Hörsaalgetuschel – Ausgabe 92

Die Welt ist bekloppt

„Alles okay bei dir? Du bist so abwesend heute“

Flo saß auf Kristinas Sofa und starrte über sein zweites Bier hinweg. Kristina kam gerade aus der Küche zurück, wo sie Kekse und mehr Bier geholt hatte. Im Fernsehen lief die Wiederholung einer alten Science Fiction Serie. Als Kind hatte sie die Serie geliebt und nun hatte sie die Hoffnung, ihren Freund wenigstens ein kleines Bisschen für diese Leidenschaft begeistern zu können. Flo nippte nur abwesend an seinem Bier. Er hatte beiläufig mitbekommen, dass er angesprochen worden war, hatte aber den Sinn der Worte kaum verstanden. Kristina war mit dem unbestimmten Brummen als Antwort nicht wirklich glücklich, als sie sich neben ihm aufs Sofa fallen ließ.

„Was geistert dir im Kopf herum?“

„Die Welt ist bekloppt.“

Das war nicht viel bestimmter als das Brummen, aber immerhin ein guter Ansatz. Im Fernsehen rannte ein Astronaut mit einer Salatschüssel als Helm seines Anzugs über einen fremden Planeten. Sie seufzte innerlich.

„Du hast wieder Nachrichten gesehen, stimmts?“

„Hmm auch.“

„Welche?“

„Einige.“

Er machte eine Pause und trank einen ausgiebigen Schluck. Sie ließ ihn machen. Manches mal half es ihm, über Themen zu reden, die über Banalitäten hinaus gingen. Flo war ein Meister des Small Talks, aber wenn es um etwas ging, was ihn bewegte, dann sah die Sache anders aus.

„Hab Anfang der Woche nicht gut geschlafen. Der Rettungshubschrauber ist laufend übers Haus geflogen. Wegen dem Bekloppten in der Bahn. Dann gibt’s hier und da noch ein wenig Krieg oder mal ein Amoklauf oder Selbstmordanschlag.“

„Ja, das ist schon wirklich schrecklich und traurig.“

„Was mich viel mehr stört, ist, dass es normal geworden ist und niemand mehr wirklich zu fragen scheint, wieso das passiert. Es ist einfacher, dass auf religiöse Spinner oder Psychopathen zu schieben. Hast du heute schon Nachrichten geguckt? Kinder sind tot und die Sender haben nichts Besseres zu tun, als den Bruder von einem Mädchen vor die Kamera zu zerren und den erzählen zu lassen, wie er durch die Krankenhäuser und Polizeistationen gezogen ist, in der Hoffnung, sie noch lebend zu finden. Ein Mann legt eine Blume am Unglücksort ab und rund herum stehen zehn oder fünfzehn Journalisten mit ihren Kameras, die begeistert drauf halten. Die Welt ist einfach völlig bekloppt geworden.“

Kristina sah ihm schweigend dabei zu, wie er seine Flasche leerte und sich eine neue öffnete. Sie wusste nicht, was sie hätte sagen können, um ihn zu beruhigen. Nach außen hin war er schließlich auch ruhig. Es war eher Resignation, die aus ihm sprach. Er hatte seine Artgenossen schlicht aufgegeben, fühlte sich mal wieder von ihnen verraten und im Stich gelassen. Das kannte sie bereits von ihm. Das Ausmaß überraschte sie dennoch.

„Ach ja, und ich habe Post bekommen. Vor etwa einem Monat hatte ich ein Vorstellungsgespräch, für nach dem Abschluss. Hab wohl keinen guten Eindruck hinterlassen. Sie haben jedenfalls jemand anderen genommen. Aber das war keine Überraschung.“

Doch, das war es. Für sie auf jeden fall. Sie hatte nicht gewusst, dass er sich bereits auf Stellen beworben hatte, wo er doch noch wenigstens ein Semester vor sich hatte. Und so oder so, in ihren Augen war er reichlich qualifiziert, vielleicht sogar überqualifiziert. Egal, was das auch immer für eine Stelle gewesen sein mochte. Sie probierte einen Keks und stellte fest, dass sie überhaupt nicht zum Bier passten.

Lindau

Advertisements

3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 92

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s