Hunger – Teil 3.

Antriebslos trieb die Biene im Raum während sich das Schiff langsam unter ihr weiter schob. Ein schriller Annäherungsalarm riss Marissa aus ihrer depressiven Lähmung. Sie trieb direkt auf einen verbogenen Träger zu. Ein heißer Stich jagte von ihrem Herzen aus den Rücken entlang. Der Schatten, der sich da vor ihr abzeichnete, konnte ein intakter Container sein. Eilig richtete sie die Biene neu aus und beleuchtete ihn. Wahrhaftig! Ein Rationscontainer, weitgehend unversehrt und versiegelt. Lediglich ein wenig verbeult. Wenn sie nur noch einen weiteren fand, dann hätten sie sicher eine Woche zusätzlich bekommen. Sie konnte es kaum fassen. Fragiler als eine Perlenkette hing eine Serie von Containern an einem Draht.

Sie suchte alles ab, was sie erreichen konnte. Am Ende musste sie etwa ein Viertel der Container als verloren in die Inventarliste eintragen. Ein Verlust, der ihr bitterer als Galle im Mund lag und ihr Herz rasen ließ. Sie betete, dass die Rationen in den verbliebenen Containern intakt waren. Sie würden jede einzelne davon benötigen, oder es würde nicht reichen. Sie konnte den Hunger schon in sich nagen fühlen. Am Ende trennte sie den letzten Container von der Kette ab und nahm ihn ins Schlepptau. In diesem Zustand traute sie sich schlicht nicht, mehr als einzelne Container zu transportieren. Wie ein rohes Ei schleppte sie ihn in den Hangar, traute sich kaum ihn ab zu setzen. Ihr Herz schlug so stark, dass sie den Eindruck hatte, es müsse ihr die Adern sprengen.

Unter den neugierigen Augen der Hangarcrew brach sie das Siegel des Containers. Die Gerüchteküche hatte die Nachricht des Nahrungsproblems bereits im Schiff verbreitet. Als hinter den Containertüren nun die dicht gepackten Notrationen zum Vorschein kamen, spürte sie hinter sich einerseits ein erleichtertes Aufatmen, andererseits kalte Beklommenheit. Bis zu diesem Moment hatte sich niemand im Hangar ernsthaft getraut, an die Knappheit zu glauben. Marissa selbst traute sich noch nicht, auf zu atmen. Zögerlich zog sie eine Ration aus dem Container, wog die flache Tüte in der Hand und riss sie dann vorsichtig auf. Bedacht darauf, keinen Krümel zu vergeuden, zog sie den Inhalt hinaus und untersuchte ihn gewissenhaft.

Vom Aussehen her war alles gut, der Geruch dagegen etwas muffig aber nicht direkt ungenießbar. Sie traute sich kaum es zu probieren. Als sie dann am Ende doch hinein biss fühlte es sich an, als fülle sich ihr Mund mit Asche. Mit verkniffenem Gesicht kaute sie die fast geschmacklose Substanz. Es knirschte staubig und gab ihr ein eher unbehagliches Gefühl. Das Lebensmittellabor würde wieder etwas zu tun haben denn für sie war nicht deutlich, dass die Ration essbar und auch nahrhaft war.

Die Laborergebnisse der Nährlösung in der Hand kam Marissa wieder in der Farm an. Ihr Blick war nach innen gerichtet und die Stirn in Falten gelegt. Abwesend wanderte sie durch die Reihen und strich über die Pflanzen. Sie kamen ihr schrecklich kümmerlich vor und das, obwohl sie fast wie immer schienen. Sie fühlte sich alt, müde und hungrig, trotz des Frühstücks. So sehr es aber auch in ihr nagte, sie traute sich einfach nicht, etwas zu essen. Jeder Bissen erschien ihr auf einmal wie das höchste Gut. Erschöpft lehnte sie sich an die Wand, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. So stand sie einige Minuten und genoss die Kontinuität des ewig Gleichen. Fast genau so war es immer gewesen, mit Ausnahme des leichten Flackerns. Nervös öffnete sie die Augen wieder und blickte direkt in die hellen Gewächshauslampen. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Eine der Lampen leuchtete unregelmäßig, das war ihr aufgefallen. Es erschien ihr allerdings eher so, als hätte sie es letzte Woche bemerkt und nicht am selben Vormittag.

Marissa schnalzte ungehalten mit der Zunge. Auf diesem Schiff lief schon zu viel schief, als dass sie eine weitere Fehlfunktion dulden würde. Die Techniker würden kommen müssen und die Lampe reparieren. Umgehend rief sie in der Verwaltung an, mehr um etwas zu tun, als dass es zwingend nötig gewesen wäre. Langsam erreichte sie einen Punkt, an dem sie ihre eigene Hilflosigkeit nicht länger ertragen konnte.

Offensichtlich genoss die Farm dank der Gerüchte eine besondere Behandlung denn kaum zehn Minuten später standen drei Techniker in der Tür und schnauften atemlos. Obwohl Marissa jeden von ihnen schon mehrfach hier unten gesehen hatte wirkten sie allesamt wie fremd und verkrampft. Gerade so, als wären sie uneingeladen in eine private Party geplatzt und hätten die Gastgeberin mit dem Mann ihrer besten Freundin in verfänglicher Pose erwischt. Verschämt versuchten sie krampfhaft, die Pflanzen zu ignorieren und versagten bei dieser Bemühung sagenhaft. Die Neugier war einfach zu groß und wurde durch bloßes hinsehen nicht im geringsten befriedigt. Mit unverhohlener Enttäuschung begaben sie sich zu der mittlerweile ebenso unverhohlen flackernden Lampe.

