherheit!

Im nächsten Moment stand er hellwach neben dem Bett. Ganz plötzlich war eine dreiviertel Stunde vergangen, indem er sich nur ganz kurz umgedreht hatte. Besonders beim Aufstehen war die Zeit ein Hexenwerk, welches er einfach nicht verstehen wollte. Ungeduscht konnte er trotzdem nicht das Haus verlassen und was noch viel wichtiger war, unfrisiert. Die Haare mussten sitzen. Immer! Die dafür nötige Zeit musste er vom Frühstück abziehen. Noch ehe er dazu kam, sich anzuziehen, bemerkte er, dass dies nicht die beste Alternative war. Der Magen knurrte ihm schon bedenklich, als er hastig seine Tasche packte, ohne Rücksicht darauf, was er überhaupt benötigte.

Ein blinder Griff in den Kühlschrank hätte leicht einen noch ungemütlicheren Morgen gegeben. Seine Augen klebten am Sekundenzeiger, als wollten sie ihn allein dadurch einfrieren, während er abschätzte, wie viel Zeit er noch hatte, um den Bus zu bekommen. Er vermied es so gerade eben noch, munter in ein rohes Ei zu beißen. Auch die Tafel Schokolade erschien ihm nicht all zu geeignet. Dafür hatte er noch Marmorkuchen vom Wochenende. Perfekter konnte er es nicht mehr treffen.

Auf dem trockenen Kuchen kauend kämpfte er sich in seine Schuhe. Augenblicke später rannte er bereits die Straße entlang, immer noch kauend. Ihm fiel ein, dass er die Skripte zur Vorlesung heute Morgen vergessen hatte. Seine Wasserflasche stand ebenfalls noch in seiner Wohnung, aber dafür hatte er seinen Laptop dabei, den er den ganzen Tag wohl nicht brauchen würde. Was wollte er heute eigentlich in der Uni?

Laut Fahrplan fuhr der Bus vor einer Minute. Das war kein Grund zur Sorge. Um diese Uhrzeit war der Bus noch nie pünktlich gewesen. Generell waren die Fahrpläne eher schmückendes Beiwerk an den Haltestellen als wirkliche Richtlinien oder Hilfestellungen. Der Bus kam, wenn er halt kam. Das war meistens irgendwann in der Viertelstunde nach dem Termin auf dem Fahrplan. Und während dieser Bus meistens so um die fünf Minuten verspätet kam, sah Flo heute nur noch seine Rücklichter, als der alte Bus scheppernd und wie immer völlig überladen über die Kreuzung ratterte.

Erstaunt starrte er ihm hinterher. Er hatte einiges erwartet und nicht erwartet aber irgendwie hatte er es von Anfang an im Gefühl gehabt, dass genau das hier passieren würde. Wieso war er nicht einfach im Bett liegen geblieben? Dort war es warm und weich gewesen und es gab keinen Bus, dem man nachlaufen musste. Das Beste wäre es wohl, wenn er einfach wieder dorthin zurückgehen würde. Zur Vorlesung würde er sowieso zu spät kommen.

Die Decke war sogar noch warm, aber es war irgendwie nicht das Gleiche. Morgens wach zu werden und einfach liegen zu bleiben war halt doch etwas anderes, als sich fertigzumachen und den Bus zu verpassen, ehe man sich wieder ins Bett legte. Einen Vorteil hatte es allerdings so. Jetzt hatte er nicht nur die Decke und den Fernseher. Jetzt hatte er auch noch einen heißen Kakao und Marmorkuchen im Bett. Und mit dem Skript konnte er die Vorlesung ebenso gut hier durchgehen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 64

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