Hörsaalgetuschel – Ausgabe 70

Wohnungsbesichtigung

„Schöne, sanierte Altbauwohnung in zentraler Lage“ hatte es in der Anzeige geheißen. Es war heute schon die dritte Wohnung, durch die Mia ihn schleifte und es schien ihm immer unwahrscheinlicher, dass sie jemals etwas finden würden. Saniert war die Wohnung sicher einmal. Wenigstens kurz nach dem Krieg, vielleicht sogar nach der Wende, wahrscheinlicher aber davor. Die Fenster waren zugig, die Wände zeigten dunkle Flecken von Wasserschäden oder Schimmel und die Stuckdecke zeigte Risse entlang der Verzierungen, die wahrscheinlich aus Schaumstoff waren. Erik lehnte sich gegen die Wand, die ihm am standsichersten erschien, und stellte fest, dass er entweder betrunken, oder aber die Wand schief war. Die Wohnung wäre vielleicht sogar schön gewesen, wenn sie nicht so schrecklich heruntergekommen wäre. Hohe Decken, schöner (wenn auch leider sehr lauter) Holzboden und große Fenster. Auch die Fassade der Gründerzeitvilla hatte durchaus Stil, wenn auch mehr Potenzial als tatsächlichen Charme.

Bei der zentralen Lage hatte die Anzeige nicht gelogen. Die Wohnung lag im zweiten Obergeschoss direkt auf der Ecke zu der Kreuzung, an der die drei innerstädtischen Hauptverkehrsadern zusammenliefen. Einen Block weiter, in Sichtweite, begann das Kneipenviertel, wo das gesellschaftliche Herz der Stadt schlug. Zwanzig Meter neben dem Hauseingang war die Bushaltestelle, von der aus man die ganze Stadt erreichen konnte, unter anderem in jeweils zehn Minuten die Uni oder den Bahnhof.

Zentraler konnte man wirklich nicht sein. Bei diesen dünnen, zugigen Fenstern war es für ihn allerdings indiskutabel. Er liebte seine Ruhe, verkroch sich gerne mit seinem Laptop ins Bett und wollte von der Welt nichts mehr mitbekommen. Hier konnte er allerdings jeder Unterhaltung an der Bushaltestelle Wort für Wort folgen. Das größte Rätsel war für ihn gerade, wieso Mia sich trotzdem noch im beige-braun gekacheltem Bad und der bunt zusammengewürfelten Küche umsehen wollte. Er würde hier auf keinen Fall einziehen, egal ob ohne oder mit ihr. Das war es ihm nicht wert.

Die letzte Wohnung war definitiv ruhiger gelegen. Ein Plattenbau aus den Siebzigern, allerdings tatsächlich recht frisch renoviert. Die Lage war ruhig, jedenfalls, wenn gerade keine Bahn fuhr. Dafür drang ein penetranter, unangenehmer Geruch aus der Kanalisation unter dem Balkon. Mia hatte entsetzt die Nase gerümpft und es war nicht besser geworden, als plötzlich ein lauter Streit von den Nachbarn, eine Etage höher, das ganze Haus unterhielt. Erik war froh, sich keine Argumente ausdenken zu müssen, wieso die Waschbetonromantik für ihn nicht infrage käme. Er hatte sich einfach auf Anhieb unwohl hier gefühlt. Und dabei war es nicht einmal der Plattenbau, mit dem er ein Problem hatte. Es war einfach der Gesamteindruck, den er hatte, ohne einen Grund dafür nennen zu können. Das war es jedenfalls, was er sich eingestehen wollte.

DSC02921.JPG

Wohlgefühlt hatte er sich bisher in nur einer Wohnung. Es war ein ziemliches Loch gewesen. Dunkel und eigentlich auch viel zu klein. Auch wenn die komplette Wohnung in kaltem Weiß gestrichen war, hatte es sich für ihn irgendwie warm angefühlt. In der kleinen Wohnküche hatte es sogar einen offenen Kamin gegeben. Das war für ihn ein sehr gutes Argument und für Mia ein sehr gutes Gegenargument. Vor allem wohl deswegen, weil dann kaum noch Raum für einen Fernseher blieb. Auf den bestand sie vehement, obwohl sie ihren Aktuellen kaum nutzte. Für Erik war das absolut unbegreiflich, aber er war an einem Punkt angekommen, wo er sogar schon bereit war, sich selbst einzugestehen, dass er sich keine Mühe gab, sie zu verstehen. Mit ihr zu streiten war sowieso sinnlos.

Um dem Streit gleich vorzubeugen, hatte er die Auswahl der Wohnungen auch komplett ihr überlassen. So konnte sie ihm wenigstens hinterher keinen Vorwurf machen und gleichzeitig bekam er selbst auch ein kleines Argument in die Hand. Wenigstens dieses eine Mal wollte er auch einen Vorteil haben, den er nutzen konnte. Auch wenn er es am Ende wohl eh nicht tun würde. So sehr sie es auch zu lieben schien, er hasste es, wenn sie stritten. Sie suchte laufend nach Gründen oder Ansätzen und fand auch beinahe immer etwas, worüber sie einen kleinen Streit losbrechen konnte.

Vielleicht war es schon allein deswegen keine gute Idee, mit ihr in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Auch wenn sie im Augenblick relativ zahm war und es so aussah, als könnten sie wirklich einmal gut harmonieren. Er hatte den Verdacht, dass es die ungewöhnliche Stresssituation war, die ihr keine Energie zum Zanken ließ. Immerhin zerrte der ganze Umzugsplan sie weit aus ihrer Komfortzone heraus.

Die dünnen Scheiben klapperten im Rahmen, als auf der Straße ein Bus die Haltestelle anfuhr. Mia kam aus dem Bad und wirkte positiv eingestellt und glücklich. „Mit ein wenig frischer Farbe und Arbeit kann man es doch recht hübsch gestalten.“ Hoffentlich meinte sie damit nicht, dass sie das komplette Bad herausreißen wollte. Auch wenn das in seinen Augen das einzig Sinnvolle war, so viel Aufwand wollte er auf keinen Fall in eine Wohnung stecken. Die Zeit wollte er sich nicht nehmen. Auf dem Weg hinaus fiel ihm auf, dass Mia ziemlich kräftig Blinzelte. Der Stress musste ihr kräftig zusetzen.

„Was für eine schreckliche Wohnung! Ich meine, sie ist schon hübsch, aber diese Farben gehen gar nicht und die Fenster müssten auch dringend neu gemacht werden. Willst du wirklich hier einziehen?“

Mit dieser Frage hatte er gerechnet. Wortlos hielt er ihr die Türe auf, in dem Versuch, sie möglichst elegant zu ignorieren und kam sich dabei tollpatschig wie ein junger Hund vor. Langsam gewöhnte er sich an dieses Gefühl.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 70

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s