Hörsaalgetuschel – Ausgabe 82

Die ausgefallene Episode

Mia saß wie jeden Dienstagabend auch heute gespannt vor dem Fernseher. Nicht einmal sie selbst wusste, weswegen sie überhaupt gespannt war. Ihre Soap war in letzter Zeit in einer kleinen Krise, hatte man den Eindruck. Die Handlung war flach, die Dialoge selbst für eine Serie dieser Art ungewöhnlich schlecht geschrieben und die Schauspieler so unmotiviert, als würden sie nicht einmal mehr schlecht bezahlt werden. Doch für einen eisernen Fan wie Mia spielte das keine Rolle.

Sie hatte eine Einladung zum Sport abgesagt und Erik unbeaufsichtigt an seinen Rechner geschickt. Ihr war sogar egal, dass er dort möglicherweise eine Mail der unsäglichen Tina lesen könnte, ohne dass sie ihn daran hindern würde. Von ihren Freundinnen verstand niemand ihre Begeisterung für die Serie. Die Auswahl an gutem Material war einfach zu groß, als dass man sich mit solchen Formaten zufriedengeben wollte. Und außerdem waren einige Hausarbeiten und Präsentationen in absehbarer Zeit fällig und entsprechend hatten sich die Lern- und Projektgruppen gebildet. Einige davon saßen jetzt gerade zusammen und untergruben damit Mias Autorität, die diesen Termin ausdrücklich für belegt erklärt hatte.

Aus dem kleinen Fernseher flimmerte die Werbung vor der Show. Ihre Vorfreude stieg, doch das Undenkbare trat ein. Der Vorspann der Soap lief nicht! Das war unmöglich. Der Sender stimmte, der Tag auch, die Zeit auch. Alles stimmte, doch statt „Alles nur aus Liebe“ gab es eine Sondersendung der Nachrichten. Sie war entsetzt.

Noch ehe sie laut schreien konnte, kam Erik ins Wohnzimmer. Auf seinem Laptop lief der Livestream eines anderen Senders, aber die Nachrichten waren die gleichen. Es zeigte den Ort von Mias Kindheit, der unter einer dicken, schwarzen Wolke verborgen lag. Ein Brand in der örtlichen Industrie drohte auf die Stadt überzuschlagen und die Feuerwehr war machtlos. Sie sah die Bilder, verstand nicht, was sie sah, verstand nicht, was Erik sie fragte, verstand nicht, wieso ihre Serie ausfiel. Es war ein Bruch in ihrer Routine, in ihrem gewohnten Ablauf.

Die Ausmaße der Katastrophe sickerten nur langsam zu ihr durch, aber sie fühlte sich eh schon hundeelend. Ihre Routine war ihr heilig. Das Einzige, was sie vom Chaos trennte und dieser Brand, der ihr Elternhaus gerade einschloss, brannte auch in ihrer Seele. Sie fühlte sich spröde, wie ein trockener Ast. Wie ein spröder, trockener Ast, der soeben übers Knie gebrochen worden war und nun einem unerbittlichen Feuer zum Fraß vorgeworfen wurde.

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12 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 82

  1. Eva

    Eigentlich wollte ich ja liken, aber da fiel mir auf das es nicht so angebracht ist. Ich kenne wirklich so eine Mia. Und ich kann es auch nicht verstehen, dass man soaps mag.
    Ich mag ja deine getuschel gerne und lese sie mir mal wieder durch.

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    1. dergrafvonborg Autor

      Tja, nur dass Mia es nicht nur als Hobby betreibt. Und es sie generell immer sehr empfindlich trifft, wenn etwas nicht wie geplant läuft. Aber ich freu mich sehr, dass Dir meine Geschichten gefallen 🙂

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  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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