Hörsaalgetuschel – Ausgabe 74

Mindeshaltbarkeitsdaten

Es war ein langer Tag in der Uni gewesen. Dämmerung legte sich bereits über das Land und eine niedrig stehende Sonne würde lange Schatten werfen, wenn sie nicht hinter dicken und düsteren Wolken verborgen wäre. Ein kalter Wind zerrte an den sich verfärbenden Blättern und bereits kahlen Ästen. Die Luft roch schwer nach Regen, der wahrscheinlich noch später am Abend einsetzen würde.

Flo stapfte mit hängenden Schultern durch angewehte Haufen von Blättern und umherfliegendem Müll. Eine alte Zeitung versuchte sich gerade um seine Beine zu wickeln, als er die Straße überqueren wollte. An der nächsten Häuserecke erzeugte der raue Wind eine kleine Windhose, in der, scheinbar fröhlich, eine Plastiktüte mit den Blättern um die Wette tanze. Für die Tageszeit waren erstaunlich wenige Autos unterwegs. Auch die Geschäfte wirkten irgendwie dunkler als gewöhnlich. Der Herbst kündigte sich mit all seiner Macht an.

Dass gerade vorlesungsfreie Zeit war, hieß nicht, dass Flo nicht in die Uni musste. Heute hatte er sich einen Tag in der Bibliothek gegönnt, um sein Wissen etwas aufzufrischen und das nächste Semester einmal vorzubereiten. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er so viel Einsatz gezeigt hatte, und bislang war er irgendwie enttäuscht. Vielleicht hätte er nicht gleich nach den ersten zwei Stunden überragende Ergebnisse erwarten sollen, aber er war ungeduldig.

Die Dönerbude bei ihm an der Ecke verströmte appetitanregenden, einladenden Duft. Seltsamerweise nach allem, außer Döner. Er überlegte kurz, ob er sich trotzdem einen leisten wollte, wobei Pizza oder Burger natürlich auch verlockend waren. Doch eigentlich hatte er noch genug Essbares zu Hause. Vielleicht sollte er vorerst damit vorlieb nehmen. Immerhin wollte er nichts schlecht werden lassen. Er konnte es einfach nicht leiden, Essen wegwerfen zu müssen. Außerdem war es ungesund, dauerhaft von FastFood zu leben. Gut, das gleiche galt theoretisch für Bier, aber da machte er eine Ausnahme. Immerhin war sein Körper quasi perfekt an Bier angepasst, nicht aber an Pizza.

Er öffnete die Haustüre, ohne Pizza oder Döner in der Hand. Ein Mix aus Zwiebel-, Fisch-, Bratfett- und Kuchengerüchen hatte sich im Treppenhaus gemischt. Er hörte und spürte seinen Magen laut knurren. Es war wirklich Zeit, etwas zu essen. Kurz darauf sah er sich in seiner Küche um, und verspürte nicht das allerkleinste Verlangen nach irgendetwas, was er sehen konnte. Vielleicht hätte er sich doch eine Pizza, einen Döner oder eine Nudelbox holen sollen. Dann würde er sich jedenfalls nicht mehr mit dem Thema befassen müssen, sondern konnte einfach essen.

Die Dosensuppen erschienen ihm gerade in etwa so verlockend wie Camping auf einem überfluteten Campingplatz. Sein Brot wanderte direkt in den Mülleimer, ohne die Tüte zu verlassen. Die grünen Flecken waren auch von draußen zu sehen. Kartoffeln oder Nudeln zu kochen war ihm zu viel Aufwand und das Müsli war leer. Reis mit Pesto wäre vermutlich das Einfachste gewesen, aber das hatte er schon letzten Monat gehabt und damit war sein Bedürfnis danach für dieses Jahr eigentlich gestillt.

Gerade, als er sich schon mit einer rohen Scheibe Käse zufriedengeben wollte, fiel ihm etwas ins Auge. Unten im Regal, hinter Aufbackbrötchen und Nudeltüten versteckt, lugte die Ecke eines bunten Pappkartons hervor. Futter! „Frühstückszerealien“, wie die Werbung es so gerne vollmundig nannte. Vermutlich einfach, weil es nicht so schnöde wie „Puffweizen“ klang, und der Kunde doch gerne ein tolles Wort hören will, damit er sich wertvoller und professioneller fühlen kann. So oder so stand dort eine vergessene, unberührte und original verpackte Verpackung von genau diesem kostbaren und vollwertigen Nahrungsmittel und erschien ihm wie ein sieben Gänge Menü eines Sternekochs.

