Hörsaalgetuschel – Ausgabe 80

Bibstrategen

Flo war in der Bibliothek. Alleine. Nicht, weil er für eine Gruppenarbeit hier verabredet war, nicht, weil er für eine Hausarbeit etwas suchte und nicht, weil ihn jemand geschickt hatte. Er war hier, weil er einfach neugierig wegen eines Themas war, und weitere Informationen suchte.

Vermutlich war er selbst am meisten verwundert deswegen. Sogar erstaunter noch als Mia, die ihm in letzter Zeit vermehrt vorgeworfen hatte, zu faul für die Uni zu sein. Im Gegensatz zu ihr war er nicht besonders scharf darauf gewesen, sich den Stundenplan voller zu laden als unbedingt notwendig war. Zu Semesterbeginn war er immer dankbar um einen möglichst leeren Stundenplan gewesen. Erst am Ende hatte es ihm immer irgendwie leidgetan, nicht noch einige von den interessanten Fächern belegt zu haben. Vielleicht hatte sie ja sogar recht und er war wirklich zu faul, wenn er immer nur das Nötigste machte, aber der Tag würde nicht kommen, an dem er das zugeben würde.

Es erstaunte ihn auf jeden fall, wie interessant es in der Bibliothek sein konnte. Mit viel Zeit wanderte er zwischen den Regalen entlang, las die Buchtitel, holte immer wieder eines heraus und blätterte fasziniert darin herum. Immer wieder musste er sich an das Thema erinnern, weswegen er eigentlich hierher gekommen war. Immer wieder fand er sogar etwas dazu, überflog Zusammenfassungen und Inhaltsverzeichnisse und fühlte sich dabei wie ein richtiger, fleißiger Student. Zwei vielversprechende Bücher hatte er schon in der Hand, mit dem Vorsatz, sie auszuleihen und später in Ruhe zu lesen.

Bunte Buchrücken zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Er war inzwischen bei einem anderen Fachbereich angekommen aber die Titel waren nicht weniger interessant. Neugierig hockte er sich in den Gang und begann zu lesen. Der Weg zu den Tischen im Lesesaal war ihm zu weit und außerdem wollte er sich doch nur einen Überblick verschaffen und nicht intensiv lesen. Das konnte er schließlich später noch genauso gut.

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Mia hatte aus dem Bücher ausleihen eine kleine Wissenschaft gemacht. Sie suchte sich immer einzelne Exemplare im Katalog heraus, die vielversprechend klangen. Dann holte sie die entsprechenden Titel aus den Regalen, verglich sie mit anderen Werken und nahm auch immer einige andere Bücher aus dem Abschnitt mit. Danach saß sie mit einem großen Stapel am Tisch und las die Inhaltsverzeichnisse und bestenfalls noch die Stichwortverzeichnisse. Was ihr zusagte, wurde ausgeliehen, der Rest landete auf einem der Rückgabewagen. Und bei ihr gab es immer viel Rest. Sie lieh viel aus, las bestimmt auch einiges, aber eine gute Anzahl der Bücher hatte sie vermutlich trotzdem nie aufgeschlagen, wenn sie sie kurz vor Ablauf der Frist wieder zurückgab.

So systematisch ging Flo nie an die Sache heran. Er war kein Mensch für Systematiken, sondern eher für das Bauchgefühl. Und er war viel zu faul um Bücher zu schleppen, in die er nie hineinsehen würde. Wenn er etwas lesen musste, dann tat er es meist gleich in der Bibliothek, im Lesesaal. Ausgeliehen wurde nur in Ausnahmefällen, wenn er seine Arbeiten so lange aufgeschoben hatte, dass er tatsächlich zu Hause schreiben musste.

Die Situation, dass er las, weil er lesen wollte, war ihm neu. Natürlich hatte er einige Bücher schon freiwillig gelesen. Romane in unterschiedlichen Formen und Farben, seltener auch Sachbücher oder sogar einmal eine Biografie. Mit der Uni hatten aber alle nie etwas zutun gehabt. Und doch saß er jetzt hier. Es war fast schon bedenklich. Da war er nun wirklich schon so lange an der Uni, dass er für die Themen echte, ehrliche Begeisterung und Neugier entwickelte. Und dennoch fühlte es sich irgendwie gut an. Nicht nur, weil das Thema wirklich spannend war, und er wirklich Antworten finden wollte. Sondern auch, weil er sich heimlich tatsächlich einmal nicht wie ein Taugenichts fühlte, im Gegenteil. Es kam ihm fast so vor, als wäre er ein guter, eifriger Student. So, wie es eigentlich von ihm erwartet wurde.

Am Ende war es doch kein reines Hobby, wegen dem er hier war. Zwei Bücher hatte er gefunden, die ihm bei einer Hausarbeit weiterhelfen konnten. Beide hatte er nur durch Zufall entdeckt, aber dann doch mitgenommen. Zusammen mit den Büchern zu seinen eigenen Fragen stand er am Ende mit mehr Büchern am Ausgang, als er jemals vorher gehabt hatte. Fast schon wünschte er sich, dass er mit seiner Beute irgendwie im Foyer auffallen würde. Und das, obwohl er sich heute nicht einmal die Haare gemacht hatte.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 80

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