Hörsaalgetuschel – Ausgabe 81

Jemand der aufpasst

„Ich brauche wirklich jemanden, der auf mich aufpasst.“

Das waren die ersten Worte, mit denen Eriks Verstand ihn an diesem Morgen empfing. Die Nacht war viel zu früh vorbei, dafür, dass er dermaßen viel zu spät erst schlafen gegangen war. Aber er lernte es auch einfach nicht. Inzwischen war sein ganzer Biorhythmus um mindestens drei volle Stunden verschoben und er war nur schwach motiviert, das zu korrigieren.

Besonders im Augenblick war er eigentlich nur motiviert, sich umzudrehen und weiter zu schlafen. Der Kopf dröhnte ihm, die Nase war verstopft, er fühlte sich wie gerädert und vollkommen erschöpft und ausgelaugt. Sollte man nach einer Nacht voll Schlaf nicht ausgeruht und erfrischt sein statt völlig zerstört? Er hatte eine Beschwerde an Mutter Natur zu richten, offenbar war bei seiner Produktion etwas durcheinandergeraten. Konnte er dafür eine Korrektur bekommen?

Jemand, der auf ihn aufpasste. Es dauerte einige Augenblicke länger, bis er realisierte, dass diese Forderung in seinem Kopf personenungebunden war. Erst im dritten Anlauf kam er auf seine Freundin, die heute auch nicht bei ihm war. Sie sollte also auf ihn aufpassen? War sie sich dessen bewusst und war sie dieser Aufgabe gewachsen? Falls nicht, dann war es jetzt auch zu spät. Übermorgen war der Umzug angesetzt, und auch wenn er sich mit dem Gedanken immer noch nicht angefreundet hatte, dann würden sie keine zwei Betten, sondern nur noch ein Gemeinsames haben. Wie gut er darin wohl würde schlafen können?

Jedenfalls konnte er sich dann nicht mehr so frei und selbstständig in der Wohnung bewegen, wie er es in seiner aktuellen konnte. Wenn er hier alleine war und erst um ein Uhr nachts ins Bett ging, dann interessierte das niemanden. Wenn er das in einer Woche versuchte, dann würde das garantiert nicht unkommentiert ablaufen. Wenn er überhaupt die Wahl hatte.

Mia hatte wohl auch bemerkt, dass ihre Beziehung in letzter Zeit ein klein wenig ins Taumeln geraten war, aber für sie war das kein Grund zur Sorge. Erik hatte das Gefühl, als vertraue sie darauf, dass sich mit der gemeinsamen Wohnung alle Sorgen in Luft auflösen. Sie hatte unter Garantie ein fixes Idealbild davon, wie das Zusammenleben auszusehen hatte. Stückchen für Stückchen würde sie es ihm offenbaren und absolut verblüfft sein, wenn er in diesem oder jenem Punkt einen anderen Standpunkt vertrat. Nicht, um ihm eine Szene zu machen, sondern weil sie wirklich nicht damit rechnete, dass jemand anderes auch andere Ideale hatte.

Ringpark an der Residenz

Und Erik gruselte es bereits vor dem Moment, wo sie erkennen musste, dass es nicht jeden Abend um Punkt Sieben warmes Abendessen geben würde, damit sie pünktlich um halb elf im Bett liegen würden und dienstags, mittwochs und samstags sorgsam geplanten aber völlig leidenschaftslosen Sex zu haben. Sie würde auch nach wie vor keinen uneingeschränkten Zugang zu seinem Computer und seinen Mails haben und er würde auch weiterhin seine Hausarbeiten lieber in der Uni schreiben, statt neben ihr am heimischen Schreibtisch. Das, und noch einige weitere Punkte, würden dafür sorgen, dass ihre schön schillernde Seifenblase irgendwann platzte.

Selbst Flo, der in letzter Zeit eine ganz erstaunliche Aufmerksamkeit an den Tag legte, hatte das bereits angemerkt. Sie hatten bei ein paar Bieren über den Umzug geredet und Flo hatte schonungslos all jene Fragen gestellt, die ihm vorher noch niemand gestellt hatte und die er sich selbst auch nicht hatte stellen wollen. Unter anderem, was passieren würde, wenn diese Seifenblase platzte. Flo hatte vorsorglich Asyl angeboten, für den Fall, dass Erik dann spontan ein anderes Dach über dem Kopf brauchte. Abwegig war der Gedanke jedenfalls nicht.

Es verwunderte Erik nicht, dass sein Gehirn bei „jemandem, der auf dich aufpasst“ nicht an Mia denken wollte. Es war vielleicht die naheliegende Lösung, vielleicht auch die bequeme, wenn er sich denn komplett unterordnen wollte, aber es war auf jeden fall nicht die gesunde Lösung. Bei Tina hatte sie nur etwas subtil gedroht, als sie ihre Übungswaffen mit in die Uni gebracht hatte. Aber er hatte auch mitbekommen, wie sie hintenrum dafür gesorgt hatte, dass Jenny sich nicht mehr mit Flo befasste. Sie war skrupellos und wollte ihren Willen durchsetzen. Wenn er so darüber nachdachte, vielleicht sollte er ihr eine Karriere in der Politik vorschlagen. Klar, er würde es anders formulieren müssen, aber ansonsten war sie Ideal für den Posten.

Und wenn er es schaffte, ihr wirklich diesen Job aufzuschwatzen, dann hatte er auch seine eigene Profession gefunden. Dann könnte er Pressesprecher oder Werbetexter oder Vergleichbares werden. Er könnte jedem alles verkaufen und die größten Katastrophen kleinreden. Der Gedanke allein ließ ihn frösteln und schwitzen zugleich.

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2 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 81

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