Hunger – Teil 1.

Heute einmal kein GratisGedanke, Momente oder Sonstiges sondern eine kleine Geschichte, die ich vor einer ganzen Weile geschrieben habe und hier mit Euch teilen möchte. Auch wenn sie hier und da kleine Fehler aufweist oder gelegentlich unsauber geschrieben ist, ich mag sie irgendwie. Deswegen gibt es hier jetzt die unbearbeitete Originalfassung. Viel Spaß damit!

Hunger

Das schrille Kreischen des Weckers riss sie viel zu früh aus einem traumlosen Schlaf. Ihre Kabine war abgekühlt und sie fror unter der dünnen Bettdecke. An Morgenden wie diesem vermisste sie ihre dicke Daunendecke, die sie hatte zurücklassen müssen. Mit diesem dünnen Lappen Stoff machte es einfach keinen Spaß, sich noch einmal um zu drehen und sich ein zu wickeln. Er würde sie auch nicht weiter aufwärmen.

Widerwillig kroch sie aus dem Bett, wühlte sich mit dem Arm die zerzauste Haarpracht aus dem Gesicht und griff nach dem Zopfgummi auf dem Nachttisch bevor sie in die Nasszelle schlich. Das heiße Wasser wusch den klebrigen Schweiß der Nacht von Marissas Körper. Sie spürte förmlich, wie der Schlaf aus ihren Augen gewaschen wurde und ihre Haut sich straffte. Vom Wasser voll gesogen flossen ihre blonden Locken wie ein quirliger Wasserfall über ihren Oberkörper. Dicke Dampfschwaden waberten durch den Raum, schlugen sich als glitzernder Tau auf den glatten Wänden nieder. Lediglich der Spiegel blieb klar. Aus ihm blickte ihr eine gerade einmal dreißig jährige, schlanke Frau entgegen. Sie war hoch gewachsen und sehr sportlich. Ihre Arme und Beine waren durch tägliche, schwere Arbeit gestählt, genau wie ihre Schultern und der Rücken. Trotzdem war sie sehr schmal und bewegte sich elegant, fließend.

Gähnend und ihre Augen reibend stieg sie aus der Dusche. Ihre Haare, frisch befreit vom Gewicht des nach fließenden Wassers, zogen sich sofort hoch und bildeten eine wilde Mähne. Marissa blickte kurz auf ihr Spiegelbild, legte den Kopf schief und schüttelte den Kopf, dass die Tropfen bis zur Decke flogen. Heute hatte sie keine Zeit für einen ausgedehnten Kampf mit dieser Lockenpracht. Sie griff nach dem Zopfgummi und band sich eine straffe Knotenfrisur. Für heute musste das genügen. Die Klimaanlage gab sich Mühe, die verbliebenen Tropfen von ihrem Körper zu pusten, sie half mit einem Handtuch nur noch etwas nach.

Mit routinierten Bewegungen trug sie die spärliche Morgenkosmetik auf. Deodorant, ein dunkler Lidstrich und etwas Wimperntusche. Nicht zu viel, lediglich genug um ihre Augen dezent zu betonen. Den größten Teil hatte die Natur schon erledigt indem sie ihr ein hübsches Gesicht mit vollen, rosigen Lippen, Stupsnase und feinen Sommersprossen verliehen hatte. Marissa selbst empfand sich nicht als besonders hübsch, konnte aber ganz gut mit sich leben.

Wenig später verließ sie ihr Schlafzimmer, gekleidet in eine schlichte, eng anliegende, schwarze Uniformhose, einem Nuss-braunen Top und schwarzem Nadelstreifen Blaser. An der Küchenzeile nahm sie ihre Tasse heißen Tees in Empfang, gemeinsam mit einem belegten Brötchen von gestern Abend. Auf dem Beistelltisch neben der Kabinentür lagen einige Displays. Sie blätterte die Folien flüchtig durch, warf einen Blick auf die an die Wand projizierte Tageszeitung und stellte erschrocken fest, dass sie spät dran war. Die Tasse und das Brötchen noch in der Hand verließ sie ihre Kabine.

Verträumt auf dem Brötchen kauend ging sie den schlichten Flur entlang bis sie auf der zweiten Ebene der Allee auskam. Die Allee war ein breiter, drei Etagen hoher Korridor, der den Rumpf des Schiffs einmal der Länge nach durchzog. Die untere Ebene war abschnittsweise für kleine Geschäfte, Bars und Restaurants reserviert. Hier fand das gesellschaftliche Leben des Schiffes statt, zu jeder Tageszeit. In der zweiten und dritten Ebene verbreiterte sich die Allee jeweils um einen Balkon auf jeder Seite. Dahinter lagen Büroräume und die Zugänge zu diversen Wohnkorridoren. Die Treppen, Brücken und Balkone der Allee waren die Laufstege dieser kleinen Welt. Hier ging hin wer sehen oder gesehen werden wollte. Wer nicht gleich gesehen werden wollte, versteckte sich lieber im Park. Als Park bezeichneten die Leute die verteilten Bäume, Pflanzenkübel und kleine Grasflächen, die der Allee eine grüne Note gaben.

