Archiv für den Monat Juli 2016

Hörsaalgetuschel -Ausgabe 93

Lange Nacht

Die ausdauernde Sommersonne war schon vor langer Zeit untergegangen. Es konnte nicht mehr ewig dauern, bis auf der anderen Seite der dicken Gardinen die ersten Anzeichen der Morgendämmerung auftauchten und die hoch treibenden Federwölkchen sanft rot färbte. Mia lag auf dem Rücken, die Hände vor dem Bauch verschränkt und starrte an die dunkle Decke über ihr. Wenigstens war das der Ort, an den ihre Augen gucken würden, wenn das Gehirn ihre Informationen nicht aktuell ignorierte. Mia war mit sich selbst beschäftigt, der Blick nach innen gekehrt.

Sie hatte ihre Zeit genutzt, seit die Vorlesungen zu Ende waren. Die ganze Woche hatte sie am Schreibtisch verbracht und war wieder und wieder ihre Abschlussarbeit durchgegangen. Fast hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie noch daran arbeitete. Es fühlte sich ja kaum noch wie ihre eigene Arbeit an, nachdem Erik sie restauriert und in eine elegante Form gegossen hatte. Er hatte wirklich ganze Arbeit bei der Formatierung geleistet. Übersichtlich, sauber, einfach zu lesen, professionell und nicht zu sehr gestreckt. Sie war verblüfft gewesen und reichlich neidisch auf diese Fähigkeiten. So verblüfft, dass sie beinahe vergaß, sich zu wundern, wieso er ihr ihre Arbeit geben konnte. Warum hatte er sich diese Arbeit gemacht? Mit seinem eigenem Studium kam er nicht aus dem Quark aber ihre Abschlussarbeit erledigte er mal eben nebenher?

Sie hatte zügig wieder in das Thema gefunden und die restlichen Kapitel geschrieben. Dennoch war sie nicht glücklich damit. Sie konnte nicht sagen, welcher Teil ihrer eigenen Feder, und welcher aus Eriks entsprungen war. Eigentlich sollte sie das nicht stören, versuchte sie sich einzureden. Solange sie es niemandem auf die Nase band, würde es ihr Geheimnis bleiben. Selbst Erik konnte sie sagen, sie habe alles noch einmal umgeschrieben. Er konnte sich wahrscheinlich kaum noch daran erinnern, was der Inhalt, geschweige denn der Wortlaut der Arbeit war. So etwas war ihm nie wichtig gewesen. Er ging so leichtfertig mit dem Vergessen um.

Und sie selbst bemühte sich verzweifelt, so wenig wie möglich zu vergessen. Die Arbeit rannte in ihrem Kopf auf und ab, dass an Schlaf nicht zu denken war. Selbst die Augen schienen nicht müde zu sein, nach all den langen Stunden am Rechner. So sehr sie sich auch bemühte und so sehr die Arbeit doch wieder Produkt ihrer eigenen Anstrengungen war, sie war nicht zufrieden. Von morgens früh bis abends spät bemühte sie sich, nur unterbrochen von der obligatorischen Pause am Nachmittag, wenn „Alles nur aus Liebe“ lief. Erik versuchte sich um sie zu kümmern, wenn er denn da war.

Einen Teil des Tages verbrachte er selbst in der Bibliothek und lernte mit Flo für die anstehenden Klausuren. Vermutlich war auch Tina dabei, aber das war Mia inzwischen nicht mehr wichtig. Dieses blondierte Schmalspurweib würde ihr ihren Freund nicht streitig machen, wenn sie nicht restlos dumm war. Der eigentliche Grund hinter ihrer Ruhe hatte sie zunächst kräftig erschreckt und ihr sehr viel Selbstbeherrschung abverlangt, ihn sich selbst einzugestehen: Sie vertraute Erik.

