Hörsaalgetuschel – Ausgabe 71

Notenfrust

Erik hatte das Kinn auf die verschränkten Arme gelegt und starrte missmutig auf den Bildschirm. Seit einer Woche kontrollierte er mindestens einmal am Tag seine Notenlisten und wartete auf die jüngsten Klausurergebnisse. Er war enttäuscht gewesen, wie die Prüfungen gelaufen waren. Fleißiges Lernen und viel Vorbereitung hatten ihm eigentlich das Gefühl gegeben, gut gewappnet zu sein, für was dort kommen mochte. Doch dann kamen die Klausuren und er hatte sich bei jeder Einzelnen gründlich in der Zeit verschätzt und war nicht fertig geworden. Dabei hatte er wirklich gehofft, endlich einmal Mia Konkurrenz machen zu können.

Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass das eine schöne Idee, aber nicht viel mehr sein konnte. Wenn es um Klausuren ging, war er noch nie besonders gut gewesen und würde es auch nie sein. Trotzdem gab er sich Mühe, besonders in den letzten paar Semestern. Und er hatte sich der süßen Illusion hingegeben, tatsächlich einmal wirklich gut sein zu können und schöne Noten zu schreiben. Selbst nachdem die Klausuren geschrieben waren, und er wusste, dass sie nicht optimal gelaufen waren, hatte er noch auf halbwegs gute Ergebnisse gehofft. Dabei wusste er es eigentlich hier schon besser, der Gedanke war nur einfach zu verlockend.

Doch nun flackerten die Ergebnisse hier vor ihm auf dem Bildschirm, Schwarz auf Blassblau. Unmissverständlich. Vielleicht war ja etwas übersehen worden und nicht jede Aufgabe bei der Wertung gezählt worden. Um das herauszufinden, würde er in die Einsicht gehen müssen. Und schon wieder war sie da, die leise Hoffnung, irgendwoher doch noch einige Punkte holen zu können, um den Schnitt minimal zu heben. Die Korrekturen waren in der Regel sehr gründlich und in der Einsicht noch Punkte zu finden eigentlich kaum möglich. Das wusste er genau und deswegen war es ihm selbst nicht begreiflich, wieso er sich gleich wieder an solche Hoffnungen klammerte.

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Es war einfach an der Zeit, sich die Resultate einzugestehen. Die Noten standen fest und waren verbucht. Sie waren nicht gut aber immerhin bestanden, und wenn er sich noch so lange wünschte, besser durchgefallen zu sein. Es waren weitere Punkte auf seinem Punktekonto und dem Weg zum Abschluss, der immer näher rückte und ihm ebenso Sorgen bereitete. Nun, wenigstens diese konnte er noch eine kleine Weile auf die lange Bank schieben.

Er seufzte schwer und scrollte durch die Liste. In den letzten Semestern waren seine Noten im Schnitt wenigstens ein wenig besser geworden. Schlechter als seine ersten Hochschulsemester konnte er auch nicht werden. Damals hatte er alles zu sehr auf die leichte Schulter genommen und feststellen müssen, dass sich die Uni doch massiv von der Schule unterschied. Plötzlich hatte er aktiv viel machen müssen, um Kurse zu bestehen. Nur das hatte er nicht getan. Das Ergebnis waren durchgefallene Klausuren in Großserie. Wenn er sich jetzt daran erinnerte, war er beinahe amüsiert. Wie leichtsinnig er an das Studium herangegangen war und wie verbissen er sich an der Idee des faulen Studentenlebens mit vielen Partys und wenig Aufwand geklammert hatte. Wenigstens bis zu dem Punkt, an dem er sah, was noch alles ausstand und er drauf und dran war, einfach alles hinzuschmeißen.

Wieso hatte er das eigentlich nicht getan? Vielleicht wäre ein anderer Lebensweg tatsächlich leichter für ihn gewesen. Er wusste bis heute nicht einmal wirklich, wieso er damals angefangen hatte zu studieren. Persönlicher Ehrgeiz konnte es jedenfalls nicht sein, den hatte er noch nie besessen. Vielleicht war es wirklich die Vorstellung des entspannten Lebens gewesen.

Entspannung war eine gute Idee. Er schloss die Notenliste und goss sich einen großen Schnaps ein. Es wäre ihm zwar lieber gewesen, sich im Bett zu verkriechen, dicht an Kristina gekuschelt, und einfach für eine Weile die Augen zu und den Kopf aus zu machen, aber das Leben ist halt nicht perfekt.

Wieso waren ihm die Noten überhaupt so wichtig geworden? Wer würde sich dafür interessieren? Klar, ein Personalchef, der ihn erstmalig einstellen wollte. Aber danach? Wie unüberwindbar sollte diese Einstiegshürde am Ende wirklich sein? Das war doch etwas, was zu schaffen sein müsste. So viele Menschen vor ihm hatten das schon geschafft, mit teils deutlich schlechteren Abschlüssen, als er schaffen konnte. Irgendwie musste es doch möglich sein. Und trotzdem hatte er das Gefühl, dass Noten zum Maß aller Dinge im Studium avanciert waren. Der ultimative Index für erlerntes Wissen.

Wobei schon das allein glatt gelogen war. Klausurnoten waren kein Indikator für das Wissen des Prüflings. Sie waren nicht einmal ein Indikator für die Fähigkeit, Wissen abzurufen. In vielen Fällen waren sie einfach nur ein Zeugnis darüber, wie gut einige Personen mogeln konnten. Die Macht der Noten regte die Kreativität vieler Kommilitonen zu ungeahnten Höchstleistungen an, wenn es darum ging, in Prüfungen zu pfuschen. Er hatte es selbst auch probieren wollen, aber dann festgestellt, dass er dafür einfach nicht taugte. Das war allerdings auch schon wieder eine ganze Weile her.

Vielleicht sollte er es einfach mal wieder versuchen. Das System einfach ändern konnte er schließlich nicht. Dafür müsste er in die Köpfe der Menschen hinein. Vielleicht zu allererst in seinen Eigenen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 71

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