Einmal Lächeln mit Fritten zum mitnehmen bitte

Es ist endlich Frühling, die Sonne wagt ihre ersten vorsichtigen Expeditionen über die Landschaft, die Temperaturen krabbeln erschöpfend langsam aus dem Keller und ich begebe mich in den Park.
Der vergleichsweise milde und feuchte Winter macht sich bemerkbar und überall auf den Wiesen sprießt und blüht es. Schneeglöckchen, Krokusse und Osterglocken blühen zeitgleich um die Wette und auch den Bäumen sieht man den frischen Saft deutlich an. In den kommenden Tagen wird auch bei ihnen das große Blühen ausbrechen. Ich gönne mir ein oder zwei Minuten Ruhe, setze mich auf eine Bank und beobachte einfach einmal das verhaltene Treiben an diesem Nachmittag.

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Einige Radfahrer kommen vorbei, offensichtlich sind sie in Eile oder schwer beschäftigt. Ihr Blick ruht nüchtern und leicht gelangweilt auf dem asphaltierten Weg vor ihnen. Vielleicht ist das auch besser so, um Unfälle zu vermeiden.
Zum Beispiel mit der Mutter, die ihr Kind im Kinderwagen durch die Gegend schiebt, zwar nicht zielgerichtet aber dafür konsequent mit dem Telefon am Ohr und den Augen auf einem imaginären Punkt im Irgendwo fixiert. Das Kind bekommt keine Aufmerksamkeit ab, auch wenn es sich sichtlich um eine kleine Reaktion bemüht. Statt eines Lächelns bekommt es einen Schnuller und einen strengen Blick.
Einige Leute auf dem Heimweg sind unterwegs. Die Zeitumstellung ist ihnen nicht gut bekommen, denn sie schleppen sich mit schlaffen Gesichtern und schlurfenden Schritten voran, dem heimischen Kühlschrank oder Fernseher entgegen. Einige jüngere Leute haben offenbar mehr Energie. Es ist generell recht belebt, in diesen kurzen Minuten im Park.
Zwischen den Bäumen im Süden taucht ein älterer Mann auf. Er wirkt leicht verwirrt und spricht die anderen Passanten mit starkem lokalen Dialekt an. „Wieso guckst du denn so traurig? Es ist doch so ein schöner Tag.“ „Was ist denn los? Du guckst, als wäre jemand gestorben.“ „Sieh dir doch lieber einmal die Blumen an und guck nicht bloß so ernst.“
Den meisten Menschen ist er suspekt. Sie gehen ihm aus dem Weg, ignorieren ihn oder verziehen genervt das Gesicht. Einige wenige lächeln auch amüsiert, ob des merkwürdigen Kauzes, welcher hier sein Unwesen treibt. Und dabei hat er recht! Selbst mir ist aufgefallen, dass beinahe niemand, der durch den Park kommt, seinen Blick schweifen lässt oder wenigstens gut gelaunt scheint. Gut, abgesehen von dem frisch verliebten Pärchen, welches so glücklich miteinander ist und kaum die Finger voneinander lassen kann. Für diese beiden müssen allerdings nicht einmal die Blumen blühen.

Wieso eigentlich? Wieso wird selbst bei solch einem tollen Wetter und so schönen Blumen nicht darauf geachtet, sondern stattdessen Trübsal geblasen? Der alte Mann mag nicht besonders geschickt darin gewesen sein, die Leute aufzumuntern, aber trotzdem hat er einen Punkt. Es wird viel zu viel trübe Laune verbreitet und albern sein ist kindisch. Neugier und Begeisterung für Unbekanntes ist unerwünscht. Sei unauffällig, halt den Kopf unten, fall bloß nicht auf, bereite niemandem Schwierigkeiten und passe dich an. Wie entsetzlich grau und schrecklich kann man ein Leben eigentlich gestalten?

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Es ist so traurig, wie früh damit angefangen wird, kleine Leben in dieses Raster zu pressen. Wie das des kleinen Jungen, der gerade völlig fasziniert von der Elster ist, die sich gerade mit einem Eichhörnchen anfreundet. Er ist so gefesselt, dass er die Welt um sich herum völlig ausblendet. Der alte Mann bemerkt das und ist restlos begeistert. Noch ein wenig mehr, und er könnte vor Glück in Tränen ausbrechen. Die Mutter wird ungeduldig und nervös. Vielleicht liegt es daran, dass das Eis in der Einkaufstüte schmelzen könnte oder dass sie noch die Wäsche falten will, ehe ihre Mutter zum Kaffee kommt. Vielleicht hat sie aber auch den alten Mann bemerkt und will auf keinen Fall etwas mit ihm zu tun bekommen. Jedenfalls stopft sie ihren Sohn grob in den Kinderwagen zurück.
Elster und Eichhörnchen werden durch die plötzlichen Bewegungen des großen Zweibeiners aufgeschreckt und verschwinden in den Büschen. Der Moment ist zerstört, ein zaghafter Forschergeist hart vor den Kopf geschlagen und die Welt erscheint für das ein oder andere Auge gleich weniger farbenfroh. Ich sehe, wie die Schultern des alten Mannes resigniert herabsinken. Ich versuche mir vorzustellen, was gerade in seinem Kopf vorgehen könnte.
Vielleicht denkt er sich gerade, dass es schön sein könnte, wenn gute Laune und Lächeln am Kiosk oder der Imbissbude an der Ecke zu bekommen sein könnten. „Einmal ein Lächeln mit Fritten zum Mitnehmen bitte.“ Der Gedanke ist so absurd, dass ich unwillkürlich darüber kichern muss.

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5 Gedanken zu „Einmal Lächeln mit Fritten zum mitnehmen bitte

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