Hörsaalgetuschel – Ausgabe 84

Einkaufen

Der Grund für Flos miese Laune war eindeutig. Ein leerer Kühlschrank, eine generell leere Küche, kein Reis, keine Nudeln, kein Brot, kein Gemüse oder sonst irgendetwas. Alles, was noch da war, war ein Glas Senf, etwas Quark, eine Banane und ein paar keimende Kartoffeln und Zwiebeln. Die Banane war Kristinas Schuld. Sie bestand darauf, dass er sich gesünder ernähren müsse, er sah das etwas anders. Es hätte noch einige Konservendosen gegeben, aber die enthielten nichts, was man sinnvoll mit einem der eben genannten Dinge hätte kombinieren können. Vielleicht wäre es ihm halbwegs egal gewesen, wenn er nicht ziemlich immensen Hunger gehabt hätte. Sein Frühstück war dürftig ausgefallen und seitdem hatte er nichts mehr gegessen. Er sah auf die Uhr.

Wenn er heute noch etwas einkaufen wollte, dann musste er sich beeilen. Frisches Brot würde er jetzt, nach sechs Uhr, schon nicht mehr bekommen. Aber das war auch halbwegs das Letzte, wonach ihm der Sinn stand. Vielleicht sollte er einfach losgehen und sich inspirieren lassen. In einem vollen Supermarkt würde er garantiert etwas Essbares finden. Viel größer waren seine Ansprüche nicht einmal. Essen, weil es halt notwendig war, um nicht zu verhungern. Das waren nun einmal die Regeln der Biologie und aktuell verabscheute er sich dafür, ihnen zu unterliegen.

Wenn es um andere ging, gab er sich auch mal Mühe, etwas Gutes zuzubereiten. Für Kristina kochte er regelmäßig, suchte sich vorher ein Rezept heraus und besorgte alles Notwendige. Für sich selbst reichten auch Nudeln mit Ketchup oder Tiefkühlpizza völlig aus. Nicht auf Dauer, aber schon für eine Weile und Flo konnte sehr ausdauernd sein, was das betraf. Vielleicht würde er sich heute aber eher für einen frischen Salat entscheiden oder für Kartoffeln mit Buttergemüse. Das war zwar mehr Arbeit aber schmeckte auch besser.

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Die nächste Einkaufsmöglichkeit war ein Discounter, und zwar einer von der extra billigen Sorte. Flo war das gerade recht. Wenn er schon keine Wahl hatte und unbedingt essen musste, dann sollte es nicht auch noch überteuert sein. Und wieso sollte er einen teureren Supermarkt oder Spezialitätenhändler aufsuchen? Die letzten Lebensmittelskandale hatten auch vor denen nicht haltgemacht. Das billige Zeug war genau so verseucht wie alles andere auch. Dioxin in den Eiern, Pflanzenschutzmittel im Bier, Pferd in der Lasagne und Gammelfleisch mit Analogkäse auf der Pizza. Wenn das wirklich alles so schrecklich giftig war, dann müssten die Menschen doch sterben wie die Fliegen.

Wenigstens seine Prognose mit dem Brot war richtig. Es gab keins mehr. Flo war darüber kein Bisschen traurig. Er hätte es selbst heute wohl nicht gekauft, und wenn es keines mehr gab, dann konnte es auch nicht mehr liegen bleiben und schlecht werden. Er streifte durch die Regale auf der Suche nach etwas, worauf er Hunger haben könnte. Schokolade lachte ihn an, er überlegte kurz, wurde sich dann seines Hungers bewusst, schob den Heißhunger darauf und ließ sie liegen. Er brauchte etwas Handfesteres. Nudeln waren immerhin haltbar. Wenn er sie heute nicht aß, dann würden sie auch noch in einem halben Jahr gut sein. Er packte eine Tüte ein und lies ein Glas Soße dazu im Regal stehen.

Bevor er losgegangen war, hatte er eine kurze Inventur in der Küche gemacht und seine Vorräte zusammengezählt. Jetzt ging er die kurze Einkaufsliste ab, die er in seinem Kopf hatte. Er brauchte etwas, was als Frühstück morgen taugen würde. Vermutlich Joghurt oder Müsli. Er entschied sich für Pizza, ohne dem Gedankengang dahinter selbst folgen zu können. Die billigere Doppelpackung musste es werden, wenn er seiner Budgetrechnung glauben wollte. Andererseits tanzten am Rand seines Blickfelds schon die Regenbögen. Ein zuverlässiges Indiz dafür, dass seinem Körper der Strom ausging.

Die Nudeln in der Hand stand er vor dem Kühlregal. Kartoffelsalat im Eimer oder Krautsalat erschienen ihm unpassend, er entschied sich für Käse, mit dem er zur Not auch einen Auflauf machen konnte. Der Hunger wurde immer nagender und er beeilte sich, durch die Kassen und wieder nach Hause zu kommen. Dabei sah er sich nicht gerade aufmerksam um. Alle Welt sagte immer, wie gefährlich es doch war, mit Hunger einkaufen zu gehen. Dem würde er nicht anheimfallen.

In seiner Küche bemerkte er, dass er damit teilweise recht hatte. Er hatte nicht Unmengen an Lebensmitteln gekauft, die er nicht brauchte. Er hatte nicht einmal die Sachen gekauft, die er eigentlich hatte holen wollen. Zum Beispiel die Nudelsoße oder neuen Ketchup. So konnte er sich Nudeln mit Senf und Käse machen. Ihm fiel ein Buch ein, welches er als Kind in der Schule gelesen hatte. Erich Kästners 35. Mai. War es der Onkel gewesen, mit seiner Apotheke, bei dem der Junge immer gegessen hatte? Die Mahlzeiten dort standen immer unter dem Motto „Iss, damit dein Magen Hornhaut bekommt.“ Flo hätte nicht erwartet, dass er es sich selbst so schwer machen wollte. Statt Senf öffnete er eine Dose Mais, aber das machte es nur wenig besser.

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