Wenn sie jetzt so darüber nachdachte, klang es fast banal. Vertrauen, die notwendige Basis jeder Beziehung. Es hatte fast zwei Jahre Beziehung gebraucht, bis sie sah, dass sie ihm vertraute. Im Umkehrschluss hieß das, dass sie ihm vorher nicht vertraut hatte? Wie war da überhaupt eine Beziehung möglich gewesen? War überhaupt eine Beziehung möglich gewesen? Sie hatte begonnen, sich selbst und ihre Beziehung mit Erik zu reflektieren. Während am Horizont der erste helle Streifen mit dem dunklen Nachthimmel rang, fielen ihr immer mehr und mehr Details, kleine und große Gesten und Worte ein und auf. Wie sehr Erik sich immer wieder bemüht hatte. Die allgegenwärtige Abschlussarbeit drang in ihr Gedankengebäude ein und mischte sich unter die Erinnerungen.

Auf einmal fühlte sie sich wieder wie ein kleines Kind. Das kleine Mädchen, welches unter dem Baum im Garten stand und, so sehr sie sich auch bemühte, es nicht einmal schaffte, auf den unteren Ast zu kommen. Sie hatte aufgeben müssen, weil sie nicht groß und nicht stark genug war. Jetzt war sie groß und stark genug. Aber war sie auch gut genug? Sie hatte nicht das Gefühl. Nicht bei ihrer Arbeit, nicht in ihrer Beziehung. Sie gab sich so viel Mühe und hatte trotzdem immer nur das Gefühl, nutzlos zu sein, ein Taugenichts. Es verdarb ihr die Laune und machte sie reizbar und mürrisch und was noch viel schlimmer war, herrisch. Sie hatte bisher nicht einmal realisiert, wie sie mit ihrer Umwelt umgesprungen war und wie sie sich verändert hatte. Jetzt tat es ihr entsetzlich leid.

Noch vor zwei Wochen war sie der Überzeugung gewesen, ihr ganzes Leben umkrempeln zu müssen. Sie hatte alleine nach einer Wohnung gesucht, in einer fremden Stadt, einer fremden Umgebung für einen Job, von dem sie nicht überzeugt war, aber den sie hätte haben können. Jetzt lag sie wieder neben Erik in ihrem gemeinsamen Bett und es fühlte sich einfach so viel richtiger an. Er sah so friedlich aus, wie er schlief, strahlte so viel Ruhe aus. Er war ihr Anker in diesem turbulenten Leben und wusste nicht einmal etwas davon. Er war die Konstante, die Regelmäßigkeit und er stand immer hinter ihr, so schwer sie es ihm auch machte. Wieso hatte sie ihm das noch nie gesagt?

Für eine Weile beobachtete sie ihn einfach, wie er dort lag und schlief, streichelte ihm vorsichtig über den Kopf und die Schultern. Irgendwas veranlasste sie dazu, ihn wach zu rütteln. Er war darüber überhaupt nicht glücklich, öffnete nur ein Auge so weit wie eben nötig und brummte sie mürrisch an. Sie erwiderte es mit einem Lächeln, gab ihm einen Kuss und sagte es nun doch einmal.

„Danke, dass du immer für mich da bist. Für alles einfach.“

Dann war sie eingeschlafen und hinterließ einen reichlich verwirrten und irgendwie beunruhigten Erik.

Clematis

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Hunger – Teil 1.

Heute einmal kein GratisGedanke, Momente oder Sonstiges sondern eine kleine Geschichte, die ich vor einer ganzen Weile geschrieben habe und hier mit Euch teilen möchte. Auch wenn sie hier und da kleine Fehler aufweist oder gelegentlich unsauber geschrieben ist, ich mag sie irgendwie. Deswegen gibt es hier jetzt die unbearbeitete Originalfassung. Viel Spaß damit!

Hunger

Das schrille Kreischen des Weckers riss sie viel zu früh aus einem traumlosen Schlaf. Ihre Kabine war abgekühlt und sie fror unter der dünnen Bettdecke. An Morgenden wie diesem vermisste sie ihre dicke Daunendecke, die sie hatte zurücklassen müssen. Mit diesem dünnen Lappen Stoff machte es einfach keinen Spaß, sich noch einmal um zu drehen und sich ein zu wickeln. Er würde sie auch nicht weiter aufwärmen.

