Hörsaalgetuschel – Ausgabe 79

Passwort

Mia war irritiert. Etwas war anders, als sie es gewohnt war. Sie hatte ja darüber hinwegsehen wollen, dass Erik noch immer keine Anstalten machte, irgendetwas in Umzugskartons zu verstauen und das, obwohl der Umzug bereits in einem Monat sein sollte. Sie saß schon seit Wochen auf gepackten Kisten und Kästen und hier war alles aufgeräumt und in den Regalen verstaut. Als hätten sie ewig Zeit, um alles zu bewerkstelligen. Und nun auch noch das hier. Eigentlich hatte sie nur Musik anmachen wollen. Erik war auf dem Weg unter die Dusche gewesen, als sie angekommen war, und es schien ihr wenig verlockend, ihn zu begleiten. Also hatte sie sich an den Rechner gesetzt und ihn hochfahren wollen, aber er akzeptierte das Passwort nicht mehr.

Sie fühlte sich verraten, hintergangen und irritiert. Das Passwort hatte doch immer funktioniert, schon seit über einem Jahr. Erik hatte es ihr nie verraten, sie hatte ihm einfach auf die Finger gesehen, als er es eingegeben hatte. Immerhin war er ihr Freund und hatte keine Geheimnisse vor ihr. Jedenfalls hatte sie keine vor ihm, also wieso sollte es umgekehrt so sein? Vielleicht sollte sie ihn einfach fragen.

„Schatz, mit dem Computer stimmt etwas nicht.“

„Wieso? Was hast du denn damit angestellt?“

Durch das rauschende Wasser war seine Stimme gedämpft aber trotzdem noch verständlich. Hatte sie da etwa einen leisen Vorwurf gehört? Sie hatte doch alles wie immer gemacht.

„Der akzeptiert das Passwort nicht mehr!“

„Ehrlich nicht? Bei mir eben ging es noch.“

Hätte sie jetzt mit ihm unter der Dusche gestanden, hätte sie eventuell bemerkt, wie er sich ein albernes Grinsen erlaubte. Oder aber sie wäre viel zu sehr mit ihren Haaren beschäftigt gewesen. So aber versuchte sie es einfach noch einmal mit dem Passwort, dann mit besonderer Aufmerksamkeit, dann noch einmal mit veränderter Groß-Kleinschreibung. Keines davon reichte der blöden Kiste, um ihr Musik zu servieren.

2015-06-04 17.09.45.jpg

„Bei mir funktioniert es aber nicht. Wieso nicht?“

„Welches hast du denn versucht?“

Was war das schon für eine Frage. Der Rechner hatte doch nur das eine. Erik hatte generell nur das eine, welches in diversen Abwandlungen auch auf allen Social Media Plattformen zum Einsatz kam. Nur für die Uni hatte er andere, aber auch die gaben den Computer nicht frei.

„Na das gleiche wie immer. Hast du es etwa geändert?“

Der Gedanke daran allein empörte sie. Er hatte ihr nichts davon erzählt, dass er ein neues Passwort einrichten wollte. Auch nicht, wieso und auch nicht welches. Im Bad wurde das Wasser abgestellt.

„Natürlich, das soll man doch immer mal wieder machen. Einfach wegen der Sicherheit. Änderst du dein Passwort etwa nie?“

„Wieso sollte ich das ändern? Außer mir benutzt nur du meinen Laptop und vor dir habe ich ja keine Geheimnisse.“

So sehr sie sich auch bemühte, neutral zu klingen, sie verlangte, dass er den verborgenen Hinweis wahrnahm und ihr einfach das neue Kennwort nannte. Einfach, als Beweis seines Vertrauens. Oder hatte er etwa wirklich etwas vor ihr zu verheimlichen? Sicherlich eine erotische Mail von Tina. Schrieben sie sich immer noch Mails? Und blieb es nur bei Mails oder was lief da noch? Wenn sie erst einmal zusammenwohnten, dann würde sie das viel einfacher im Auge behalten können. Außerdem sendete es ein ganz anderes Signal aus, wenn ein Paar zusammenlebte, als wenn jeder in seiner eigenen Wohnung saß. Dem würde sich auch Tina nicht entziehen können und hoffentlich endlich aufhören, sich an fremde Freunde ranzuschmeißen. Und wieso zögerte er so lange, ihr das neue Passwort zu sagen? Musste sie wirklich so deutlich werden? „Junge, du weißt es noch nicht, aber du steckst in großen Schwierigkeiten“, dachte sie und versuchte dann besonders harmlos und unbedarft zu klingen.

„Wie geht denn das Neue?“

Wieder keine Antwort. Das Schloss der Badezimmertüre klapperte und Erik kam mit zerstubbelten, feuchten Haaren und seinem Handtuch, wie einen Wickelrock um die Taille gewickelt, heraus. Er drängte sich zwischen sie und den Computer, sodass sie weder Monitor noch Tastatur sehen konnte, Tasten klapperten und nur Augenblicke später drehte er sich zu ihr um und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, was sie vielleicht noch mehr ärgerte, als das unbekannte Passwort.

„Du solltest das ab und zu ändern, weil es nicht nur für diejenigen ist, welche an der Tastatur sitzen, sondern auch für jene, welche sich über das Internet einschleichen wollen, um an deine Daten zu kommen. Darum!“

Er lächelte sie heiter an, ehe er wieder im Bad verschwand und sie vor einem, bis auf den Musikplayer, leeren Bildschirm zurückließ. Wäre sie nicht so bemüht gewesen, ihren Ärger und Frust zu verbergen, sie hätte vielleicht bemerkt, dass in seinen Augen etwas glitzerte, und es war ganz sicher nichts, was zu dem weichen Lächeln und dem Kuss gepasst hätte.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 79

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s