Hunger – Teil 4.

„Das Problem ist die Lichtzelle selbst, da kann man nichts reparieren. Sie ist einfach nach all den Jahren ausgebrannt. Es bräuchte also wirklich Ersatzbirnen und Sie wissen ja selbst, egal wie nötig es ist, die Brücke gewährt so etwas nur sehr ungern. Wir haben uns also umgesehen. Wo auf dem Schiff hat die Beleuchtung wenigstens ein Jahr weniger an Leuchtstunden? Nur in den Frachträumen, Lagerräumen und im Kartenraum. In den Frachträumen sind billige Diodenleisten verbaut, außerdem ist dort kein Wachstum gewünscht. Gleiches gilt für die Lager. Eine Pechfackel wäre geeigneter als Beleuchtung. Der Kartenraum ist mit Buntlicht versorgt. Blau und Rot, da sind wir mit den ausgebrannten Lampen noch besser dran. Es führt also kein Weg an den Reservelampen vorbei. Laut Inventar sind sie hier.“

Er trat zur Seite und gab den Blick in den Schrank frei. Auf den staubigen Regalbrettern lag ein Satz Schraubenschlüssel in antiker Maßeinheit, drei leere und eine halb volle Schachtel mit Nägeln, eine Hand voll loser Schrauben, eine Packung zerknitterter Zigaretten (Nikotinfrei aber trotzdem illegal an Bord) und ein leerer Streifen einer Empfängnissverhütungspille. Ersatzbirnen waren weder in diesem Schrank, noch in anderen zu finden. In der Werkstatt herrschte absolute Stille. Niemand traute sich auch nur zu atmen. Diesmal griff einer der Techniker nach dem Strohhalm.

„Wenn wir die Tageslichtlampen aus den Wohnquartieren dazu nehmen und pro Lampe… sagen wir mal drei Leuchtkörper bündeln. Könnte das vielleicht für Ausgleich sorgen?“

„Wir müssten sehr aufpassen, dass die Pflanzen nicht verbrennen aber wenn die Frequenzen noch in Ansätzen vorhanden sind, dann müsste sich der Effekt doch summieren.“ Marissa schöpfte neuen Mut. Ein solches Vorgehen würde allerdings nur mit Genehmigung der Brücke möglich sein und sie riss sich nicht gerade um die Vorstellung, beim Kommando vorstellig zu werden.

Die Kabinentür schloss sich hinter ihr. Marissa zog sich das Zopfgummi aus den Haaren und ließ sich vorn über auf ihr kurzes Sofa fallen. Die helle Lockenpracht entfaltete sich und fiel schlaff um ihren Kopf. Bevor sie die Werkstatt verlassen hatte, hatte sie noch neben allen Anwesenden Technikern den Antrag an die Brücke unterschrieben. Trotz des Dringlichkeitsstempels erwartete sie eine Antwort aus dem Elfenbeinturm nicht vor nächster Woche. Dafür war die Verwaltung viel zu abgeschottet vom Rest des Schiffs.

Für etliche Minuten blieb sie einfach nur liegen. Seit sie heute morgen aufgestanden war hatte sie das Gefühl, um zehn Jahre gealtert zu sein. Sie fühlte sich alt, schlapp, hungrig und ausgelaugt. Wenigstens gegen den Hunger könnte sie was tun. Sie raffte sich auf und griff sich mürrisch etwas zu Essen. Nudeln mit Algen und Sojasoße, die Version zum ‚mal eben auf brühen‘. Sie fühlte sich wieder an den Geschmack der Notrationen heute Mittag erinnert. Nur, dass die Portion Nudeln bei weitem nicht so staubig war. Ohne weitere Umwege fiel sie in ihr Bett und war eingeschlafen, noch bevor sie sich hätte ausziehen können.