Widerwillig kroch sie aus dem Bett, wühlte sich mit dem Arm die zerzauste Haarpracht aus dem Gesicht und griff nach dem Zopfgummi auf dem Nachttisch bevor sie in die Nasszelle schlich. Das heiße Wasser wusch den klebrigen Schweiß der Nacht von Marissas Körper. Sie spürte förmlich, wie der Schlaf aus ihren Augen gewaschen wurde und ihre Haut sich straffte. Vom Wasser voll gesogen flossen ihre blonden Locken wie ein quirliger Wasserfall über ihren Oberkörper. Dicke Dampfschwaden waberten durch den Raum, schlugen sich als glitzernder Tau auf den glatten Wänden nieder. Lediglich der Spiegel blieb klar. Aus ihm blickte ihr eine gerade einmal dreißig jährige, schlanke Frau entgegen. Sie war hoch gewachsen und sehr sportlich. Ihre Arme und Beine waren durch tägliche, schwere Arbeit gestählt, genau wie ihre Schultern und der Rücken. Trotzdem war sie sehr schmal und bewegte sich elegant, fließend.

Gähnend und ihre Augen reibend stieg sie aus der Dusche. Ihre Haare, frisch befreit vom Gewicht des nach fließenden Wassers, zogen sich sofort hoch und bildeten eine wilde Mähne. Marissa blickte kurz auf ihr Spiegelbild, legte den Kopf schief und schüttelte den Kopf, dass die Tropfen bis zur Decke flogen. Heute hatte sie keine Zeit für einen ausgedehnten Kampf mit dieser Lockenpracht. Sie griff nach dem Zopfgummi und band sich eine straffe Knotenfrisur. Für heute musste das genügen. Die Klimaanlage gab sich Mühe, die verbliebenen Tropfen von ihrem Körper zu pusten, sie half mit einem Handtuch nur noch etwas nach.

Mit routinierten Bewegungen trug sie die spärliche Morgenkosmetik auf. Deodorant, ein dunkler Lidstrich und etwas Wimperntusche. Nicht zu viel, lediglich genug um ihre Augen dezent zu betonen. Den größten Teil hatte die Natur schon erledigt indem sie ihr ein hübsches Gesicht mit vollen, rosigen Lippen, Stupsnase und feinen Sommersprossen verliehen hatte. Marissa selbst empfand sich nicht als besonders hübsch, konnte aber ganz gut mit sich leben.

Wenig später verließ sie ihr Schlafzimmer, gekleidet in eine schlichte, eng anliegende, schwarze Uniformhose, einem Nuss-braunen Top und schwarzem Nadelstreifen Blaser. An der Küchenzeile nahm sie ihre Tasse heißen Tees in Empfang, gemeinsam mit einem belegten Brötchen von gestern Abend. Auf dem Beistelltisch neben der Kabinentür lagen einige Displays. Sie blätterte die Folien flüchtig durch, warf einen Blick auf die an die Wand projizierte Tageszeitung und stellte erschrocken fest, dass sie spät dran war. Die Tasse und das Brötchen noch in der Hand verließ sie ihre Kabine.

Verträumt auf dem Brötchen kauend ging sie den schlichten Flur entlang bis sie auf der zweiten Ebene der Allee auskam. Die Allee war ein breiter, drei Etagen hoher Korridor, der den Rumpf des Schiffs einmal der Länge nach durchzog. Die untere Ebene war abschnittsweise für kleine Geschäfte, Bars und Restaurants reserviert. Hier fand das gesellschaftliche Leben des Schiffes statt, zu jeder Tageszeit. In der zweiten und dritten Ebene verbreiterte sich die Allee jeweils um einen Balkon auf jeder Seite. Dahinter lagen Büroräume und die Zugänge zu diversen Wohnkorridoren. Die Treppen, Brücken und Balkone der Allee waren die Laufstege dieser kleinen Welt. Hier ging hin wer sehen oder gesehen werden wollte. Wer nicht gleich gesehen werden wollte, versteckte sich lieber im Park. Als Park bezeichneten die Leute die verteilten Bäume, Pflanzenkübel und kleine Grasflächen, die der Allee eine grüne Note gaben.

