Hörsaalgetuschel – Ausgabe 86

Eisenbahnbrücke

Mit hellem Quietschen und lautem Rumpeln ratterte der Güterzug unter der Brücke am Bahnhof entlang. Die letzte Abenddämmerung und die Lichter der Stadt warfen einen dezentes Licht auf die Bahnanlagen. Zwei Gleise weiter links fuhr gerade eine Regionalbahn ein, hinter den hell erleuchteten Fenstern drängten sich die Schatten vieler Fahrgäste. Von der Brücke aus war kaum zu erkennen, wer welcher Tätigkeit nachging oder emsig seine Sachen zusammen räumte, um am Bahnhof diese Etappe seiner Reise zu beenden. Lediglich die Bewegung hinter den Fenstern war zu erkennen.

Auf der Brücke stand Flo, die Ellenbogen auf das Geländer gestützt, ein verträumtes Leuchten in den Augen, den Wind in den Haaren, Fernweh im Herzen. Er hatte den Abend nichts Besseres mehr vor, als hier zu stehen, die Kälte der hereinbrechenden Nacht zu ignorieren und den Zügen hinterher zu sehen. Ruhe kehrte in ihn ein, entspannte ihn und trug seinen Geist davon. Wie jedes Mal, sobald er sich etwas Leerlauf gönnte, begann sein Gehirn auch diesmal Geschichten und Bilder zu malen.

Eine junge Frau in der Regionalbahn. Sie hat die Haare bunt gefärbt, ihre Kleidung ist löchrig und alt, aber sauber, an den Händen hat sie Schwielen von der harten Arbeit im Handwerksbetrieb ihrer Eltern. Der Betrieb ist zu ihrem Leben geworden. Mit zwölf Jahren hat sie angefangen, dort auszuhelfen, bis zu ihrem Abschluss mit sechzehn hat sie immer mehr Aufgaben dort übernommen. Inzwischen ist das Geschäft ihre ganze Welt geworden und sie hasst es. Es raubt ihr die Luft zum Atmen, den Raum zum Denken und die Kraft zum Träumen. Heute Abend ist sie weggelaufen. Einfach weg von ihrer Heimat und dem gierigen Betrieb. Hinein in den Zug. Egal wohin er sie bringen wird. Überall kann es nur besser sein als daheim.

Die Nacht wird sie an einem Bahnhof verbringen, in einer Stadt, die sie nie vorher gesehen hat. Morgen wird ihre Reise weiter gehen. Ein fröhlicher Geschäftsmann wird sie auf seiner Fahrkarte mitnehmen und am Nachmittag wird sie das erste Mal in ihrem Leben das Meer sehen. Sie wird mit einem Brötchen in den Dünen sitzen, den Wellen lauschen und das Tanzen der Schaumkronen beobachten. Sie wird ihre Füße in die Brandung halten und das Salz auf ihren Lippen schmecken. Sie weiß nicht, ob sie wieder nach Hause fahren wird oder bei einem Betrieb in einer anderen Stadt neu anfängt. Sie wird keine Schwierigkeiten haben, etwas zu finden. Auch wenn sie es noch nicht weiß, sie ist in ihrem Bereich die Beste weit und breit.

Der Geschäftsmann, der sie mitgenommen hat, wird zu dieser Zeit bereits wieder in seiner Wohnung sein. Das Schicksal meint es zurzeit sehr gut mit ihm. Sein Vater hat eine schwere Krankheit überwunden, er selbst ist auf der Arbeit befördert worden ohne wirklich zu wissen wieso und zu allem Überfluss ist er frisch verliebt. Er hat seine absolute Traumfrau gefunden. Die, nach der er seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, gesucht hat. Außerdem ist er seit dieser Woche endlich schuldenfrei, das erste Mal in seinem Erwachsenenleben. Er kann sich nicht vorstellen, wie sein Leben im Moment noch perfekter werden könnte.

Im ICE, der gerade die Stadt Richtung Süden verlässt, sitzt ein alter Mann. Er ist aufgeregt wie ein Schuljunge vor seinem ersten ernsthaften Date. Durch Zufall hat er im Internet seine Jugendliebe wieder gefunden, nun fährt er sie besuchen. Beim Blick aus dem Fenster wird er wehleidig, ein Güterzug mit Kohlewagen fährt vorbei. Als sie noch jung waren, da ist er mit ihr, also seiner Jugendliebe, immer wieder auf Güterzüge aufgesprungen. Sie sind dann in die umliegenden Städte gefahren und haben tolle Sommertage genossen. Wenn er in seinem Leben eines wirklich bitterlich bereut, dann, dass er ihr seine Liebe nie gestanden hat. Sie war seine erste und auch einzige große Liebe, doch damals war er zu ängstlich, so wie jetzt auch wieder.

Im Abteil dem alten Mann gegenüber sitzt eine Richterin. Ihr schlichtes Kostüm und die straffe Frisur harmonieren mit dem finsteren Gesicht. Sie wirkt, als habe sie seit Jahren nicht mehr gelacht. Die Beziehung zu ihren beiden Kindern droht zu zerbrechen, ihre Ehe sowieso. Sie wird das Bedauern des alten Mannes noch gut nachempfinden können, wenn sie einmal realisiert, dass die Karriere nicht alles im Leben ist und es Wichtigeres gibt. Ihre Tochter und ihr Sohn werden dann keine Zeit mehr für sie haben, weil sie ihre Vision der perfekten Familie in ihren eigenen Leben realisieren werden. Und ihr Mann? Der wird in seiner Rolle als liebevoller Opa völlig neu aufgehen. Er wird ihr dadurch nur noch fremder erscheinen und sie sich selbst noch einsamer.

Bei dem Gedanken daran läuft Flo ein eisiger Schauer über den Rücken. Die perfekte Familie. So viele Leute streben sie an, jeder hat seine eigene Vorstellung davon und doch arbeiten so viele Menschen sehenden Auges weit daran vorbei. Sie verpassen die Momente, die wirklich zählen, die wirklich wichtig sind, während sie einen Kompromiss suchen, wo überhaupt keiner gefragt ist. Es ist doch nicht die Zeit, die man nicht hat. Es ist die Zeit, die man sich nicht nimmt. Melancholie keimt auf und der nächste Zug rollt heran. Die bunten Schatten darin sind unverkennbar. Dankbar greift er das Bild auf, in der Hoffnung, auf ein fröhlicheres Bild.

Es sind Fußballfans auf dem Heimweg. Am frühen Abend haben sie ihre Mannschaft in einer fremden Stadt angefeuert, mit viel Herzblut und Begeisterung. Viele kennen sich nicht einmal doch das Erlebnis, gemeinsam ihre Helden zu feiern schweißt zusammen. Besonders, da das Spiel mit einem spektakulären Sieg für die eigene Mannschaft endete. Ein tolles Spiel, fair, sauber gespielt und spannend bis zum Schluss. Was für einen besseren Grund zum ausgelassenen Feiern kann es denn geben? Nun muss Flo doch noch lächeln. Vielleicht sollte er einfach mal in einen Zug steigen und sehen, wohin er ihn bringen würde. Von dem Blickwinkel aus musste es doch noch ganz andere Geschichten geben.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 86

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