Hörsaalgetuschel – Ausgabe 65

Heimkehr

Eigentlich wollte Mia stolz auf ihre Mitbewohnerin sein. Immerhin hatte sie es doch wenigstens versucht, einmal kein Schlachtfeld zu hinterlassen. Für eine Woche war sie in Urlaub gefahren und hatte die Wohnung alleine gelassen. Mia war nur für das Wochenende mit Erik weggefahren und hatte darauf verzichtet, sie beim Packen zu stören. Zwei Tage Ruhe, Erholung, Zweisamkeit und Beziehungspflege. Ob ihr das nun lieb war oder nicht, inzwischen harmonierten sie beide immer besser und was als eine vielleicht nur harmlose Liebelei begonnen hatte, war inzwischen zu einer ernsthaften Beziehung geworden. Das einzige Thema, bei dem sie sich immer geweigert hatte, vernünftig zu sein, und nun geschah das ganz von alleine.

Erik hatte in dieser Beziehung einen kräftigen Einfluss auf sie gehabt. Ob gut oder schlecht, darüber wollte sie noch nicht nachdenken. Aber so eifrig, wie sie sich in der Uni bemühte, arbeitete er an ihrer Beziehung. Das schien sein großes Ziel zu sein, die gemeinsame Zukunft mit ihr. Und es war der Grund für ihre zahllosen kleinen Streitigkeiten gewesen. Wobei, das war eigentlich gelogen. Wenn sie wirklich ehrlich mit sich selbst war, dann war das immer nur der Vorwand gewesen. Der eigentliche Grund war viel mehr, dass er ihr damit ziemlich Angst einjagte. Die Situation zwang sie, sich jemandem zu öffnen und zu vertrauen. Das war wohl vermutlich ihr größter Albtraum. Sie merkte, wie es ihm schwerfiel, das zu verstehen und zu akzeptieren aber er gab sich große Mühe und sie war immer mehr bereit, sich ihrem Horror zu stellen. Immerhin würde ihr das gut tun, im Gegensatz zu anderen Dingen in ihrem Leben.

Sie hatte versucht mit den Mädels zu reden, sie zu bitten, nicht einfach alles hinter sich liegen zu lassen oder einfach nur einmal Missstände anzusprechen. Der Effekt war, dass sie jetzt überhaupt nicht mehr mit ihr redeten. Es war ihr vielleicht sogar recht so, solange sie dann wenigstens die Wohnung in gutem Zustand hinterließen. Ihre Mitbewohnerin hatte es wohl immerhin versucht. Ihr Geschirr stand im Abtropf, das Leergut war in Tüten verstaut und der Müll war im Mülleimer. Selbst der Herd war gewischt, was konnte sie eigentlich noch verlangen?

DSC02850.JPGGut, das Geschirr war vielleicht kurz mit Wasser in Kontakt geraten, aber weit davon entfernt, sauber zu sein. Und es war ihr Lieblingsteller, der benutzt worden war und jetzt ganz rau vor eingetrockneten Essensresten war. Die Tüten mit Leergut belegten den halben Küchentisch und den Obstkorb. Hoffentlich befand sich dort kein Obst mehr drin, welches unbemerkt vor sich hin schimmelte. Die Kartoffeln und Zwiebeln jedenfalls würden nicht mehr zum Schimmeln kommen. Auch wenn sie noch in gutem Zustand waren, lagen sie im Müll. Den Restmüll hätte sie ja noch verstehen können, der übernahm so oder so den halben Biomüll, wenn dieser wiedereinmal voll war. Aber wie kam jemand auf den Gedanken, so etwas im gelben Sack zu entsorgen? Angesichts dieser Kuriosität war es schon langweilig, dass „Herd gewischt“ hieß, altes Mehl, Eier und Fett nur einmal gründlich zu verteilen.

Fast wäre es ein Fortschritt gewesen. Nur wie wollte sie sich denn das hier schön reden? Es war kein Versuch, sich selbst zu verbessern. Es war der Versuch, mit möglichst wenig Aufwand ihr die Argumente zu rauben. Sie hatte schließlich geputzt und aufgeräumt und gespült. Nur eben dermaßen schlampig, dass sie es genauso gut hätte bleiben lassen können. Für Mia war diese Erkenntnis vielleicht das Frustrierendste. Hier war nichts mehr zu retten. Diese Mädels würden nie fähig sein, einen halbwegs gesitteten Haushalt zu führen. Vielleicht, wenn ihnen auch einmal eine Beziehung wie Erik und ihr passieren würde. Nur fehlten ihnen dazu die Voraussetzungen. Jeder Mann, den sie in den letzten anderthalb Jahren mit nach Hause gebracht hatten, hatte angesichts des Zustands ihrer Zimmer seinen Besuch nicht mehr wiederholt. Mia redete sich gerne ein, dass sie daran nicht ganz unschuldig war oder besser gesagt der Umstand, dass sie ihren Fußabtreter nicht vor der Wohnungstür, sondern vor ihrer Zimmertüre liegen hatte. Es sollte ein gewisses Signal aussenden, wofür die zwei Mädels offenbar blinder waren als ihre Besucher.

Diese Mängel hatten sie offenbar versucht, mit einer makellosen Haut und schönen Haaren zu übertünchen. Das Waschbecken im Badezimmer war fleckig von Haarfarbe und die Armaturen verbargen sich unter einer soliden Schicht aus Peeling, Gesichtsmasken und Hautcremes. Wenigstens wollte Mia es für genau das halten und nicht wissen, was sich sonst noch dort verbarg. Es war schon schlimm genug, dass offenbar die Puderdose explodiert war, und ihr Make-up auf so ziemlich jeder Fläche im Bad klebte. Außer auf der Fußmatte, die in die Ecke geknüllt vor sich hin moderte.

Mia stellte ihre Schuhe neben der Zimmertüre ab, ging hinein, schloss sie gut hinter sich ab und setzte sich auf ihr Bett. In ihrem Kopf formte sich ein Entschluss, den sie für unmöglich gehalten hatte. Sie würde hier ausziehen. Bald! Und nicht nur das, sie würde bei dieser Gelegenheit einmal ihren Freund überraschen wollen. Kopfüber in einen Ozean aus eiskaltem Wasser, hinein in ihr großes Abenteuer. Er würde überrascht sein und es für einen Scherz halten, aber sie wollte es tun. Sie wollte ihn fragen, ob er mit ihr zusammen in eine gemeinsame Wohnung zog. Oh, wie sehr musste sie sich morgen für diesen Entschluss hassen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 65

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