Marissas Weg führte vorbei an dieser Oase, hin zu einer anderen. Einige Etagen unter dem hinteren Ende der Allee waren die hydroponischen Gärten des Schiffs verborgen. Hier wuchsen 75% der Nahrungsmittel, die an Bord gegessen wurden. Die restlichen 25% entstammten den Aquakulturen in den Tanks der Abwasseraufbereitungsanlage. Eine Tatsache, die von der Verwaltung und den beteiligten Arbeitern bestens geheim gehalten wurde. Um so imposanter leuchteten für Marissa die hydroponischen Gärten selbst. In schier endlosen Regalreihen reiften hier Tag für Tag Obst, Gemüse und Getreide auf künstlichem, wässrigen Nährboden heran. Andere Nutzpflanzen, wie zum Beispiel Hanf oder Flachs, hatten ihren eigenen Garten, im Bug des Schiffs. Er war nicht annähernd so groß wie dieser, aber er erfüllte seinen Zweck.

Sie schritt die Regale ab. Das Brötchen hatte sie aufgegessen und die Tasse gegen eine Registerliste ausgetauscht. Skeptische Falten legten sich auf ihre Stirn. Sie würde eine neue Untersuchung der Nährlösung anordnen, schon wieder. Die letzten sieben Tage hatte sie nun schon die Mischung variiert aber die Produktivität der Gärten sank seit Wochen stetig. Irgend etwas stimmte nicht. Sie konnte weder Schädlingsbefall noch Krankheiten entdecken, nur die Früchte wuchsen kaum noch.

Um den Bedarf des Tages decken zu können, würden sie erneut auf die Kühlreserven zurück greifen müssen. Besorgt blickte sie auf die Inventur. Das Lager war selten wirklich voll gewesen, so leer wie in den letzten Tagen war es aber seit dem Start nicht gewesen. Zum ersten mal in ihrem Leben an Bord, erinnerte sie sich an einer Art Schiffslegende. Auf dem Ausleger am Rücken des Schiffs, in den aufgesetzten Frachtcontainern, lagerten angeblich militärische Notrationen für den Ernstfall. Sie lagen in den ganzen dreißig Jahren der Reise tief gefroren und ohne Atmosphäre, nur dem Klima des Weltalls ausgeliefert. Was da dran war wusste sie nicht. Niemand an Bord wusste so genau, was sich in den Containern befand. Sie waren für die Zeit nach der Landung bestimmt und nicht für die Reise.

Dreißig Jahre. Die ganze Zeit über hatten sie es ohne Rationierung und Notreserven geschafft. Jetzt, so kurz vor ihrem Ziel, sollten sie sich diese Statistik verderben? Nicht wenn sie es verhindern konnte, und wenn sie die Analyse der Nährlösung persönlich vor nahm. In einem halben Jahr würden sie ihr Zielsystem erreicht haben, in einem Jahr (wenn alles planmäßig verlief) wollten sie die Landung einleiten. Danach könnten sie Äcker außerhalb der Kolonie anlegen um die Versorgung auf zu stocken. So lange mussten sie noch durchhalten. Nur noch einen so ewig währenden Augenblick.

Sie schloss die Augen und seufzte. Was auch immer mit der Nährlösung nicht stimmte, sie würde überprüfen müssen, ob dort an der Außenhülle tatsächlich Container voller Notrationen hingen. Und selbst wenn, war nicht gesagt, dass sie die Jahre der galaktischen Kälte unbeschadet überstanden hatten. Welch ein grandioser Start in den Tag. Sie rieb sich die Augen, fühlte sich ausgelaugt und verbraucht. Sie rieb erneut über ihre Augen, welche nervös juckten, aber es schien nichts helfen zu wollen.

