Hörsaalgetuschel – Ausgabe 77

Wandlungen

Inzwischen war nicht nur Flo, sondern auch Mia und Erik so lange an der Uni, dass auch ihnen gewisse Entwicklungen nicht vorenthalten blieben. Zunächst war es nicht wirklich auffällig jedes mal zum Semesterbeginn, wie auch jetzt wieder, zeigte sich der Kontrast besonders stark. Nicht an jeder Uni, denn nur wenige Unis starten sowohl im Sommer als auch im Winter Studiengänge im ersten Semester, aber hier ist das der Fall. Wer also nach seinem Abi oder vergleichbaren Schulabschluss noch ein halbes Jahr länger Urlaub, Praktikum oder Arbeit haben wollte, oder einfach die Fristen verpasst hatte, der konnte hier trotzdem gleich starten. Oder man hatte zunächst den falschen Studiengang gewählt und wechselte nun nach einem Semester.

Für dieses Semester war das nicht relevant, es war sowieso der übliche Start. Und was für einer. Flo hatte den Eindruck, das halbe Land musste sich plötzlich für ein Studium entschieden haben und alle waren genau hier hergekommen. Mit Mia und Erik gemeinsam saß er auf dem Campus, aß Waffeln und beobachtet die Massen nervöser Erstis, die umhereilten und sich zu orientieren versuchten. Wie um alles in der Welt sollten die alle in die Hörsäle und Seminarräume passen? Wer sollte die alle unterrichten? Ein Teil davon würde zweifelsfrei bei Mia landen, die missmutig abwechselnd auf einem Stück Waffel und einem alten Brötchen kaute. Flo hatte an ihr eine Entwicklung bemerkt, wie er sie schon bei vielen Studenten gesehen hatte, und bei sich selbst immer zu vermeiden versucht hatte.

In den ersten Semestern hatte Mia immer viel Wert auf ihr Erscheinen gelegt. Die lockigen Haare waren gepflegt und oft kunstvoll geflochten, wenigstens aber frisiert und gekämmt. Ihr Outfit hatte immer gut zusammengepasst und war sportlich und schick. Ziemlich bald hatten die Kleidungsstücke nicht mehr so gut harmoniert und das Schicke war Pragmatismus und Bequemlichkeit gewichen. Ausgewaschene und zu große Pullover mit ausgebeulten Jogginghosen waren keine Seltenheit. Seit sie mit Erik zusammen war, schminkte sie sich auch nicht mehr für die Uni und ihre Haare waren des Öfteren wohl nicht einmal gewaschen. Es war ihr einfach egal geworden.

2015-10-03 11.00.55Bei Erik verhielt es sich beinahe entgegengesetzt. Als er an die Uni gekommen war, hatte er gut eingetragene Jeans, Comicshirts und offenbar seit Langem geliebte Kapuzenpullis getragen. Inzwischen hatte er seinen Kleiderschrank etwas umorganisiert. Zwischen den Jeans lag eine wachsende Anzahl an Stoffhosen, die bunten Shirts wurden nach und nach von Hemden ersetzt und die Kapuzenpullis waren wenigstens neu und nicht verwaschen. Er wirkte damit insgesamt reifer, erwachsener und mürrischer.

Eine ähnliche Entwicklung würden viele der neuen Erstis hier wohl auch durchmachen. Einige, die jetzt noch schick herausgeputzt wie auf einer Party herumliefen, würden sich kräftig gehen lassen und es würde ihnen völlig egal sein. Bei ihnen war es am auffälligsten, was das Studium aus ihnen machte. Besonders jetzt, in den ersten Tagen, war der Kontrast zwischen Alt und Neu dabei besonders stark. Auf der einen Seite die energetisch höchst geladenen und in ihren guten Sachen hergerichteten Erstis, auf der anderen, schlurfende Studenten im letzten Lehrjahr, die sich lieber um ihr Studium und die Freizeit dazwischen als um ihr Aussehen kümmerten. Sie hatten ihren Freundeskreis hier gefunden und sahen keine Notwendigkeit, weiterhin für irgendwen Eindruck schinden zu müssen. In ihren Augen spiegelte sich nur all zu oft ein Schimmer Desillusionierung.

Die anderen, in ihren alten Lieblingsklamotten, sind oft eher Mauerblümchen. Sie haben die Schule als Außenseiter, Freaks und Streber durchlebt, mit wenigen sozialen Kontakten und ähnlich viel Selbstbewusstsein. Hier gibt es nun plötzlich ganz viele von ihrer Sorte und zum ersten mal seit vielen Jahren ist es ihre eigene Wahl, ob sie Außenseiter bleiben wollen oder nicht. Es wird eine Weile dauern, bis sie sich daran gewöhnt haben und entsprechend auftreten aber es wird bei den Meisten irgendwann so kommen. Die Uni lässt niemanden so gehen, wie er gekommen ist.

Selbst Flo, der immer versucht hat er selbst zu bleiben, bemerkt Veränderungen bei sich. Der alte Dreitagebart ist inzwischen einem etwas stattlicheren kurzen Vollbart gewichen, seine Haltung hat sich etwas gebessert und die bunt bedruckten T-Shirts sind immer häufiger schlicht einfarbig. Es ist nur eine kleine Wandlung, was ihn tröstet, da es für ihn heißt, dass er sich selbst trotzdem treu bleibt.

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3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 77

  1. Simmis Mama

    Oh ja, das ist das tolle an der Uni, dass es so wahnsinnig viele Menschen gibt. Ich durfte meine Außenseitertum dann auch endlich aufgeben. Und ich bin Freak und Streber geblieben 😀
    Meine Erscheinung hat sich viel gewandelt. In deiner Ausführung fehlt der Geldaspekt noch. Ich konnte mich selten so kleiden wie ich es wollte.

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    1. dergrafvonborg Autor

      Gut, ich fürchte, ich kann keine Vollständigkeit bieten. Dafür würde wohl selbst eine Doktorarbeit nicht ausreichen, so viele verschiedene Aspekte und Charaktere da zusammen laufen würden. Trotzdem bietet die Uni vielen Leuten die Möglichkeit für einen Neuanfang.

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  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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