Hörsaalgetuschel – Ausgabe 67

Kinderlachen

Ein Freitag Nachmittag bei strahlend blauem Himmel und statt sich mit den anderen am Fluss oder im Park zu tummeln, und das schöne Wetter zu genießen, saß Flo in einem stickigen Eisenbahnwaggon und kritzelte auf Karteikarten herum. Er war nicht allein. Das halbe Land schien sich dazu entschlossen zu haben, diesen Freitag auf der Schiene zu verbringen und so war der Zug reichlich voll. Fast jeder Sitzplatz war besetzt, und das, obwohl der Zug schon zwei Wagen mehr als üblich hatte.

Mia und Erik konnten das Wetter auch nicht voll genießen. Sie hatten eine kleine Serie von Wohnungsbesichtigungen, in der Hoffnung, ihre Traumwohnung zu finden, um ihre Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Flo wusste, dass sie alle beide etwas Angst vor diesem Schritt hatten, aber es auf jeden Fall, wenigstens versuchen wollten. Und dass sie nie miteinander über ihre Sorgen geredet hatten, sondern sich immer nur gegenseitig Begeisterung vorspielten. Er selbst hatte keine wirkliche Motivation, mit Kristina zusammenzuziehen. Soweit fühlte er sich noch nicht. Natürlich, er liebte sie sehr, aber sie wohnten und arbeiteten nicht einmal in der gleichen Stadt. Er selbst studierte sogar noch und nichts und niemand konnte ihm sagen, wo er denn nach der Uni landen würde. Dort, wo er Arbeit bekommen konnte.

Aber für den Augenblick war alles gut, so wie es war. Er genoss die freitägliche Fahrt zu ihr und die ihn begleitende Vorfreude. Manches mal nutzte er die Zeit im Zug, um etwas für die Uni zu erledigen. Manches mal beobachtete er einfach die Leute. Meistens saßen sie mit ausdruckslosen Mienen, gelegentlich auch mürrisch oder gelangweilt dreinblickend, den Blick oft auf ein Smartphone oder Tablet gesenkt. Nur ein gelegentliches Lächeln, bei einer unterhaltsamen Nachricht. Die Jüngeren waren oft zusätzlich mit Kopfhörern von der Außenwelt abgeschirmt, die Älteren versteckten sich lieber hinter seriösen Zeitungen oder bunten Heften. Man blieb für sich, man blieb stumm, man blieb unauffällig. Die ungeschriebene Etikette des Bahnfahrens. Oder auch des Aufzugfahrens oder des Besuchens einer öffentlichen Toilette. Gelegentlich hob einer der Passagiere verstohlen den Kopf, sah sich schüchtern in dem vollen Wagen nach Gesellschaft um, resignierte dann aber doch wieder, und zog sich in seine Einsamkeit zurück.

Der Zug hielt, die Türen öffneten sich und brachten einen Moment der Unruhe mit sich, als einige Passagiere aufstanden und den Zug verließen, während andere hinzustiegen. Jeder suchte sich seinen Platz, stets bemüht, nicht zu aufdringlich Kontakt mit seiner Umgebung herzustellen. Aus dem Türbereich kam protestierendes Gebrabbel. Ein Kleinkind, im Kinderwagen sitzend, kaute ärgerlich auf seinem Schnuller, der einfach nichts Essbares abgeben wollte. Seine Mutter war voll und ganz von der Suche nach ihrer Fahrkarte und dem Smartphone in Beschlag genommen. Irritiert ließ das Kind seinen Blick durch den vollen, stillen Waggon wandern, und wirkte seinen Zauber.

2016-01-17 13.12.40.jpgJe jünger ein Kind ist, um so unwahrscheinlicher ist es, dass es bereits von gesellschaftlichen Normen verdorben ist. Es mag das Leben leichter machen, sich an bestimmte Regeln zu halten, aber oft genug auch schwerer. Es gibt immer wieder Exoten, die versuchen, mit den Normen der Gesellschaft zu brechen und wahllos fremden Leuten einen schönen Tag wünschen oder, die nicht so schöne Variante, sich konsequent nicht mehr wuschen. Dieses kleine Kind hatte für sich beschlossen, dass es völlig okay ist, andere Leute in der Bahn anzusehen und zu lachen. Unkompliziert und unvoreingenommen, einfach, weil es Lust dazu hatte.

Flo sah den abgestellten Kinderwagen und das leise Kichern steckte ihn unweigerlich mit noch mehr guter Laune an. Er folge dem Blick des Kindes in den Wagen und fand ein Mädchen, welches er aus der Uni vom Sehen her kannte, und welches die ganze Fahrt über noch kein einziges mal gelächelt haben mochte, oder von ihrem Telefon aufgesehen hatte. Nun saß sie da, das kleine Gerät unbeachtet im Schoß, und in den eben noch so traurig drein blickenden Augen spiegelte sich ein zaghaftes Lächeln. Kein höfliches oder künstliches, sondern ein pures, ehrliches Lächeln, hinter dem echtes Glück stand. Das kleine Kind zog sich die Mütze vom Kopf und zappelte fröhlich jauchzend in seinem Kinderwagen auf und ab.

Ein Erwachsener, der in der Bahn so viel Aufsehen erregt, kassiert hauptsächlich irritierte Blicke und offene Missbilligung. Ein kleines Kind aber wirkt auf die meisten Menschen ganz anders. Solange es nicht das Eigene ist, kann man seinen Lärm so einfach ertragen, wie sonst kaum ein Geräusch, und es bricht durch alle Zeitschriften, Tablets und Kopfhörer hindurch. Überall im Waggon hoben die Leute die Köpfe, um dem Kind an der Tür ein schüchternes Lächeln zuzuwerfen. Flo sah lieber in die andere Richtung. Es bereitete ihm Freude und eine merkwürdige Genugtuung, zu sehen, wie ein einfaches Kichern und unartikuliertes Gebrabbel die ernsten Gesichter veränderte. Es war ihm, als würde eine heiße Dusche dicke Krusten Schlamm von den Geistern spülen und darunter schimmerte ein kleiner Rest des Kindes, das jeder von ihnen einmal gewesen war.

„Was machst du denn für einen Lärm, Eva? Setz dich hin, du störst die anderen Leute nur.“

Die Mutter hielt sich nicht mit einem Blick in den Wagen auf. Man sah im Zug schließlich keine Mitreisenden an. Sie drückte ihrer Tochter nur die Nuckelflasche in die Hand und hoffte auf Ruhe. Eva nahm die Flasche entgegen und stopfte sie sich tollpatschig in den Mund. Ein kurzer Moment der Magie war es gewesen, der für die meisten Reisenden in diesem Wagen den Tag ein kleines bisschen schöner gemacht haben mochte. Das Mädchen aus der Uni lächelte noch immer in Richtung des Kinderwagens, eine stumme Sehnsucht in den Augen. Das zufriedene Brummen des Kindes mit der Flasche ließ auch sie selbst leise kichern, während im Rest des Wagens wieder das Rascheln von Stoff und Papier dominierte.

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