Hörsaalgetuschel – Ausgabe 66

Zahnschmerzen

„Jedenfalls habe ich mit Erik darüber geredet und er fand die Idee gut. Es erspart uns das ewige Hin und Her und außerdem ist es von der Miete her etwas günstiger. Und jetzt suchen wir also eine Wohnung. Wenn du eine hast, immer her damit. Ist alles okay bei dir? Du verziehst so seltsam das Gesicht.“

Mia hatte Redebedarf, und zwar reichlich. Es war schon ein kleines Wunder, dass sie überhaupt genug von ihrer Umwelt mitbekam, um zu sehen, wie Flo mit mürrischem Gesichtsausdruck auf seiner Zunge kaute. Er hatte selbst nur mit einem Ohr zugehört und schämte sich ein wenig dafür, so abwesend zu sein. Gelegentlich fragte er sich, wieso es überhaupt jemand mit ihm aushielt. Er war ganz offensichtlich kein guter Freund. Seine Aufmerksamkeitsspanne war kurz und er war auch sicher nicht besonders eloquent, um das auszugleichen. Er versuchte es trotzdem jedes mal erneut.

„Ist schon okay. Hat Erik nicht im Wohnheim sowieso eine recht gute Miete? Aber gut, da könnt ihr ja nicht zusammen einziehen. In sein Bett dort passt ja nicht einmal eine Person vernünftig rein. Wie auch immer ihr das trotzdem schafft. Wie sieht es denn im Augenblick aus, so wohnungstechnisch?“

„Das Zimmer ist zwar preiswert aber echt kümmerlich. Das ist ja auf Dauer keine Lösung, und wenn wir beide hier in der Gegend bleiben wollen, dann wird das so nichts. Und wir haben wohl Glück, weil momentan nicht so sehr viele Leute eine Wohnung suchen. Trotzdem war bis jetzt nichts wirklich Überzeugendes dabei. Entweder ist die Wohnung schick oder die Lage, aber irgendwie nie beides. Irgendwo gibt es sicher die perfekte Wohnung für uns. Bist du sicher, dass alles gut ist? Du wirkst so angespannt. Gibt es Stress mit Kristina?“

„Nein, mit ihr ist alles super. Ich habe nur Zahnschmerzen. Frag mich nicht, wieso. Es ist noch nicht einmal ein halbes Jahr her, dass ich da quasi grundsaniert wurde. Eigentlich darf da nichts mehr sein. Trotzdem tut es irgendwo beim Aufbeißen weh. Ich kann nur nicht einmal genau sagen, welcher Zahn das ist.“

Er konnte nicht einmal genau sagen, wie viele Zähne denn überhaupt das Problem waren. Vielleicht waren es sogar überhaupt nicht die Zähne, sondern das Zahnfleisch oder der Knochen darunter. Wer konnte das schon sagen? Alles, was er an Anhaltspunkten hatte, war der dumpfe Schmerz, der jedes mal beim Zähneputzen oder drauf beißen durch seinen Kopf wanderte. Das war keine besonders gute Ortungsmethode. Flo fühlte sich von seinem Körper im Stich gelassen und das ärgerte ihn noch einmal extra. In Filmen gab es immer irgendeine Form der Wunderheilung. Wieso konnte nicht mal jemand so etwas für die reale Welt erfinden? Oder auch nur Körperteile zum Austauschen. Geklonte Zähne, extern gezüchtet und dann nur noch einzusetzen. Die Welt könnte so perfekt sein. Wieso versuchte eigentlich niemand einmal, so etwas zu erforschen? Stattdessen gab es Maiskolben, die unter UV-Licht leuchteten wie ein kleiner Sternenhimmel oder selbstverdichtenden Beton, der sich so effektiv selbst verdichten konnte, dass er zwangsläufig seine Schalung sprengte. Und das nannte man dann technischen Fortschritt. Welch meisterhafte Erfindungen.

