Hörsaalgetuschel – Ausgabe 69

Nachtschicht

Es war doch jedes mal das Gleiche. Erik nahm sich vor, den Tag über fleißig zu sein und mit Mia gemeinsam zu lernen und dann frühzeitig ins Bett zu gehen. Aber vielleicht war es allmählich an der Zeit, sich einzugestehen, dass dies einfach nicht seinem Biorhythmus entsprach. Tagsüber hatte er noch nie wirklich viel geschafft, das war schon zu Schulzeiten so gewesen. Wenn er auf seine Geschwister hörte, dann hatte er generell noch nie etwas geschafft, aber damit würde er sich bei ihnen in guter Gesellschaft befinden. Das war aber eine ganz andere Geschichte. Die Uhr tickte und lief unerbittlich auf halb drei zu und inzwischen bekam er sogar wieder Hunger.

Dabei hatte Erik sich sogar vorgenommen, den späteren Abend in seinen Lernplan mit aufzunehmen. Dieser Lernplan hätte allerdings um Mitternacht enden sollen. Stattdessen war er erst dann wirklich produktiv geworden. Mia lag schon seit fast vier Stunden im Bett und schlief friedlich. Er hoffte nur, dass sie tief genug schlief, um nichts mehr mitzubekommen, wenn er dazu kroch. Andernfalls dürfte er sich morgen einen kleinen Vortrag anhören, wieso es denn nicht gesund war, so lange wach zu bleiben.

Schlafen gehen könnte er aber so oder so gerade nicht. Gegen zehn Uhr war er noch müde gewesen, aber inzwischen fühlte er sich wie nach einer guten Nacht voll Schlaf. Frisch und ausgeruht, obwohl er genau wusste, dass es nicht so war. Es gab keine Ablenkungen mehr, außer dem gelegentlichen Rascheln der Bettdecke, wenn seine Freundin sich umdrehte. Das wäre vielleicht eine Idee für die gemeinsame Wohnung: Ein Arbeitszimmer. Dann bräuchte er sich auch nicht damit zurückhalten, mit den Papieren zu rascheln. Aktuell klang jedes Umblättern in seinen Ohren wie Gewitter. Außerdem sirrte die kleine Schreibtischlampe wie eine Mücke. Vermutlich würde sie bald durchbrennen.Gneis

Trotzdem war das alles nicht Ablenkung genug, um ihn vom Lernen abzuhalten und obwohl er sich fest vorgenommen hatte, allerspätestens um zwei Uhr ins Bett zu kriechen ging er inzwischen dazu über, Fehler in den Vorlesungsfolien zu korrigieren. Im Hinblick auf die Klausur machte es ihm Mut, dass er den Stoff offenbar gut genug verstanden hatte. Er ging probeweise eine Altklausur durch. Bei einigen Fragen setzte er ein kleines Fragezeichen daneben. Nicht, weil er sie nicht beantworten konnte, sondern weil er sich bei einzelnen Formulierungen und Details unsicher war, die für die Fragestellung uninteressant waren. Er war durchaus zufrieden mit dem Ergebnis.

Die Uhrzeiger überschritten die drei Uhr Position. Komme was wolle, aber morgen früh würde ein durchaus anstrengender Morgen sein. Vielleicht sollte er einfach einmal liegen bleiben und akzeptieren, dass das nun einmal die Art und Weise war, wie er funktionierte. Wobei, wenn er ehrlich mit sich war, er fühlte sich wohl auf diese Weise. Das, was ihn störte, war Mias Reaktion daraus. Sie war damit offenbar nicht zufrieden und bemühte sich, ihn in dieser Hinsicht zu ändern. Sie war ein Kontrollfreak und das führte regelmäßig zu Streit zwischen den beiden. Der Unterschied war nur, dass sie es ein oder zwei Tage später für sich selbst abgehakt hatte und als erledigt ansah. Für ihn selbst war das deutlich weniger einfach.

Für heute hatte er seine Sachen zusammengelegt und sich bettfertig gemacht. Inzwischen war er sogar tatsächlich müde. Wenigstens hatte er das Gefühl, sich seinen Schlaf heute wirklich verdient zu haben und wenn er sich morgen noch an alles erinnerte, dann konnte er vielleicht einfach einen Tag etwas ruhiger angehen lassen. Er konnte es sich zwar eigentlich nicht leisten aber letzten Endes war er halt einfach viel zu faul.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 69

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