Hörsaalgetuschel – Ausgabe 76

Gedankenkarussell

Es war mal wieder eine lange Nacht, die spät begann, früh endete und sich trotzdem zäh wie Kaugummi anfühlte. Für Flo war das bereits nichts Neues mehr, allerdings traten diese Nächte in letzter Zeit als regelrechter Schwarm auf. Also lag er in seinem dunklen Zimmer wach, starrte an die Decke und überließ sich seinen Gedanken. Es wäre ihm lieber gewesen, dass die weiche Decke ihn einfach unerbittlich und mit Nachdruck ins Reich der Träume verschleppen würde, doch sie hatte diesen Kampf verloren, bevor er richtig angefangen hatte.

„Was willst du mit dem Leben anfangen, welches dir zur Verfügung steht?“

Das war die Frage, die über allem stand. Was wollte er? Was waren seine Ziele und Wünsche, was seine Träume? Die gleichen Fragen hatte er sich vor vielen Jahren, kurz vor dem Abitur, gestellt. Damals hatte er sie nicht beantworten können und wollen. Stattdessen war er an die Uni gegangen, um noch einmal etwas mehr Zeit zum Nachdenken zu bekommen. Nur hatte er die Zeit für vieles genutzt, außer um Antworten auf seine Fragen zu finden und nun verfluchte er sein Vergangenheits-Ich, welches ihm diese Suppe eingebrockt hatte.

Mia hatte ihr Leben schon seit Jahren durchgeplant. Rational und nüchtern, selbstredend. Erik entschied sich immer für den Weg des geringsten Widerstands und das hieß, dass früher seine Eltern, jetzt Mia für ihn die Lebensplanung übernommen hatten. Erst in letzter Zeit zeigte er sich zunehmend unzufrieden damit. Kristina war ihrem Herzenswunsch gefolgt und konnte es nicht verstehen, wieso nicht jeder es so handhabte.

Nur wie sollte er es ihr denn gleich tun, wenn er keinen Herzenswunsch hatte? Er war immer irgendwie „gewesen“ aber hatte nie den Sinn seines Seins hinterfragt oder zufällig gefunden. Gleiches galt für seine Hobbys. Er hatte noch nie etwas gefunden, was ihn wirklich fesselte und begeisterte. Egal was seine Faszination weckte, nach wenigen Wochen wurde es ihm stets langweilig.

Und vor diesem Hintergrund raste sein Gehirn jetzt, um zwei Uhr nachts, bereits seit Stunden, immer im Kreis. Er brauchte ein Ziel, eine Planungsgrundlage, ein Irgendetwas! Was wollte er erreichen? Wann wollte er wo sein und als was? Was wollte er mit seinem Abschluss anfangen, in welchen Beruf oder welche Branche gehen? Und welcher Abschluss würde es sein? Er hatte überdurchschnittlich lange gebraucht, um bis in Sichtweite zum Bachelor zu kommen. Würde er noch die Energie für den Master aufbringen können und wollen? Oder würde er es vielleicht müssen, weil er ansonsten keine Aussichten hatte?

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Der Bachelor, da schienen sich viele Leute einig, war anscheinend kein vollwertiger Abschluss. Als Absolvent dieses Grades verfügte man über viel Halbwissen und viele Eindrücke aber keine Fähigkeiten und Spezialisierungen, um auf dem Arbeitsmarkt wertvoll zu sein. So jedenfalls, hatte Flo den Eindruck, sollte es ihnen vermittelt werden. Einige Leute wollten trotzdem Bachelorabsolventen einstellen. Aus dem einfachen Grund, dass sie preiswerter waren, denn eine schlechter ausgebildete Fachkraft kann man auch schlechter bezahlen. Dafür hat man dann seinen Berufseinstieg wenigstens geschafft.

Und was dann? Dann sitzt man sein Leben lang in einem Beruf, der sich nach vier oder fünf Jahren als eintönig und sterbenslangweilig entpuppt? Was ist ein Berufseinstieg dann noch wert, wenn man wechseln möchte? In einem Land wie Deutschland, in dem man für sein schönes Raster fast schon einen Fetisch entwickelt hatte und jeder hatte genau in dieses Raster zu passen. Du willst als Handwerker einen Bürojob? Da hättest du besser gleich eine kaufmännische Ausbildung gemacht, denn so passt du nicht auf die ausgeschriebenen Positionen. Du beherrschst eine Fremdsprache, aber hast keinen amtlichen Nachweis darüber? Tut uns Leid, aber so können wir das nicht einschätzen, die Angabe über die Qualifikation ist nichts wert. Autodidaktisch den Umgang mit Software gelernt? Schöner Versuch aber du kannst den Lehrgang nachholen, für nur 200 €. Und du möchtest nach zwanzig Jahren im Dienst mit nur einem Bachelorzeugnis doch noch etwas höher auf der Karriereleiter? Das passt nicht ins Raster.

Möglicherweise besteht später noch die Möglichkeit, entsprechende Zusatzqualifikationen zu erlangen. Möglicherweise aber auch nicht. Wie sollte er das jetzt abschätzen können und wieso verlangte die Welt das von ihm? Nur weil er jetzt erwachsen war, hieß das noch lange nicht, dass er auch weise war, allwissend schon gar nicht. Und dann wieder die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Wo wollte er hin und auf welchem Weg?

Die Zimmerdecke erschien ihm immer weiter entfernt und verhielt sich damit exakt gegensätzlich zu den Wänden. Ihm war schwindlig, er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Allein die Gedankengänge strengten ihn an wie ein Dauerlauf und dörrten ihm die Kehle aus. Er griff neben sein Bett, zu der Wasserflasche und schob sie beiseite. Dahinter zog er eine zweite Flasche hervor. Er wollte endlich Schlafen, und wenn sich sein Gehirn weigerte und ihm den Krieg erklären musste, dann wollte er sich wenigstens nicht kampflos geschlagen geben. Erholsam würde der Schlaf trotzdem nicht werden.

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3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 76

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