Hörsaalgetuschel – Ausgabe 78

Kompromisse

„Wie sieht es nun wohnungstechnisch bei euch aus?“

Flo war neugierig und der ruhige Abend mit Erik schien ihm günstig, diese Neugier zu befriedigen. Mia hatte sich mit ihren Mädels verabredet, um gemeinsam eine Fernsehserie zu gucken. Für Flo und Erik die Gelegenheit, sich einen Film anzusehen, Pizza zu futtern und was das Wichtigste war, Eriks Biervorräte zu vernichten. Mia hatte deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Bier im Haushalt missbilligte. Bis zum Umzug musste es also weg und es wäre eine Schande, es einfach durch den Ausguss zu schicken. Erik hatte bereits zwei Flaschen leer und kaute nun leicht nachdenklich auf einem Stück Pizza.

„Nun, Mia hat eine Wohnung gefunden, mit der sie glücklich ist. Sie hat den Mietvertrag auch schon unterschrieben. Ich schätze mal, wir werden in den nächsten Wochen renovieren und dann umziehen.“

Erik kratze sich am Bart und Pfiff in die halb leere Bierflasche. Er sah seinen Freund an und versuchte zu erahnen, was hinter seiner Stirn vorging.

„Mia ist also glücklich damit. Was ist es denn für eine geworden? Und wo?“

„Ja, jedenfalls sagt sie das. Drei Zimmer, Küche, Bad, kleiner Flur, gut nutzbarer Raum, ein Balkon, recht frisch saniert und bezahlbar. Die Lage ist recht gut. Am Rand von der Altstadt, etwa auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Uni. Es ist eigentlich alles in Reichweite.“

„Also, bist du auch glücklich damit? Du klingst etwas nüchtern.“

Erik hörte auf, an der Pizza zu kauen und sah verwirrt auf. Ob er mit der Wohnung glücklich war? Wieso denn er? Es wurde ihm allmählich bewusst, dass Mia derart das Ruder bei der Wohnungssuche an sich gerissen hatte, dass er am Ende überhaupt nicht mehr nach seiner Meinung gefragt worden war. Nicht einmal von sich selbst. Genau genommen hatte Mia ihn von Anfang an schon nicht gefragt. Sie war einfach davon ausgegangen, dass er ihren Geschmack teilen würde. Und nun sollte er plötzlich eine Meinung haben.

„Ich weiß es nicht genau. Ich mein, es gibt schon gute Argumente dafür. Die Lage ist wirklich gut, auch wenn der Balkon nach Nordwesten zeigt und nur abends Sonne bekommt.“

Er zögerte und Flo hob fragend die Augenbrauen. Erik hatte das angeknabberte Pizzastück zur Seite gelegt und starrte ins Leere. Flo nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche, dachte kurz nach und wagte einen Schuss ins Blaue.

„Eigentlich möchtest du nicht mit ihr zusammenziehen, oder?“

„Du kennst sie doch. Das ist nichts, was sie zur Diskussion stellen würde. Entweder du bist ihr ergeben oder halt gegen sie. Sie ist unfähig, irgendetwas dazwischen wahrzunehmen. Und sie sieht nicht ein, dass sie die Eigenschaften ihrer Mitbewohnerinnen annimmt. Sie wird schlampig, lässt überall ihr Zeug rumliegen, geht an alles dran, ohne zu fragen, und will mich dafür kritisieren.“

„Hast du ihr gesagt, dass dich das stört?“

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Erik sah ihn verständnislos an. Ihr das gesagt? Brachte man einen Zug zum Stoppen, indem man sich davor warf? Er mochte leichtsinnig sein aber dafür nicht dumm genug.

„Du kennst sie doch auch schon eine Weile. Was passiert, wenn ich ihr sage, dass sie wie ihre Mitbewohnerinnen geworden ist, von denen sie ja unbedingt weg will?“

Flo überlegte kurz und sah es dann ein. Es gab Dinge, über die musste man gar nicht erst reden. Auch in Beziehungen oder gerade dort. Man kennt sein Gegenüber, weiß, wo Stärken, Schwächen, Vorlieben und Abneigungen sind. Welchen Grund könnte es geben, seinen Partner um etwas zu bitten, von dem man wusste, dass es ihm nicht gefiel? Und in diesem Fall war es nicht nur unangenehm, sondern regelrecht gefährlich. Was würde Mia tun, wenn Erik ihr das eröffnete?

„Ich schätze, in dem Fall würde ich mir eine neue Krawatte kaufen, extra für deine Beerdigung.“

„Dankeschön, zu gnädig.“

„Aber das klingt ja schon so, als hättet ihr da aktuell etwas weiter reichende Probleme, als nur die Wohnung.“

„Tja, eine Beziehung ist halt immer ein Kompromiss, und du weißt ja, wie kompromissbereit sie ist. Es bleibt vieles an mir hängen und irgendwann hab auch ich da mal genug. So sehr ich sie auch liebe, aber das geht nicht auf ewig so weiter. Wir wissen beide gut genug, wie kritikfähig sie ist und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann will sie es auch umsetzen. Ich glaube, es ist nur völlig neu für sie, dass sie jetzt mit dem Umzug nicht nur von sich selbst, sondern auch von mit ausgehen muss. Damit betritt Madame Einzelkind völliges Neuland.“

„Wie habt ihr das denn bisher immer gemacht? Ich mein, ich weiß ja, dass ihr immer wieder Streit hattet, auch wegen solcher Sachen wie Kompromisse und Meinungen, aber irgendwie müsst ihr doch auf einen gemeinsamen Nenner gekommen sein.“

„Der gemeinsame Nenner ist ihre Meinung gewesen, in den meisten Fällen. In einzelnen Situationen hat ihr auch meine Meinung mal gut genug gefallen aber… ich weiß es doch auch nicht. Ich will ja auch, dass es ihr gut geht, nur wenn es ihr dabei permanent egal ist, was mit mir ist, dann fehlt mir auf Dauer einfach das Gleichgewicht.“

„Und dieses „auf Dauer“ ist jetzt offensichtlich erreicht. Sehr schade.“

Flo seufzte, leerte seine Flasche und machte die nächste auf. Er konnte gut verstehen, was Erik meinte, und doch bekümmerte ihn diese Desillusionierung ein wenig. Sowohl Erik als auch Mia hatten ihn immer wieder in ihre Konflikte mit hineingezogen und davon gab es eine Menge. Nun aber war wohl endgültig ein Punkt erreicht, an dem es so nicht mehr weiter ging. Flo sah nicht, dass Mia in nächster Zeit ein Bewusstsein für Kompromisse und die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen entwickelte. Sie hatte ihre Meinungen und Ansichten und war in ihnen fest und unerschütterlich eingefahren. Eine weitere Meinung zu präsentieren wäre für sie vielleicht einen kurzen Gedanken wert, aber sicherlich würde sie sich nicht entsprechend ändern. Das widerstrebte ihrem ganzen Selbst.

Und Erik, der würde trotzdem mit Mia zusammenziehen, auch wenn er es eigentlich nicht wollte. Aber so, wie Flo ihn kannte, würde er nicht mehr einfach nur ihr Anhängsel sein wollen. Er würde Widerstand leisten, wie er es gewohnt war. Subtil aber hartnäckig.

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2 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 78

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