Marissas Weg führte vorbei an dieser Oase, hin zu einer anderen. Einige Etagen unter dem hinteren Ende der Allee waren die hydroponischen Gärten des Schiffs verborgen. Hier wuchsen 75% der Nahrungsmittel, die an Bord gegessen wurden. Die restlichen 25% entstammten den Aquakulturen in den Tanks der Abwasseraufbereitungsanlage. Eine Tatsache, die von der Verwaltung und den beteiligten Arbeitern bestens geheim gehalten wurde. Um so imposanter leuchteten für Marissa die hydroponischen Gärten selbst. In schier endlosen Regalreihen reiften hier Tag für Tag Obst, Gemüse und Getreide auf künstlichem, wässrigen Nährboden heran. Andere Nutzpflanzen, wie zum Beispiel Hanf oder Flachs, hatten ihren eigenen Garten, im Bug des Schiffs. Er war nicht annähernd so groß wie dieser, aber er erfüllte seinen Zweck.

Sie schritt die Regale ab. Das Brötchen hatte sie aufgegessen und die Tasse gegen eine Registerliste ausgetauscht. Skeptische Falten legten sich auf ihre Stirn. Sie würde eine neue Untersuchung der Nährlösung anordnen, schon wieder. Die letzten sieben Tage hatte sie nun schon die Mischung variiert aber die Produktivität der Gärten sank seit Wochen stetig. Irgend etwas stimmte nicht. Sie konnte weder Schädlingsbefall noch Krankheiten entdecken, nur die Früchte wuchsen kaum noch.

Um den Bedarf des Tages decken zu können, würden sie erneut auf die Kühlreserven zurück greifen müssen. Besorgt blickte sie auf die Inventur. Das Lager war selten wirklich voll gewesen, so leer wie in den letzten Tagen war es aber seit dem Start nicht gewesen. Zum ersten mal in ihrem Leben an Bord, erinnerte sie sich an einer Art Schiffslegende. Auf dem Ausleger am Rücken des Schiffs, in den aufgesetzten Frachtcontainern, lagerten angeblich militärische Notrationen für den Ernstfall. Sie lagen in den ganzen dreißig Jahren der Reise tief gefroren und ohne Atmosphäre, nur dem Klima des Weltalls ausgeliefert. Was da dran war wusste sie nicht. Niemand an Bord wusste so genau, was sich in den Containern befand. Sie waren für die Zeit nach der Landung bestimmt und nicht für die Reise.

Dreißig Jahre. Die ganze Zeit über hatten sie es ohne Rationierung und Notreserven geschafft. Jetzt, so kurz vor ihrem Ziel, sollten sie sich diese Statistik verderben? Nicht wenn sie es verhindern konnte, und wenn sie die Analyse der Nährlösung persönlich vor nahm. In einem halben Jahr würden sie ihr Zielsystem erreicht haben, in einem Jahr (wenn alles planmäßig verlief) wollten sie die Landung einleiten. Danach könnten sie Äcker außerhalb der Kolonie anlegen um die Versorgung auf zu stocken. So lange mussten sie noch durchhalten. Nur noch einen so ewig währenden Augenblick.

Sie schloss die Augen und seufzte. Was auch immer mit der Nährlösung nicht stimmte, sie würde überprüfen müssen, ob dort an der Außenhülle tatsächlich Container voller Notrationen hingen. Und selbst wenn, war nicht gesagt, dass sie die Jahre der galaktischen Kälte unbeschadet überstanden hatten. Welch ein grandioser Start in den Tag. Sie rieb sich die Augen, fühlte sich ausgelaugt und verbraucht. Sie rieb erneut über ihre Augen, welche nervös juckten, aber es schien nichts helfen zu wollen.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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5 Gedanken zu „Hunger – Teil 1.

  1. kingarndt

    Ui, grade über den aktuellen Exitus-Teil gestoßen, die ganze Geschichte nochmal gelesen und jetzt hier die „Hunger“-Geschichte entdeckt. Wird ein langer Abend! 😀 Beides richtig spannend geschrieben und gut zu lesen. Kleinen, konstruktiven Tipp würde ich aber trotzdem noch geben: Als Leser habe ich nicht so richtig die Übersicht, wie viele Storys du hast und man muss ziemlich weit scrollen. Da wäre ein Archiv oder Unterkategorien hilfreich? Aber, egal. Ich stöber´ mich noch ein wenig weiter durch deinen Blog. 🙂
    VG, Arndt

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    1. dergrafvonborg Autor

      Vielen Dank für die lieben Worte 🙂 Es freut mich sehr, dass Dir die Geschichten gut gefallen und sie Spaß zu Lesen machen.
      Das mit der Übersicht ist tatsächlich ein Problem, da stimme ich Dir zu. Aber ich habe Deinen Kommentar mal zum Anlass genommen, das Menü etwas zu überarbeiten. Unter „Kurzgeschichten“ sollte jetzt ein Dropdown-Menü auftauchen, wo ein paar Geschichten sortiert sind. Ich feile zwar noch etwas daran, aber es ist ein Anfang. Vielen Dank für den Hinweis jedenfalls, es war wohl echt überfällig, dass ich mich mal damit befasse.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  2. Pingback: Beltane – Teil 1. | des Grafen Lesestunde

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