Fortsetzung folgt…

Planeten

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 92

Die Welt ist bekloppt

„Alles okay bei dir? Du bist so abwesend heute“

Flo saß auf Kristinas Sofa und starrte über sein zweites Bier hinweg. Kristina kam gerade aus der Küche zurück, wo sie Kekse und mehr Bier geholt hatte. Im Fernsehen lief die Wiederholung einer alten Science Fiction Serie. Als Kind hatte sie die Serie geliebt und nun hatte sie die Hoffnung, ihren Freund wenigstens ein kleines Bisschen für diese Leidenschaft begeistern zu können. Flo nippte nur abwesend an seinem Bier. Er hatte beiläufig mitbekommen, dass er angesprochen worden war, hatte aber den Sinn der Worte kaum verstanden. Kristina war mit dem unbestimmten Brummen als Antwort nicht wirklich glücklich, als sie sich neben ihm aufs Sofa fallen ließ.

„Was geistert dir im Kopf herum?“

„Die Welt ist bekloppt.“

Das war nicht viel bestimmter als das Brummen, aber immerhin ein guter Ansatz. Im Fernsehen rannte ein Astronaut mit einer Salatschüssel als Helm seines Anzugs über einen fremden Planeten. Sie seufzte innerlich.

„Du hast wieder Nachrichten gesehen, stimmts?“

„Hmm auch.“

„Welche?“

„Einige.“

Er machte eine Pause und trank einen ausgiebigen Schluck. Sie ließ ihn machen. Manches mal half es ihm, über Themen zu reden, die über Banalitäten hinaus gingen. Flo war ein Meister des Small Talks, aber wenn es um etwas ging, was ihn bewegte, dann sah die Sache anders aus.

„Hab Anfang der Woche nicht gut geschlafen. Der Rettungshubschrauber ist laufend übers Haus geflogen. Wegen dem Bekloppten in der Bahn. Dann gibt’s hier und da noch ein wenig Krieg oder mal ein Amoklauf oder Selbstmordanschlag.“

„Ja, das ist schon wirklich schrecklich und traurig.“

„Was mich viel mehr stört, ist, dass es normal geworden ist und niemand mehr wirklich zu fragen scheint, wieso das passiert. Es ist einfacher, dass auf religiöse Spinner oder Psychopathen zu schieben. Hast du heute schon Nachrichten geguckt? Kinder sind tot und die Sender haben nichts Besseres zu tun, als den Bruder von einem Mädchen vor die Kamera zu zerren und den erzählen zu lassen, wie er durch die Krankenhäuser und Polizeistationen gezogen ist, in der Hoffnung, sie noch lebend zu finden. Ein Mann legt eine Blume am Unglücksort ab und rund herum stehen zehn oder fünfzehn Journalisten mit ihren Kameras, die begeistert drauf halten. Die Welt ist einfach völlig bekloppt geworden.“

Kristina sah ihm schweigend dabei zu, wie er seine Flasche leerte und sich eine neue öffnete. Sie wusste nicht, was sie hätte sagen können, um ihn zu beruhigen. Nach außen hin war er schließlich auch ruhig. Es war eher Resignation, die aus ihm sprach. Er hatte seine Artgenossen schlicht aufgegeben, fühlte sich mal wieder von ihnen verraten und im Stich gelassen. Das kannte sie bereits von ihm. Das Ausmaß überraschte sie dennoch.

„Ach ja, und ich habe Post bekommen. Vor etwa einem Monat hatte ich ein Vorstellungsgespräch, für nach dem Abschluss. Hab wohl keinen guten Eindruck hinterlassen. Sie haben jedenfalls jemand anderen genommen. Aber das war keine Überraschung.“

Doch, das war es. Für sie auf jeden fall. Sie hatte nicht gewusst, dass er sich bereits auf Stellen beworben hatte, wo er doch noch wenigstens ein Semester vor sich hatte. Und so oder so, in ihren Augen war er reichlich qualifiziert, vielleicht sogar überqualifiziert. Egal, was das auch immer für eine Stelle gewesen sein mochte. Sie probierte einen Keks und stellte fest, dass sie überhaupt nicht zum Bier passten.

