Hörsaalgetuschel – Ausgabe 90

Referat

Das tolle am Donnerstag war in diesem Semester, dass Flos erstes Seminar erst mittags um zwölf war. Das war nicht nur mehr als genug Zeit zum Ausschlafen, man bekam im Vorfeld sogar richtig etwas erledigt. Wenigstens hatte er den Morgen bereits zum Wäsche waschen und Einkaufen genutzt. Das Zimmer war auch gesaugt und alle Mails beantwortet, sogar eine besonders kreative Spam Mail. Ein alberner Spaß, den er sich immer mal wieder gönnte, um sich kreativ auszutoben.

Nun saß er gemeinsam mit Tina und Erik im Seminarraum und träumte vor sich hin. Dass er ausschlafen konnte, hieß nicht, dass er auch ausgeschlafen war. Er hatte grundsätzlich in letzter Zeit nicht oft das Gefühl gehabt, gut ausgeschlafen gewesen zu sein. Wieso das so war, konnte er nicht genau sagen. Sein Körper schien sich einen eigenen Biorhythmus überlegt zu haben, der in keinem Bezug zu irgendetwas anderem stand. Nicht zum Sonnenstand, einer beliebigen Zeitzone des Planeten oder seinem eigenen Tagesrhythmus.

Erik sah ebenfalls nicht so aus, als habe er in letzter Zeit viel geschlafen. Im Augenblick erzählte er der besorgt und eifersüchtig dreinblickenden Tina, dass er das schöne Wetter am letzten Wochenende dazu genutzt hatte, mit Mia ans Meer zu fahren. Einmal weg, einmal raus, abseits der Arbeit. Einmal den Kopf freibekommen, Zeit zu zweit genießen, sich auf das Wesentliche besinnen. Er hatte versucht, ihre Zukunft auszublenden aber an einem Punkt war es trotzdem durchgebrochen. Sie schien mit sich selbst zu hadern und sich unsicher zu sein, sah aber keinen Weg zurück mehr. Also gab es keinen Grund mehr für sie, über das Thema nachzudenken. Der Weg war vorgegeben wie die Trasse einer Achterbahn.

„Ich darf Sie heute zum vorletzten mal in diesem Seminar begrüßen. Nächste Woche ist der letzte Termin, der aber noch stattfindet. Wir werden da noch zwei Vorträge hören. Herr Tümmler und Frau Yasici stehen noch auf der Liste. Das stimmt noch so weit?“ Die Dozentin blickte kurz suchend ins Publikum, sah die beiden Angesprochenen nicken und machte sich zufrieden eine Notiz. „Für heute gibt es leider eine kleine Planänderung. Eigentlich wäre als Erstes gleich Frau Reinhard dran, aber sie hat uns offenbar verlassen. Weiß da jemand etwas Genaueres?“

Erik schluckte sichtbar. So direkt und öffentlich auf seine Freundin angesprochen zu werden behagte ihm überhaupt nicht. Unter vier Augen hätte er ihr die Situation vielleicht erklärt, aber so war ihm eher danach, sich in einem Loch zu verkriechen. Er war dankbar, dass Flo ihm diese Last abnahm und der verdutzten Dozentin eröffnete, dass Mia ihr Studium wohl abgebrochen hatte. Die Nachricht wurde mit verhaltenem Gemurmel und ungläubigem, stummen Staunen aufgenommen. Irgendwo im Haus knallte eine Tür, im Raum klappte ein Kiefer geräuschvoll zusammen. Die Musterstudentin fehlte, und das offenbar nicht krankheitsbedingt. Es war ein kleiner Schock.

Der zweite Vortrag der Stunde wurde also entsprechend nach vorne gezogen. Der stille Markus aus der letzten Reihe war dran. Erhob sich zitternd und stolperte ungeschickt aus der Reihe, um nach vorne zu kommen. Man sah ihm sein Lampenfieber an. Die fünfzehn Leute, vor denen er hier reden musste, waren ihm wenigstens fünfzehn zu viele. Der Kurs nahm seine Nervosität amüsiert zur Kenntnis. Flo atmete tief durch. Er kannte Markus‘ Vortragsstil und konnte ihm wenig abgewinnen. Die Panik ließ ihn unkontrolliert stottern und stammeln, was die Erfahrung für ihn selbst nur noch schlimmer machte und für die Zuhörer zu einer kleinen Tortur.

Markus war noch nicht ganz aus seiner Reihe heraus, da flog die Tür auf und eine völlig außer Atem geratene Mia stand mit hochrotem Kopf im Raum. Entschuldigend hob sie die Hand voller Blätter.

„Entschuldigung, der Drucker in der Bib wollte mein Handout nicht drucken. Ich musste erst einen anderen finden, der nicht drei Stunden Wartezeit hatte. Es war alles etwas knapp kalkuliert.“

„Frau Reinhard,“ die Dozentin wirkte ehrlich überrascht „uns wurde soeben mitgeteilt, dass sie sich einen anderen Beruf als den der Studentin gesucht hätten.“

„Ja, das stimmt schon.“ Mia funkelte Flo vielsagend an „Allerdings sollte man gewisse Dinge nicht übereilen. Das Semester ist ja nun auch nicht mehr so lang.“

Markus hatte sich still, heimlich und unendlich dankbar wieder auf seinen Platz zurückgezogen. Er wusste, dass er nur etwa eine halbe Stunde gewonnen hatte, doch ihm war jede Minute mehr nur recht. Hätte er als einer der Ersten gehalten, hätte er es nun hinter sich. Und nebenbei würde er nicht im Vergleich zu Mia stehen.

Sie hat es sich also noch einmal überlegt. Flo und Erik waren beide gleichermaßen überrascht. Vermutlich sogar noch deutlich überraschter, als sonst jemand im Raum. Später würde sie ihnen eröffnen, dass sie immer noch weg wollte, aber wenigstens ihren Abschluss noch fertig machen wollte. Erik würde ihr die „Sicherungskopie“ später geben und sie würde ihn nicht umbringen. Jedenfalls nicht gleich. Zunächst aber würde sie ihm erstmalig in ihrer Beziehung das Gefühl geben, ihn wirklich als gleichwertigen Partner zu sehen, dessen Meinung ihr tatsächlich etwas bedeutete.

2016-07-01 15.08.44

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2 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 90

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