2015-08-28 20.03.10

In dem Moment, in dem er sich entschieden hatte, standen auch bereits Milch und eine Schüssel auf dem Tisch. Der Karton leistete verhaltenen Widerstand, was mit einem ungeduldigen Knurren bedacht wurde, ansonsten aber nicht ins Bewusstsein drang. Die innere Plastiktüte raschelte kurz und mit hellem Klimpern und Rasseln fiel ihr Inhalt in die Schüssel. Der Rest der Küche verschwand in einem wohligen Nebel, nur das Essen blieb im Fokus. Flo schnupperte kurz an der Milch. Sie stand schon seit einigen Tagen im Kühlschrank und er vertraute Milch grundsätzlich nicht. Sie war zu lebendig, als dass man leichtfertig mit ihr umgehen sollte. Zu oft schon hatte er erlebt, dass sie auch im Kühlschrank aktiv geworden war und einen fiesen Beigeschmack bekommen hatte. Diese aber roch herrlich frisch, genau, wie sie sein sollte.

Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als der weiße Strahl in die Schüssel plätscherte und der leichte Puffweizen aufschwamm. Er konnte die mit einer feinen Schicht süßen Honigs überzogenen Körner schon schmecken. Der vertraute Duft stieg ihm in die Nase, wenigstens glaubte er das. Es war ein leicht anderer Geruch, nur wischte er den Gedanken daran fix beiseite.

Der erste Löffel. Dankbar kaute er auf den knusprigen Körnern und schloss für einen Moment und mit einem sehr tiefen Seufzer die Augen. Das war doch bereits alles viel besser. Ein zweiter und ein dritter Löffel folgten, nur die Befriedigung setzte nicht so wirklich ein. Stattdessen hatte er ein merkwürdiges Gefühl.

Irgendwie schmeckte sein Essen anders, als seine Erinnerung es erwartet hätte. Primär roch es auch einfach völlig anders, als es sollte. Wieso hatte er das nicht sofort bemerkt? Einen dermaßen penetranten Geruch musste er doch auf jeden Fall wahrgenommen haben. So viel Vertrauen hatte er schon noch in seinen Körper. Während er den nächsten Löffel kaute, überlegte er, ob er die Schüssel noch zu Ende essen sollte, oder doch lieber weg goss.

Weg schütten wäre natürlich eine ziemliche Lebensmittelverschwendung, aber wenn es nun wirklich schlecht geworden war? Andererseits, es war Puffweizen. Was sollte sich an diesem Zeug befinden, was schlecht werden konnte? Der Geruch des perfekten Produkts allein war schon nicht gesund, aber das hier war noch einmal anders. Er zog die geöffnete Tüte aus dem Karton und schnupperte daran. Ein beißender Geruch von Plastik und Lösungsmitteln stieg ihm in die Nase, trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Angesichts dieses Geruchs war es ein Wunder, dass die Milch noch nicht geronnen war. War es am Ende alles nicht so schlimm?

Mit dem nächsten Löffel kam für ihn die Gewissheit. Es war nicht so schlimm, es war schlimmer. Sein Körper wehrte sich mit allem, was er hatte. Flo konnte sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal so schnell gerannt war. Bis zum Klo brauchte er 2,3 Sekunden, weitere 0,1 Sekunden dauerte es, den Deckel zu öffnen. Es hätte keine hundertstel Sekunde länger dauern dürfen.

Als er wieder Luft bekam und sich traute, die Toilette zu verlassen, untersuchte er den Karton genauer. Alles daran wirkte normal, auch die Tüte darin war intakt und optisch einwandfrei. Dann fiel ihm etwas anderes auf. Kleine schwarze Punkte setzten sich zu einem Mindesthaltbarkeitsdatum zusammen. Flo war ehrlich überrascht, so etwas überhaupt auf Puffweizen zu sehen aber selbst Salz wies eins auf, und das war als mineralischer Rohstoff doch beinahe für die Ewigkeit geschaffen. Es wäre kein Problem, wenn ein Mindesthaltbarkeitsdatum geringfügig überschritten war. Es war immerhin ein Mindestdatum und kein Maximum. Bis dahin ging es auf jeden fall! Nur dieses Datum sah etwas anders aus und Flo sah ein, dass Puffweizen wirklich nicht für die Ewigkeit geschaffen sein konnte. Und dabei war diese Packung erst etwas mehr als zwei Jahre über ihr Mindesthaltbarkeitsdatum. Es war doch wirklich eine Schande.

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 74

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