Lindau

Himmelblau

Ein kontinuierlicher Strom von Photonen, am Ende einer Reise von definiert einer Astrononischen Einheit Länge. Die beschleunigten Teilchen und Wellen treffen auf Widerstand in Form von Atomen. Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, in beinahe beliebigen Kombinationen. Teilchen, Atome und Wellen kollidieren, wirken aufeinander, bremsen sich aus, verändern sich. Kurze Wellen werden verlängert. Aus Ultraviolett wird sichtbares, bläuliches Licht, rote Anteile verschieben sich ins Infrarot, emittieren als Wärmestrahlung.

Atmosphärisches, gasförmiges Wasser filtert die einfallende Strahlung. Schwächere, langwellige Strahlung wird zerstreut und gebremst, kurzwelliges Blau passiert. Genug Rot wird zu Wärmestrahlung. Sie fällt auf die ledrige Oberfläche einer organischen Sensorenplattform. Zahllose Nervenenden werden angeregt, elektrische Signale springen durch einen Organismus. Die Verlagerung von Ionen ist ein langsamer Prozess. Langsamer vermutlich, als das Licht vom ersten Kontakt mit der Atmosphäre bis zum Erreichen der Haut benötigt.

Dennoch ist es viel schneller als die Reaktion des Nervenzentrums. Ein chemischer Botenstoff wird ausgeschüttet und verteilt sich mit der Bewegung des Blutes im ganzen Körper. Endorphine erzeugen ihre unvermeidbaren Reaktionen. Die Photozellen in den optischen Sinnesorganen sind hinter den Lidern geschützt, nehmen dennoch viel Licht auf. Der Puls fährt herunter. Sonnenschein und ein strahlend blauer Himmel. Wie ein Sommer eben aussehen soll.

Himmelblau

Hörsaalgetuschel – Ausgabe „wie gehts weiter?“

Nach gut 90 Ausgaben Hörsaalgetuschel weiß ich nicht mehr so ganz, wohin die Reise gehen will. Sehr vieles aus dem Unialltag ist bereits vorgekommen, auch wenn die alten Ausgaben kaum gelesen wurden. Der Versuch in den letzten Ausgaben, ein wenig auf die Anfänge der Serie zurück zu verweisen, hat nur mäßig gut geklappt. Vereinzelt haben sich Leser auf die alten Folgen locken lassen und diesen hat es auch gefallen, viel mehr hat es aber auch nicht ergeben. Viel mehr habe ich allerdings auch nicht erwartet. Die Serie hatte immer wieder schwächere Phasen, in denen ich recht uninspiriert an die Sache heran gegangen bin. Dann gab es aber auch immer wieder Phasen, wo mir eine Idee gekommen ist, die wieder einen frischen Hauch hinein gebracht hat. Wer mir schon länger folgt, der hat eventuell ein gewisses Auf und Ab bemerkt.

Ich muss mich allerdings entscheiden. Möchte ich versuchen, die Serie fort zu führen und die Geschichte um Flo, Mia und Erik noch etwas weiter spinnen? (Und wenn ja, in welche Richtung?) Oder entscheide ich mich lieber für eine Pause, und versuche an dieser Stelle einmal etwas anderes? Vielleicht ein kleiner Blick in die Sterne? Ab wann kann das Auf dem Ab nicht mehr entgegen wirken? Ich will auf jeden Fall weiter schreiben. Einfach, weil ich es auch brauche. Vielleicht eine etwas längere Geschichte, vielleicht auch nur etwas kurzes.

Ich wäre auf Eure Meinung dazu gespannt. Was lest Ihr gerne? Was hat Euch überhaupt erst auf meine kleine Buchstabensuppe gebracht, und vor allem, hier gehalten? Möchtest Du als Nächstes gerne eine weitere Ausgabe Hörsaalgetuschel lesen, oder doch lieber einen Ausflug in eine frischere, unverbrauchtere Welt? Lass es mich gerne wissen.

