Momente

Manches mal sind es die ganz kleinen Dinge, die einem den Tag versüßen können, und graue Wolken weiß, oder die Sonne heller erscheinen lassen. Ein frisch geputztes Bad nach einer langen Prüfungsphase, in der man sich für nichts Zeit genehmigen möchte, als für das Nötigste, fürs Lernen und viel zu viele Ablenkungen. Eine lange ersehnte Mail oder Nachricht von einer bestimmten Person oder manches mal auch wirklich nur ein Augenblick. Teilweise völlig belanglose Nichtigkeiten, die aber genau das für irgendjemanden in dem Moment überhaupt nicht sind.

Ich bin auf dem Rückweg vom Einkaufen. Das Wochenende steht vor der Tür, der Supermarkt war zum Bersten voll, und dass es endlich Frühling wird und man heute zum ersten mal wirklich ohne Jacke vor die Türe kann, tut dem sicherlich keinen Abbruch. Lärmend wälzt sich die Blechlawine des Feierabendverkehrs durch die Straßen. Der von ihr aufgewirbelte Staub scheint die Sonne schwächer scheinen zu lassen. Zwei Hunde bellen sich nervös aufgeregt an, während Herrchen und Frauchen feststellen, dass sie beide den gleichen Zigarettenautomaten als Ziel haben. Optisch harmonieren sie sogar recht gut. Viele Zigaretten haben die Haare dünn und die Haut faltig werden lassen, dabei sind beide noch recht jung.

Ein paar Studenten fädeln sich auf ihren Fahrrädern durch den dichten Verkehr, der Bus protestiert mit seiner Hupe dagegen. Ein Mofa löst sich aus dem Verkehrsstrom und dröhnt an mir vorbei. Der Geruch des Zweitakters hängt noch lange danach im Wind. An einem unbestimmten Punkt vor meinen Augen bringt die Sonne scheinbar die Luft, vermutlich aber nur den Staub zum Glitzern, und verleiht der Szene einen winzigen Hauch Magie. Die Einkaufstasche zieht schwer am Handgelenk. Unter der Aktionswahre im Supermarkt habe ich niederländische Stroopwafels gefunden und konnte nicht widerstehen, obwohl ich genau weiß, dass sie nicht so gut schmecken werden wie die in meinen Kindheitserinnerungen. Trotzdem freue ich mich darauf.

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Rechts von mir sammelt eine Hecke in der Frühlingssonne die Kraft, frisch auszutreiben und den schmalen Streifen Garten dahinter besser zu verbergen. Dahinter erregt eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Ein kleines Kind klettert über die hölzerne Brüstung eines Sandkastens und läuft auf unsicheren Beinen seinem etwa gleichaltrigen Spielkameraden entgegen, welcher mit gleichermaßen tapsigem Windelpopo ein Förmchen anschleppt. Die Mütter sitzen etwas abseits im Hintergrund und unterhalten sich gedämpft, dampfende Kaffeetassen neben sich. (Wieso sind es eigentlich immer die Mütter und fast nie Väter, die sich mit den Kindern befassen?)

Noch steht die Sonne hoch genug und ist die Hecke licht genug, als dass die Sonnenstrahlen das Ganze perfekt ausleuchten. Sie brechen sich im Dampf über den Tassen, spielen auf den Blütenblättern der Blumen, die sich sanft im Wind wiegen und fast wirkt es so, als würden sie sogar das leise Kichern der Kinder besonders hell und unbeschwert klingen lassen wollen. Sie wissen noch nichts von dem, was ihr Leben für sie bereithält, und das ist vielleicht auch sehr gut so.

Drei Sekunden später bin ich schon vorbei gelaufen. Ich bin nicht stehen geblieben. Selbst wenn ich schnell genug dafür reagiert hätte, ich hätte diese kleine Idylle auf keinen Fall stören wollen. Diese seltsame, kleine Oase der Ruhe, abseits des irgendwie grobschlächtigen Lärmes der Stadt. Die filigrane Leichtigkeit dieses Ortes hat mich erfasst und breitet sich heiter in mir aus, als wolle sie jeden Rest eines trüben, dunklen und kalten Winters aus mir vertreiben. Was es aber auf jeden Fall treibt, ist, mir ein Lächeln ins Gesicht. Die Einkaufstasche fühlt sich gleich etwas leichter an und die Waffeln werden süßer schmecken, als ich es eben noch befürchtet habe. Drei Sekunden, die mir eine Dosis Glück verabreicht haben, die für den ganzen Rest des Tages reicht.

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