Hörsaalgetuschel – Ausgabe 73

Nora

„Oh mein Gott, es ist mir egal, was es alles noch an Wohnungen gibt, wir müssen uns endlich für eine entscheiden. Ich muss unbedingt aus dieser WG raus!“

Mia lief wie ein Tiger im Käfig vor Erik auf und ab. Sie war eben erst zur Tür hinein gekommen und hatte seitdem nur einen Beutel mit Wechselklamotten auf den Boden geworfen und ihm einen Kuss auf die Lippen gedrückt. Sie war geladen wie eine Kanone und die Tatsache, dass sie nun eine Pause machte, erzeugte nicht einmal eine trügerische Ruhe. Sie erwartete lediglich, dass er fragte, was los war oder ihr in irgendeiner Form signalisierte, dass sie weiter reden sollte. Es war nicht so, dass sie ihm dabei eine Option offen ließ, sie erachtete es als Höflichkeit, wollte sich aber wahrscheinlich nur seiner Aufmerksamkeit versichern.

„Hm?“ Welch wohlartikulierte und fein formulierte Gegenfrage. Das intellektuelle Äquivalent zum legendären deutschen Fragewort mit zwei Buchstaben. Universell einsetzbar und alles umfassend und außerdem völlig ausreichend, um den Tiger wieder auf seine Reise durch den Käfig zu schicken. Er konnte unterdessen weiter sein Zimmer aufräumen. Es reichte aus, wenn er anwesend war, ab und an reagierte und ihren Ärger aushielt.

„Nora raubt mir noch den Verstand. Es ist der Wahnsinn, wie viel negative Energie in so eine kleine Person passt. Ich hab ja kein Problem damit, wenn mal jemand einen schlechten Tag hat, aber sie sucht ja regelrecht danach. Und dann kann sie das natürlich nicht einmal für sich behalten. Gestern Abend komme ich nach Hause und was finde ich da vor? Die Kuh sitzt in der Küche, säuft MEINEN Sekt aus, und zwar beide Flaschen, und heult mir dann die Ohren voll, wie ungerecht die Welt ist. Wieso das alles? Weil sie auf einer Hochzeit eingeladen ist! Ihre beste Freundin heiratet einen Kerl, mit dem sie noch kein halbes Jahr zusammen ist. Ich sag dir, nach spätestens einem Jahr steht die Scheidung aus aber egal. Aber das ist nicht das, worüber sie rumheult, nein! Sie sitzt da und meint, dann muss sie ja ihre ganzen Freundinnen wieder sehen und die erzählen ihr dann wieder, wie perfekt deren Leben doch ist und alles. Du weißt schon, erfolgreich in der Uni oder halt im Beruf und so. Tja, hätte sie halt mal nicht Germanistik und altchinesische Geschichte studieren sollen. Selber Schuld würde ich sagen. Aber da jammert die mir dann zwei Stunden lang die Ohren mit voll und wundert sich, dass ich sauer bin, weil sie mir nicht einmal was Sekt übrig lassen wollte.

Aber das Beste ist ja, und da habe ich wirklich innerlich gefeiert, dann heult die rum, weil sie keine Begleitung für die Hochzeit hat. Die Anderen kommen alle mit Freund oder Freundin nur sie hat natürlich niemanden. Weißte, erst vergrault die jeden Typen, indem sie ihre Dildos demonstrativ im Zimmer rumliegen lässt, wenn die vorbei kommen, und dann sowas. Ich hätte sie ja beinahe laut ausgelacht. Aber das würde die natürlich auch alles niemals einsehen. Ich hab sie mal einfach unauffällig gefragt, was denn mit dem letzten Typen war. Der war ja sogar noch ein zweites mal da, schien also mal wirklich ernsthaft interessiert zu sein. Wenigstens für den Moment. Nein, mit dem hat sie Schluss gemacht, weil ihr die Muskeln nicht dick genug waren. Vermutlich eher das Portemonnaie aber egal. Der letzte Typ, der nicht nach einem mal wieder sofort weg war, den hat sie ja abgeschossen, weil sie ein Taschentuch neben seinem Bett gesehen hat. Toller Grund, nichtwahr? Sagt, sie will keinen Kerl, ders sich selbst macht, aber selber die Dildos rumfliegen lassen. Weißte, und ich darf mir dann wieder anhören, wie scheiße die Männer doch alle sind, während die mein Zeug wegsäuft. Die kauft mir sowas von neuen Sekt, und nicht den Billigen.“

