Hörsaalgetuschel – Ausgabe 72

Seifenopern

Das war es, was Erik am Dienstagabend mit Mia am wenigsten leiden konnte. Egal wann, egal wo, egal mit wem, pünktlich um halb sieben hing sie am Fernseher oder dem zugehörigen Webstream. „Alles nur aus Liebe“ hieß das Objekt der Begierde, was sie so völlig in ihren Bann zog. Eine wöchentliche Soap, die ebenso schlecht geschrieben war wie billig produziert. Vermutlich hätte man die Handlung auch so strecken können, dass man täglich Folgen senden konnte. Es würde nicht einmal auffallen, die meisten Folgen, die er gesehen hatte, zeigten sowieso eher den Charakter von Füller-Folgen. Eine große Rahmenhandlung schien es ebenfalls nicht zu geben.

Erik begriff jedenfalls nicht, was Mia so daran fesselte. Sie meinte, man dürfe keine Folge verpassen, weil man ansonsten den Überblick verlieren würde, was passierte. Da mochte etwas dran sein, denn es gab so viele Charaktere und Figuren, dass man schon die Namen leicht durcheinanderbringen konnte.

Die ganze Serie schien ein einziges ‚wer-mit-wem‘ und Gespinst aus Lügen und Intrigen zu sein. Frauen, die wegen banaler Streitigkeiten regelrechte Fehden vom Zaun brachen und Männer, die sich energisch um Frauen stritten, die austauschbar waren wie Blätter Druckerpapier, und deren Charaktere ebenso flach waren. Trotzdem versuchten die Autoren, dramatische Spannung aufzubauen. Ein utopisches Netz von Affären und hier und da einer kleinen Straftat.

Ein junges Pärchen, welches gerade eine gemeinsame Wohnung suchte, wobei Er nicht wusste, dass Sie bereits seit Monaten eine glühende Affäre mit seinem besten Freund hatte und er ihr verheimlichte, dass er nicht erfolgreich im Job war, sondern, statt der Beförderung die Kündigung bekommen hatte. Seitdem verbrachte er seine Arbeitstage mit Schwarzarbeit und in einer Kneipe in der Nachbarstadt. Als Sie das herausfand, ermordete sie ganz nebenbei den Wirt, der in irgendeinem absurd entfernten Verwandtschaftsverhältnis zu ihr stand und ihr doch hätte Bescheid geben müssen. Natürlich kam sie mit einem Mord am helligsten Tage ungesehen und ungesühnt davon. Den einzigen Zeugen verwickelte sie ganz nebenbei in eine schmierige Erpressung. Das Ganze stellte sie dermaßen stümperhaft an, dass der Drehbuchautor allein dafür die Kündigung erhalten musste. Vermutlich war er aber der Einzige, der sich mit solchem Stoff befassen wollte. Doch das ging fast völlig unter zwischen den Szenen, wo ihre klischeehaft blonde und selten-dämliche Cousine das grauenhafte Verbrechen beging, in ihren Vorabiklausuren zu spicken, um den Schnitt zu schaffen, den sie für ihr Medizinstudium brauchte. Das wollte sie natürlich nicht absolvieren, weil sie so begeistert von Medizin war, sondern weil der Mann, denn sie so abgöttisch liebte, das studierte. Und außerdem, weil Papi ihr dann das Studium finanzieren würde und sie auch weiterhin alles, was sie wollte, immer gleich bekommen würde. Und vielleicht einmal seine recht gut laufende Praxis erben konnte.Der Zuschauer wurde damit gelockt, dass sie sich an der Uni, sollte sie ihr Abi jemals schaffen, mit billigem „Durchschlafen“ statt mit guten Leistungen über Wasser halten Würde.

Steinwand in Steinwand

Wer dachte sich eigentlich so etwas aus? Und wie viel Alkohol musste das im Spiel sein? Ganz zu schweigen von anderen, härteren Drogen. Aber Mia liebte die Serie über alle Maßen und ließ bereitwillig alles dafür stehen und liegen. Wieso war ihr eigenes Leben eigentlich so langweilig, verglichen damit?

Sie suchten zwar eine gemeinsame Wohnung, aber er täuschte ihr keinen Job vor, den er nicht hatte und es wäre ihm auch neu, wenn Mia ihm fremdging. Und generell kannte er niemanden, der so durch die Betten hüpfte, wie die Serienfiguren. Klar, jeder handhabte das Thema anders und er kannte Leute, die das Ganze ‚liberaler‘ handhabten, aber dermaßen wild? Und dieses ganze Betrügen und Fremdgehen, wo sollte es das denn bitte geben?

Wobei, wenn er sich recht erinnerte… Tina hatte sich letztes Semester recht auffällig an Flo ran geschmissen. Der war dafür allerdings völlig blind und komplett auf seine Kristina fixiert gewesen. Irgendwann hatte Tina dann aufgegeben, sich kurz bei ihrem eigenen Freund getröstet und dann munter an Erik rangeschmissen. Ihrer Clique gegenüber war ihr die Aussage herausgerutscht, der einfachste Weg ins Herz eines Mannes sei der, über das Bett seines besten Freundes. Erik hatte sie fünf mal abblitzen lassen, ehe er Mia einweihte. Daraufhin hatte sie ganz dezent ihre hölzernen Trainingswaffen mit in die Uni genommen. Weil sie nach der Vorlesung noch eine Prüfung für den achten Dan habe. Erik und Flo hatten noch darüber gespottet, wie plump der Einschüchterungsversuch war, aber er brachte das gewünschte Ergebnis. Wenigstens fürs Erste. Dabei hatte Tina ihn wirklich ins Wanken gebracht. Erik konnte nicht sagen, ob er Tina wirklich toll fand, oder einfach nur das Gefühl genoss, begehrt zu sein, aber sie schien ihm immer anziehender. Dabei wusste er eigentlich zu gut, dass er nicht ihr eigentliches Ziel war. Er bereute nicht, Mia auf sie losgelassen zu haben. Tinas nervöser Blick war im Nachhinein ein wunderbarer Anblick gewesen.

Wenn Erik jetzt so darüber nachdachte, vielleicht war das wahre Leben überhaupt nicht so schrecklich weit von den kitschigen Seifenopern im Fernsehen entfernt. Man musste sie einfach nur als extrem billige, plumpe und überspitzte Realsatiren sehen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 72

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