Hörsaalgetuschel – Ausgabe 87

Entscheidungen

„So eine verdammte Scheiße! Das klappt alles vorne und hinten nicht! Wieso tu ich mir das eigentlich noch an?“
Mia war restlos frustriert, schmiss ihre Bücher durch den Raum und zerriss die Blätter. In einem Regen aus Konfetti und Tränen warf sie sich auf das Bett. Erik kam aus der Küche herüber, die Schürze um den Bauch gebunden und einen Pfannenwender in der Hand. Er neigte den Kopf von einer auf die andere Seite, lehnte kurz unschlüssig im Türrahmen, legte dann den fettigen Pfannenwender auf eine freie Stelle des Nachttischs und setzte sich zu Mia ins Bett. Er überlegte kurz, ob er sie in den Arm nehmen oder streicheln sollte, zog dann aber sicherheitshalber den Arm wieder zurück. Es war besser, zunächst einmal einen Überblick über die Situation zu bekommen.
„Was ist denn los? Läuft deine Arbeit so schlecht oder macht der Rechner Ärger?“
Sie grub sich tief in Decken und Kissen ein, brummte irgendetwas in die Matratze, was Erik nicht verstehen konnte, und wurde von bitterlichen Weinkrämpfen geschüttelt. Es dauerte eine Weile, bis er aus den Lauten schlau wurde, welche aus dem Kissen drangen.
„Alles ist los. Nichts funktioniert. Das Programm macht nur Mist, meine Quellen widersprechen sich gegenseitig, die Grafiken werden nicht sauber in das Dokument geladen. Alles ist scheiße! Ich lass es bleiben. Es hat doch alles keinen Sinn, ich werde das nie schaffen. Ich habe zu wenig Zeit, als dass ich es auch noch in dieser Zeit schaffen könnte. Und selbst wenn es klappt, dann kommt eine miese Note raus und ich kann das ganze Studium vergessen. Ich brauch doch eine gute Note.“
Erik wusste, was Mia unter guten und schlechten Noten verstand. Schlecht war das, was in seiner Liste die beste Note war. Gut war entsprechend die beste mögliche Note, welche ihr gerade gut genug war. Sein Bedürfnis, sie zu trösten, war schlagartig geschrumpft. Er fühlte sich schlecht, hatte miese Laune bekommen und war entmutigt. Wenn Mia sich schon Sorgen um ihre Jobchancen machte, was sollte dann erst auf einen eher schlechten Studenten wie ihn warten? Glanz und Glorie jedenfalls nicht, soviel war sicher. Dennoch, er konnte sie nicht einfach liegen lassen, auch wenn sie inzwischen so tief im Bett vergraben war, dass sie den Lattenrost von unten sehen musste.
„So schlimm kann es doch gar nicht sein. Gestern Abend warst du doch schon halb fertig und du hast die Arbeit vor gerade einmal einer Woche angemeldet. Du hast noch mehr als sechs Wochen. Kannst du es nicht irgendwie nutzen, dass die Autoren sich widersprechen?“
„Halb fertig mit den Nerven und einem großen Haufen Scheiße. Ich kann es genau so gut alles wieder löschen, es macht keinen Unterschied. Die Arbeit ist schlecht und daran kann ich auch nichts mehr ändern.“
Es folgte eine längere Pause in dem dumpfen Brummen aus der Matratze. Erik suchte fieberhaft nach einem Strohhalm, irgendetwas, womit er seine Freundin aufbauen konnte und sie wieder aus der Decke zu locken. Er hatte seine Hand tröstend auf den bebenden Haufen aus Decken und Kissen gelegt. Er hob und senkte sich inzwischen ruhiger, es half also wenigstens ein wenig. Tiefes Durchatmen und ein ausgedehnter Seufzer drang aus dem Kissen, dann erschien ein aufgequollenes, rotes Gesicht.
„Es hilft nichts. Ich lass es bleiben. Ich habe eine Stelle gefunden, an der ich auch ohne den Abschluss arbeiten kann. Die haben mir beim Vorstellungsgespräch über Skype schon zugesagt, ich muss nur noch unterschreiben.“
„Was für eine Stelle? Welches Vorstellungsgespräch? Wieso willst du denn jetzt plötzlich alles hinschmeißen? Du hast dir solche Mühe gegeben bis hierhin zu kommen und willst jetzt so kurz vor Schluss nicht wirklich hinschmeißen.“
„Doch, Erik. Ich lass es bleiben. Es ergibt keinen Sinn, hier weiter zu machen. Der Abschluss würde nichts wert sein.“
„Dein Abschluss ist besser als meiner, selbst wenn ich meine Punkte mit Flo zusammen schmeißen würde.“
„Ihr habt aber beide auch andere Qualifikationen. Da müsst ihr euch weniger Sorgen drum machen als ich.“
Mia war aufgestanden und druckte ein Dokument aus. Drei Seiten spuckte der Drucker aus, Erik erkannte das Logo darauf nicht, Mia unterschrieb auf der letzten. Er hatte ein seltsam mulmiges Gefühl bei der Sache. Mia aber war unbeirrbar.
„Was ist das überhaupt für eine Firma? Und wo sitzen die? Ich hab den Ortsnamen noch nie gehört.“
„Vor fünf Jahren waren die noch ein kleines StartUp, inzwischen sind sie relativ etabliert im Bau und der Wartung von Hausbooten. Die sitzen in Brandenburg, an den Seen dort.“
„Nicht gerade um die Ecke. Ich dachte eigentlich, wir wohnen hier jetzt eine Weile zusammen aber offenbar willst du nach dem Abschluss gerne wieder ausziehen? Hausboote also. Wenn ich mit einigem gerechnet habe, damit nicht.“
Mia kaute eine Weile verlegen auf ihrer Lippe und zeigte dann mit dem Finger nur zaghaft auf ein Datum im frisch unterschriebenen Vertrag. Ihre Augen waren nicht länger verzweifelt oder aufgequollen. Sie strahlten Zuversicht und Entschlossenheit aus. Dafür fühlte sich Erik, als wäre er geradewegs von einem Güterzug in voller Fahrt getroffen worden.
„Verstehst du nicht? Ich kann diesen Abschluss nicht machen. Ich fange in drei Wochen da oben an. Ich werd mir wohl da eine kleine Wohnung suchen.“
„Du hast Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit wir beide zusammen ziehen können und nach nicht einmal einem Monat lässt du mich alleine hier sitzen und verschwindest in den Osten? Du brichst dein Studium ab, welches du als Jahrgangsbeste abschließen würdest, selbst wenn deine Abschlussarbeit total daneben gehen würde…“

Laterne

Ihm fehlten einfach die Worte. Er hätte noch eine Frage auf dem Herzen gehabt. Aber was ist mit uns? Er traute sich nicht einmal, sie auszusprechen, wollte die Antwort nicht hören. Der Mund war ausgedorrt und trocken, ihm war schwindelig, die Augen tränten und die Nase biss ihm. Ein feiner Nebel waberte aus der Küche heran und er erinnerte sich. Die Pfanne hatte er noch vom Herd geschoben, ehe er rüber gekommen war. Der Reis aber stand seit sicher einer viertel Stunde unbeaufsichtigt auf dem Herd und brannte bei voller Hitze an.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 87

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s