Erik kroch unter dem Bett hervor und zog eine staubige, bunte Kiste mit sich. Er hatte seine Fotokiste schon vermisst und gesucht, nur halt nicht unter dem Bett. Was hatte sie da schließlich verloren? Und was hatte Mias Unterwäsche da drin verloren? So sehr sie es liebte, über ihre Mitbewohnerinnen zu schimpfen, sie nahm immer mehr deren Sinn für Ordnung und Sauberkeit an. Hinter ihm stieg Mia auf ihrer Wanderroute über seine Beine und holte tief Luft.

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„Jedenfalls habe ich ihr am Ende geraten, alleine auf die Hochzeit zu gehen. Soll sie sich halt an den Trauzeugen des Bräutigams ranmachen. Der wird sich zwar sicher zu schade dafür sein, aber das muss sie ja nicht wissen. Wer weiß, vielleicht versucht sie es wirklich. Auf die Stories bin ich dann aber wirklich mal gespannt. Ich sags dir, der wird sie hart abblitzen lassen und vor der ganzen Mannschaft blamieren. Dann werde ich sowas von lachen. Naja, irgendwann war sie jedenfalls noch besoffen genug, als dass sie mir dann das Brautkleid noch gezeigt hat, was sich Charlotte ausgesucht hat. Extrem kitschig aber es passt halt irgendwie zu ihr. Nur Nora will sich dann halt gleich was holen, was dann vom Stil her dazu passt. So best Friends und so. Ehrlich, das ist so garnicht ihr Stil und wird einfach nur schrecklich aussehen.“

Kitschig war wirklich nicht Noras Typ. Sportlich schlicht würde gehen, aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann würde sie es auch umsetzen. Er wischte den Staub von seiner Kiste mit Karteikarten und stellte sie zurück an ihren angestammten Regalplatz. Auch sie hatten auf mysteriöse weise ihren Weg unter das Bett gefunden. Unterdessen war er erstaunt, wie gut er der Lamentation folgen konnte, ohne wirklich aktiv zuzuhören. Lange konnte ihr Ärger auch nicht mehr vorhalten. Ein Großteil ihres Pulvers hatte sie verschossen und statt durch das Zimmer zu laufen, hatte sie sich an den Schreibtisch gesetzt. Dort war er schon fertig mit aufräumen und putzen. Lediglich sein Laptop verströmte leises Gedudel und kämpfte damit verzweifelt gegen trübe Stimmung vor dem Fenster und Mias Ärger an. Vielleicht sollte er die Musik demonstrativ etwas lauter machen, möglicherweise würde das aber auch in einer Katastrophe enden. Er putzte stattdessen seinen Spiegel.

„So ein kitschiges Kleid würde ihr jedenfalls absolut nicht stehen.“ Da war er ja bereits gewesen… „Aber wahrscheinlich macht sie es trotzdem. Wer weiß, vielleicht sieht es ja an ihr dann extra nuttig aus. Könnte doc lustig werden…“

Nach einem kurzen Moment bemerkte Erik eine verdächtige Ruhe. Er drehte sich um und sah, wie Mia an seinem Laptop etwas las.

„Sag mal, wieso schreibt dir Tina eigentlich eine Mail?“

Scheiße. Damit war die Kanone wieder geladen bis zum Rand. Er schrieb schon eine ganze Weile wieder mit Tina, nur durfte Mia davon nichts wissen. Nachdem die Fronten klar waren, und Tina das zu akzeptieren schien, sah er keine Notwendigkeit mehr, ihr die kalte Schulter zu zeigen. Wieso auch? Aber seine Freundin würde das übermäßig aufblasen und es einfach nicht verstehen können und wollen. Jetzt war es nur zu spät, um das Passwort des Laptops zu ändern.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 73

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