Hörsaalgetuschel – Ausgabe 83

Blütenzauber

Dicke Regentropfen fielen am Fenster vorbei auf den schwarzen Asphalt der Straße. Flo saß in seinem Sessel zum Fenster gedreht, sein Telefon auf der Armlehne und hatte die Beine angezogen. Verträumt starrte er auf das Fenster, beobachtete die Tropfen, wie sie an der Scheibe entlang rannen. Das Wetter drückte ihm aufs Gemüt und er realisierte, dass er heute nicht im Ansatz schaffen würde, was er sich vorgenommen hatte.

Unbeachtet im Hintergrund plauderte die Erzählerstimme einer Doku aus dem Fernseher, auf dem Schreibtisch lagen einige Bücher aufgeschlagen, ebenfalls unbeachtet. Stattdessen wartete Flo auf einen Anruf von Kristina und kam sich schrecklich albern dabei vor. Sie war dieses Wochenende auf einer Fortbildung für ihre Arbeit, hatte deswegen keine Zeit, ihn zu besuchen, hatte aber versprochen sich zu melden, wenn sie heile angekommen war. Er hatte ihr noch versichert, sie müsse das nicht tun und solle sich einfach auf das Seminar konzentrieren. Jetzt saß er dennoch hier, das Telefon neben sich und Leere im Kopf.

Er wartete nicht einmal aktiv. Er träumte eher ziellos vor sich hin, döste und starrte auf den Joghurtbecher auf der Fensterbank. Es war ein kleines Hobbyprojekt, mit dem Kristina ihn angesteckt hatte, eine kleine Tomatenpflanze, die er selbst züchtete. Zu Kristinas Wohnung gehörte ein kleiner Garten, den sie nutzte um einige kleine Pflanzen wie Blumenkohl, Erbsen, Tomaten und einigen Gewürzen selber züchtete. Sie war der Ansicht, es war wichtig, ein Bewusstsein für gesundes Essen und seinen Wert zu entwickeln oder wenigstens zu behalten.

Strickmob im Ringpark

Immerhin hatte sie es geschafft, Flo neugierig zu machen. Aus reiner Neugier hatte er eine kleine Tomate genommen und in einigen Lagen Küchenpapier „gepflanzt“. Es hatte einige Tage gedauert und er war schon drauf und dran gewesen, den vor sich hinfaulenden Stapel einfach in den Müll zu werfen. Doch dann war eingetreten, womit er nicht im geringsten gerechnet hatte. Es hatte sich ein einzelnes grünes Köpfchen auf dem weißen Papier gezeigt. Vorsichtig hatte er es ausgeschnitten, einen alten Joghurtbecher mit Erde aus dem Park gefüllt und den Setzling dort gepflanzt.

Das war jetzt bereits einige Wochen her. Seitdem hatte sich das kleine grüne Köpfchen zu einer etwas wackeligen aber dennoch stolzen Tomatenpflanze entwickelt. Zierliche hellgelbe Blüten standen dem Regenwetter gegenüber, hielten dem trüben Grau mit bunten Farbklecksen entgegen, verbreiteten ein unschuldiges kleines Lächeln. Die Pflanze musste nicht einmal mehr Früchte tragen, sie bereitete ihm auch so schon Freude, einfach nur durch ihre Existenz und die harmlose Ausstrahlung, die von ihr ausging.

Irgendwie rückte der Regen einfach in den Hintergrund und nahm seine deprimierende Grundstimmung gleich mit. Flo kuschelte sich in seinen Sessel, der Fernseher plärrte unbeeindruckt vor sich hin, er konnte nie bemerken, dass statt seiner eine kleine Blume alle Aufmerksamkeit ab bekam, die es aus Flos verträumten Geist hinaus schaffte. Auch wenn das üblicherweise nicht besonders viel war. Manches änderte sich einfach doch nicht.

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3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 83

    1. dergrafvonborg Autor

      Hallo Eva, vielen lieben Dank für deine Nominierung 🙂 ich habe mich sehr darüber gefreut.
      Beim Hörsaalgetuschel wird nach wie vor eifrig getuschelt. Möglicherweise steht ein neuer Wind ins Haus.
      Liebe Grüße!

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  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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