Marissa hätte erwartet, dass sie die Birne austauschen und das Thema damit erledigt wäre. Die Techniker aber hatten ihre eigenen Pläne. Nervös demontierten sie die komplette Lampe und verschwanden damit in Richtung ihrer Werkstatt, ohne für Ersatz zu sorgen. Zurück blieb eine verdutzte Farmerin und ein schattiger Abschnitt in der hydroponischen Anlage. Eine Erklärung waren sie ebenfalls schuldig geblieben. Sie schickte ihnen ein Memo hinterher und beschloss, den Vorfall zu vergessen.

Wenigstens was das Vergessen betraf waren die Techniker anderer Meinung. Schon eine halbe Stunde später meldeten sie sich bei ihr und baten sie, in einem für ihren Geschmack viel zu befehlenden Ton, in die Werkstatt. Da es auf der Farm gerade nichts mehr für sie zu tun gab, ließ sie die Herrschaften nur zehn Minuten warten und begab sich schmollend zu ihnen. Dort fand sie ihre Theorie der besonderen Behandlung teilweise bestätigt. Ihre Lampe lag nicht, wie sie erwartet hatte, auf einer der überladenen Werkbänke sondern in einem offensichtlich eilig eigens dafür zusammengeschusterten Gestell. Und sie leuchtete einwandfrei, völlig ohne zu flackern. Marissa blickte die Lampe an, zog die linke Augenbraue hoch und wandte sich dann wortlos den Technikern zu.

„Wie Sie sehen können, wir haben die Lampe repariert. Das Flackern war nur ein einfacher Wackelkontakt. Die Anschlüsse sind, wahrscheinlich aufgrund des feuchten Klimas der Farm, korrodiert und waren im Begriff, ab zu fallen. Wir haben Kabel und Anschlüsse ersetzt, um einen Kabelbrand auch zukünftig zu vermeiden. Wenn es nicht zu viel verlangt ist, würden wir auch gerne die anderen Lampen der Farm warten. Ich muss ihnen ja die Gefahr, die von einem solchen Feuer ausgeht nicht erläutern.“

Sie nickte nur zustimmend. Das Schiff machte sein Alter in den letzten Monaten immer öfter deutlich. Spröder Lack platzte von den Wänden, Rohrleitungen wurden undicht und auch die Dichtungen ließen langsam nach. Marissa hatte das bemerkt und sich maßlos darüber geärgert. Andere Schiffe der Flotte taten bereits seit über sechzig Jahren ihren Dienst und waren in besserem Zustand. Bei einem Kolonieschiff legte man anscheinend nicht so viel Wert auf die Qualität wie bei den Kreuzern. Menschen gab es schließlich genug. Der Techniker jedenfalls war noch nicht fertig mit seinem Vortrag. Kaum, dass sie genickt hatte, kaute er kurz auf seinem Zeigefinger, guckte nachdenklich und hob dann neu an.

„Wir haben die Gelegenheit jedenfalls genutzt, die Lampe etwas genauer zu untersuchen. Auch wir haben nicht so oft die Gelegenheit, eine der alten Tageslichtlampen zu testen. Temperaturentwicklung, Stromverbrauch, Leuchtkraft, Leuchtkörperchemie. Alles, was uns eingefallen ist und was wir testen konnten. Es ist alles so, wie wir es erwartet hatten. Es scheint keine Abweichungen zu geben, aber dann haben wir noch eine Spektralanalyse gemacht. Das Ergebnis hat uns alle sehr überrascht und ist durchaus interessant.“ Er rief die Auswertungen des Tests auf. Eine gezackte Linie lag über einem Regenbogen. „Wie wir sehen können, ist nicht der volle Frequenzbereich abgedeckt. Hier, im grünen Bereich sowie hier und hier, in den roten und blauen Randbereichen, bricht die Kurve stark ein. Besonders der UV-Bereich ist fast vollständig verschwunden. Die blauen Anteile sind so gesehen gar nicht mehr vorhanden. Um so erstaunlicher ist, dass das Licht trotzdem so weiß erscheint. Ich kann nur mutmaßen, dass das hier unser Problem mit dem Pflanzenwachstum verursacht. Nur dagegen sind wir tatsächlich machtlos.“

Er zuckte resigniert mit den Schultern und ließ die Arme schlaff herab fallen. Marissa sah ihn konsterniert an. Sie wünschte sich, sie könne behaupten, nicht verstanden zu haben wovon er da geredet hatte. Leider verstand sie es nur all zu gut. Sie griff nach Stohhalmen.

„Und woher genau kommt das? Ich mein, ihr Jungs bekommt doch sonst alles repariert. Könnt ihr da nicht hier auch was machen? Etwas Technikmagie, neue Glühfäden, Ersatzbirnen? Irgendwas muss doch gehen!“

Der mutlose Ausdruck auf den Gesichtern ihr gegenüber verbesserte die Situation nicht um ein Bisschen. Einer der Techniker trat leise vor einen Schrank und öffnete ihn mit betretener Miene.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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