Bis dahin, euer Graf

Mindesthaltbarkeitsdatum

Das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln schafft es immer wieder, zum Gesprächsthema in der Politik zu werden. Politik und Medien befassen sich immer wieder damit, wenn es einen neuen Lebensmittelskandal gibt oder eine Studie mal wieder feststellt, dass wir zu viel wegwerfen. Was genau der Tonus dahinter ist, schwankt mit Zeit bis zur Wahl, dem berichtenden Organ und der Windrichtung.

Das letzte mal ist nun auch wieder eine Weile her, aber ich erinnere mich noch daran. Damals wurden wir darauf hingewiesen, dass das „Mindest-“ in Mindesthaltbarkeitsdatum einen Grund und eine Berechtigung hat. Etwas ist gerade abgelaufen? Bitte nicht blindlings wegwerfen, sondern zunächst prüfen und das Datum gegebenenfalls ignorieren. Tolle Erkenntnis! Ich hatte es für gesunden Menschenverstand gehalten und war damals reichlich erstaunt über diesen Rat. Inzwischen weiß ich, dass es gesunder Menschenverstand ist, dieser allerdings offenbar ein rares Gut ist.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist für mich eigentlich nie ein Thema. Es ist da, aber ich beachte es kaum. Mein Ziel ist es eher, möglichst wenig schlecht werden zu lassen. In der Regel bin ich recht erfolgreich damit. Auch wenn leider auch mir immer wieder einiges schlecht wird, wenn auch eigentlich nur Frisches. Können Konservendosen und Tütensuppen überhaupt schlecht werden?

Mindeshaltbarkeitsdatum

Wieso ich trotzdem neulich dran denken musste, ist einfach. In den Untiefen meines Kühlschrankes, genau genommen auf der mittleren von drei Ebenen, ganz links, fand sich eine Packung meiner nicht ganz so geliebten Süßigkeiten. Sie lag eine ganze Weile dort, seit ich sie geschenkt bekommen habe, um noch genauer zu sein. Ich habe nie besonders viele Gedanken daran verschwendet, nur in letzter Zeit ist die Pappverpackung etwas aufgeweicht und nass geworden. Wieso also nicht einen Blick riskieren? Auf der Stirnseite der Zitrusstäbchen findet sich tatsächlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Süßigkeiten können sich natürlich verändern aber schlecht werden? Bei korrekter Lagerung kann ich mir das nicht denken.

Zeit also, einen Blick zu riskieren. Die Plastikverpackung ist heile und geschlossen, der Inhalt offenbar völlig intakt. Etwas anderes hätte mich auch gewundert, die Stäbchen sind schließlich erst seit zwei Jahren abgelaufen. Zugegeben, die Schokolade ist teilweise leicht angelaufen aber das war es auch schon. Mehr ist nicht dran, optisch wie geschmacklich. Ich fühle mich also in meiner Ansicht bestätigt, dass dieses Datum bei vielen Lebensmitteln eher kosmetischer Natur ist. Es ist in den meisten Fällen völlig unproblematisch, sich auf das hauseigene Lebensmittelchemielabor zu verlassen. Nase und Zunge sagen uns doch meist ganz genau, ob wir etwas essen können und ob nicht. Immerhin stecken fast eine halbe Milliarde Jahre Evolution dahinter.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 91

Damals…

Ein Hoch auf den ÖPNV und seine Freuden. Wie sehr es Flo doch liebte auf den Bus zu warten. Er hatte nicht mitgezählt aber inzwischen musste jeder einzelne Bus der gesamten Stadt an der Haltestelle vorbei gekommen sein, außer dem, der zur Uni hoch fahren sollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr und ein langer Blick auf den Fahrplan. Vor zwanzig Minuten hätte er da sein sollen aber das war ja nur der Bus, der auf dem Plan stand und Fahrpläne waren entweder vorsichtige Vorschläge oder dekorative Elemente, die einem das Auffinden einer Bushaltestelle erleichtern sollten. Wahrscheinlich wäre er schneller gewesen, wenn er gelaufen wäre. Später ist man immer schlauer aber das war nun schon das vierte mal in zwei Wochen, dass Flo darauf herein gefallen war. Jetzt noch los zu laufen würde ihm auch nichts mehr bringen und der andere Bus zwei Blocks weiter war um diese Zeit auch längst durch. Für einen Augenblick erwog er, einfach nach hause zu gehen und sich einen schönen Tag zu machen aber dann würde er seine fällige Hausübung nicht abgeben können und das konnte und wollte er sich nicht leisten.

