Hörsaalgetuschel – Ausgabe 88

Datensicherungen

„Und sie hat es sich nicht noch einmal überlegen wollen?“

„Doch, drei Tage lang. Danach hab ich sie nicht mehr davon abhalten können. Sie ist überzeugt, dass sie mit ihrem Abschluss keine Stelle finden wird.“

„Wenn sie schon nichts finden soll, was muss dann erst mit uns werden? Da kommt ja richtig Freude auf. Es wären doch noch maximal drei Monate, bis sie ihren Abschluss in der Tasche hat, zwei, bis die Arbeit und die Unikurse zu Ende sind. Können die nicht noch so lange auf sie warten oder sie so lange halbtags einstellen?“

„Das ist in Nord Brandenburg, mehr als fünf Stunden mit dem Auto entfernt. Da fährt man doch nicht halbtags hin. Ich habe ihr Home-Office vorgeschlagen, damit sie sich schon einmal einarbeiten, aber trotzdem ihren Abschluss machen kann. Sie war nicht begeistert.“

„Nur wie stellt sie sich das dann mit euch vor? Wir sind wenigstens ein Semester länger hier, versucht ihr es dann solange als Fernbeziehung?“

„Möglicherweise hat sie da überhaupt nicht dran gedacht. Im Augenblick will sie einfach nur weg und um jeden Preis eine Arbeit anfangen. Vielleicht geht sie davon aus, dass alles auf magische weise gut werden wird.“

Erik stocherte lustlos in den Resten seines Mittagessens herum, starrte ins Leere und war niedergeschlagen. Flo saß ihm gegenüber. Sein Teller war leer und sein Gesicht ratlos. Er hatte einiges erwartet aber nicht, dass Mia einfach kurz vor dem Abschluss alles hinschmeißen würde und eine beliebige Stelle irgendwo weit weg anfangen würde. Es hatte ihn schockiert, dass sie dermaßen leicht aus dem Gleichgewicht gekommen war. Besonders, da sie doch gerade erst die neue Wohnung bezogen hatte. Und von heute auf morgen sollte das alles für die Katz sein? Erik und Mia waren seit über einem Jahr ein Paar. Es war natürlich nicht immer leicht gewesen aber sie hatten es bisher noch jedes mal geschafft, eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Wieso hatte Mia aufgegeben? Es war ihm ein Rätsel. In all den Jahren, die Flo Mia nun bereits kannte, hatte sie nie auch nur Anzeichen dafür gezeigt, dermaßen zusammenbrechen zu können. Und nun warf sie aus heiterem Himmel einfach alles hin? Das passte nicht zu ihr. Er würde einmal mit ihr reden müssen. Und ein Bier trinken, aber das gebot sich ja von selbst.

„Was würdest du denn wollen? Fernbeziehungen sind anstrengend und das hin und her Fahren ist auch teuer. Besonders, wenn man gerade eine komplette Wohnung schön eingerichtet hat.“

Erik sah Flo etwas irritiert an. Was sollte er schon groß wollen? Er verstand natürlich die Frage. Mia und er hatten in letzter Zeit eine etwas rauere Zeit durchlebt und von vielen seiner Sorgen und Bedenken hatte sie keine Notiz genommen, wenn er sie ihr überhaupt erzählt hatte. Aber wenn er wirklich ehrlich mit sich war, dann liebte er diese Frau einfach. So oft ihm auch in letzter Zeit der Gedanke gekommen war, dass er alleine vielleicht besser dran war, dass er mehr Abstand und die Luft zum Atmen brauchte, eigentlich wusste er doch, dass er sie brauchte und vor allem wollte. Er schluckte die Fritte runter, auf der er seit drei Minuten kaute.

„Wenn es nach mir geht, dann lässt sie diesen Job sausen und macht erst einmal ihren Abschluss fertig. Wenn sie unbedingt weg will, dann kann sie das auch noch in einem halben Jahr. Dann habe ich hoffentlich auch endlich einen Wisch und kann mit ihr mit. Sie würde es auf jeden fall bereuen, wenn sie jetzt einfach abbricht.“

„Das Traurige ist, wenn sie jetzt alles abbricht, ein Jahr arbeitet, dann bemerkt, dass sie doch lieber einen Abschluss haben will und komplett neu anfängt… Selbst dann ist sie wahrscheinlich immer noch jünger, wenn sie ihren Abschluss hat, als ich bei meinem sein werde. Es ist also entweder alles nicht so tragisch oder ich kann selbst ebensogut von der Brücke springen.“

„Du gehst jetzt gleich jedenfalls erst einmal mit mir rüber, Bier kaufen, und dann säufst du dir diesen Schwachsinn aus dem Hirn. So weit kommt es ja noch, dass du mich auch noch hier alleine hängen lassen willst.“

„Oh keine Sorge, ich mach ihn schon noch fertig. Aber ich muss mich natürlich schon fragen, was der denn überhaupt wert sein wird.“

Flo starrte eine Weile vor sich hin und ließ Erik mit seinen Essensresten alleine. Wenigstens so lange, bis er von sich aus den Blick wieder hob und ihn ansah.

„Du willst also mit ihr reden? Sie wird dir sagen, dass es nun eh zu spät ist. Sie hat ihre Abschlussarbeit bereits gelöscht und ihre ganzen Daten dazu. Einfach den ganzen Ordner.“ Er schob Flo eine Speicherkarte über den Tisch zu. „Aber was sie nicht weiß, ist, dass ich konsequent alle meine Daten sicher. Und einen Teil von ihren gleich mit. Sie wird mich dafür töten wollen, aber wenigstens gehe ich dann mit einem Knall.“

Eine kleine, schwarze, völlig unscheinbare Speicherkarte lag einsam in der Mitte des Tisches und ignorierte effektiv die erstaunten Blicke, die stumm auf ihr lasteten. In Ermangelung eines weiter reichenden Bewusstseins war sie sich nicht einmal der wichtigen Daten in ihrem Inneren bewusst. Für Flo hingegen war die Sache deutlich gewichtiger.

„Oh ja, sie wird dich töten. Vielleicht ärgert sie sich ja mehr darüber, dass sie sich ihre Daten hat klauen lassen aber wenn du dich so schön als Zielscheibe anbietest, wird sie das auch annehmen. Willst du es ihr anbieten oder warten, bis sie deswegen ankommt?“

„Wie soll sie das denn tun, wenn sie nichts davon weiß? Ich bin mir aber noch nicht sicher, wie genau ich das mache. Im Augenblick sitzt sie nur zu Hause und sucht eine Wohnung. Wenn ich Glück habe, dann ist sie davon bald so genervt, dass Uni doch wieder eine Option wird.“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde aber ich drücke euch die Daumen, dass sie nichts findet.“

2016-06-05 16.51.13

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10 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 88

      1. Simmis Mama

        Ein Mann der die Frauen nicht wie die Handtücher wechselt ist für mich schon vernünftig 😀 meine Ansprüche sind mangels guter ausbeute gering :D.
        Außerdem gibt es Backups. Das haben 99% der Männer (und Frauen) nicht.

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      2. dergrafvonborg Autor

        Dabei ist es doch so modern geworden, alles in die Cloud zu schieben und da ist es doch angeblich gebackuped.
        Es gibt auch Leute, die wechseln ihre Handtücher erst nach Monaten, weil der Flaum nicht mehr Frotté sondern neues Leben ist…

        Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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