KupferbergEr spielte mit der Zunge zwischen den Zähnen herum und war sich inzwischen relativ sicher, dass das Problem tatsächlich bei den Zähnen lag. Allerdings auch nicht sehr viel sicherer, als ein belgisches Atomkraftwerk. Im andauernden Zustand der Notabschaltung, wenn eine geringere Gefahr davon ausging, weil mal wieder ein Transformator brennt oder das sekundäre Kühlsystem leckgeschlagen ist. Immerhin war es wohl wenigstens einer, aber auch nicht mehr als drei Zähne.

„Das verrückte ist, ich war doch vor nicht einmal einem halben Jahr beim Zahnarzt. Der hat mir gefühlt den halben Kiefer in Trümmern gelegt und alles wieder neu zusammengesetzt. Wieso hab ich da jetzt schon wieder Ärger mit? Sollte das nicht für eine gewisse Weile vorhalten oder hat der da nur etwas übersehen? Und dafür habe ich es in kauf genommen, eine halbe Woche lang nur Joghurt und so zu essen. So was geht mir dann auf die Nerven.“

„Aber wenn du Schmerzen hast, dann solltest du wirklich einfach zum Zahnarzt gehen. Die können dich dann ja nicht einfach wegschicken.“ Mia runzelte die Stirn. „Es ist ja schon seltsam. Ein halbes Jahr, und du hast schon wieder Zahnschmerzen? Vielleicht ist eine der Füllungen undicht geworden oder er hat wirklich unsauber gearbeitet und etwas vergessen. Aber es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Geh zum Arzt!“

Das war genau die Möglichkeit, die ihm am allerwenigsten gefiel. Flo konnte Ärzte nicht ausstehen. Immer gut gelaunt, immer irgendwie gespielt makellos in ihren weißen Kitteln und hübsch hergerichteten Praxen, mit dem allgegenwärtigen Geruch von Desinfektionsmitteln. Sie wirkten einfach von vorne bis hinten falsch auf ihn und diesen Menschen sollte er sich ausliefern? Er konnte sich Besseres vorstellen.

Und dann machten sie offenbar nicht einmal gute Arbeit. Wieso hatte er denn jetzt schon wieder Probleme? Wäre es ein Toaster oder ein Fernseher gewesen, er würde ihn zurückbringen und reklamieren. Seine Zähne waren nur leider fest mit seinem Kiefer verwachsen und den konnte er nicht einfach herausnehmen. Wäre das nicht eigentlich eine praktische Lösung? Kiefer abnehmen, zum Zahnarzt bringen, in der Zwischenzeit etwas Sinnvolles tun und dann irgendwann das reparierte Produkt wieder abholen und neu einsetzen. Wieso forschte eigentlich niemand an solchen Ideen? Man konnte doch auch Organe transplantieren, auch wenn das sehr viel Aufwand war und mit teils hohen Risiken behaftet war. Aber irgendwann musste man doch auch einmal so etwas beherrschen. Nur für den Moment war noch niemand so weit. Es half nichts.

„Schätze wohl, das werde ich müssen. Zu schade nur, dass es nicht einfach Ersatzteile gibt, die man im Internet bestellen kann und dann nur noch einbauen muss. Bei Robotern würde das gehen.“

„Du bist verrückt! Ich bin mir ziemlich sicher, dass Kristina dich auch nicht mehr besonders lieben würde, wenn du plötzlich als Roboter vor ihr stehen würdest. Immerhin liebt sie dich ja so, wie du bist. Bei Erik ist es das Gleiche. Er ist gut, so wie er ist. Da muss nichts ausgetauscht oder verändert werden.“ Mia blühte in einem kurzen Anfall von ich-will-mich-jetzt-mal-aufregen auf. Sie genoss es regelrecht, etwas gefunden zu haben, womit sie ihn kritisieren konnte. Doch plötzlich geriet sie ins Stocken. Ihr Blick nahm etwas Verträumtes an, wanderte an einer imaginären Figur hinab und sie seufzte leise. „Jedenfalls, fast nichts…“

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