Er atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und trat nervös von einem aufs andere Bein. Um ihn herum bot sich das einheitliche Bild von Menschen, die mit stoischem Gesichtsausdruck, jeder für sich auf den Bus warteten und dabei den Blick auf Smartphones gefesselt. Auf Flo wirkten sie immer etwas wie Wachsfiguren oder Schaufensterpuppen. Die meisten hatten sich mit Kopfhörern abgeschottet und bekamen von der Umwelt nur noch das Nötigste mit. Er selbst hatte sich genau so gern mit Musik abgeschottet und sein Blick reichte entweder bis zur Nasenspitze oder bis zur Kreuzung, von wo aus der Bus kommen sollte. Die Wachsfiguren schienen geduldiger als er selbst zu sein. Offensichtlich wussten sie etwas, was er nicht wusste. Den genauen Zeitpunkt zum Beispiel, an dem der Bus kommen würde.

Wäre Flo gelaufen, er wäre jetzt ungefähr an der Uni angekommen. Stattdessen kam jetzt erst der Bus, überfüllt und mit einem offensichtlich übermüdeten Busfahrer, der überlegte, ob er nicht einfach vorbei fahren sollte. Glücklicherweise entschied er sich nicht nur zum Halten sondern auch noch dazu, die Türen auch zu öffnen. Wieder etwas nicht so selbstverständliches in dieser Stadt, so verrückt es auch klang. Flo seufzte und quetschte sich in das Getümmel. Verbrauchte Luft schlug ihm entgegen und er machte seine Musik lauter, um wenigstens nicht viel hören zu müssen. Er bemühte sich, möglichst wenig von den Menschen um ihn herum mitzubekommen. Es war ihm nicht nach Zoo zumute.

Je nach Laune würde er eine solche Situation nutzen, um seine Mitmenschen zu beobachten und zu beurteilen. Er war realistisch genug, zu sehen, dass auch er sich immer wieder nicht musterhaft verhielt. Mal war er angetrunken unterwegs, mal waren seine Haare nicht ordentlich frisiert oder der Bart nicht ganz sauber gestutzt. Vielleicht hatte er auch einmal einen Fleck auf dem Hemd. Doch wenn er sich im Bus umsah, dann hatte er den Eindruck, vielen Leuten wäre einfach alles egal. War es Ignoranz oder Überheblichkeit? So oder so war es ihm heute egal. Er war unterwegs, seine Mission zu erfüllen und das wars.

Vor dem Fenster herrschte strahlender Sonnenschein und ein traumhaftes Wetter. Es war eigentlich viel zu gut, um Bus zu fahren. Bislang war es überhaupt das Beste am ganzen Tag. Dicht gefolgt von der Endhaltestelle, an der der Bus nun klappernd zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich und die lebende Ladung purzelte und taumelte auf den Bürgersteig davor, ehe sie sich verteilte. Auch Flo hangelte sich aus dem Bus und versuchte dabei, mit so wenigen seiner Mitreisenden, wie möglich, zu kollidieren. Eine Herde Yetis stapfte vorbei. Vielleicht waren es auch nur Hirngespinste.

Flo überprüfte seinen Rucksack. Er war noch da und der Inhalt genau so. Diesmal hatte er rechtzeitig an alles Wichtige gedacht, im Gegensatz zu diversen anderen Malen. Inzwischen konnte er es sich einfach nicht mehr leisten, schludrig zu sein. Bei dem Gedanken an frühere Semester wurde er beinahe etwas wehleidig. Damals war alles noch etwas leichter gewesen. Damals…

Bodensee 2

Backtracking zum Vergleichen: Hörsaalgetuschel – Ausgabe 2

Falls Du es noch nicht gelesen hast und neugierig bist 😉 Alles hat irgendwo einmal angefangen.