Der nächste Morgen startete wie der vorherige, wie jeder Morgen. Abwechslung fand Marissa erst auf ihrem Schreibtisch in der Farm. Ihr Antrag von gestern war mitsamt einer Antwort von der Brücke zurück gekommen. Sie war ehrlich überrascht. Skeptisch überflog sie die Nachricht und ihre Augen spiegelten bei jedem weiteren Wort immer weniger Skepsis, dafür aber blanke Fassungslosigkeit wider.

„Wir haben über mehrere Kanäle von Problemen bei der Nahrungsversorgung erfahren. Eine fortlaufende Versorgung der Besatzung mit hochwertigen Lebensmitteln ist für die Moral an Bord unabdingbar. Wir erwarten, dass Sie diese Versorgung mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gewährleisten. Das Schiff, seine Crew oder Teile von beidem dürfen nicht beeinträchtigt werden. Viel Erfolg. G. Marten. Erster Offizier.“

Im Klartext hieß das, es durften keine Lampen demontiert werden. Das konnte nur ein Scherz sein. Der erste Offizier, die zweitmächtigste Position an Bord des gesamten Schiffs hatte ihren Antrag, das Schiff vor einer Hungersnot zu bewahren abgelehnt! Er musste doch begriffen haben, was los war! Oder? Niemand auf der Brücke durfte es sich leisten, ignorant zu sein. Vielleicht hatte der erste Offizier einfach übersehen, dass es keine Ersatzteile mehr gab. Sie verfasste ihm eine Antwort, in der sie ihn darauf hin wies, dass sie die Birnen aus den Quartieren zwingend benötigten, da das die letzten verbliebenen Ersatzteile waren. Danach verfasste sie zwei Rationierungspläne. Einen, der davon aus ging, dass die Brücke ihrer Bitte nach gab und die modifizierten Lampen wie erhofft funktionieren würden. Einen weiteren, der davon aus ging, dass die aktuelle Situation bis zur Landung bestehen bleiben würde. Selbst unter Berücksichtigung der Notrationen kam sie auf kein erfolgreiches Ergebnis. Sie würden es nicht alle schaffen. Für wenigstens zwanzig Prozent der Kolonisten würde der Nahrungsmangel wahrscheinlich tödlich enden.

Entsetzt ertappte sie sich selbst dabei, Statistiken in ihrem Kopf laufen zu lassen. Statistiken, die die Menschen an Bord in harten Zahlen wider gaben und nicht als Lebewesen. Am größten aber war ihr Schreck darüber, wie nüchtern und kalt sie die Situation betrachtete. Sie ging sogar soweit, bestimmten Bevölkerungsgruppen bewusst geringere Rationen zu zu teilen, um die Überlebenschancen anderer zu steigern. Als sie das realisierte, löschte sie den Entwurf, legte die Folie beiseite und begab sich zu den Pflanzen.

Marissas Pad machte sie am Ende der Mittagspause darauf aufmerksam, dass sie ein Memo erhalten hatte. Es war wieder eine Nachricht von der Brücke, diesmal allerdings allgemein gehalten, ohne Namen. Die Botschaft selbst war diesmal noch eindeutiger. Da die Inventarlisten noch Ersatzbirnen auflisteten, musste es auch welche geben. Die Plünderung der Quartiere käme auf keinen Fall in Frage. Es würde die Besatzung nur unnötig beunruhigen. Im Allgemeinen war das Thema der Nahrungsknappheit und allem damit in Zusammenhang stehenden mit äußerster Diskretion zu behandeln. Die Bevölkerung durfte nicht beunruhigt werden.

So etwas konnten auch nur Leute schreiben, die keine Ahnung von der Situation an Bord hatten. Es wusste doch sowieso bereits Jeder, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte die nervösen Blicke am Morgen natürlich bemerkt, wie sie ihr nach schielten in der Hoffnung auf irgendeine Information. Es wurde getuschelt, wie immer, nur dass sie diesmal selbst Gegenstand des Getuschel war. Es wäre wohl das Beste, die Leute auf zu klären und die Situation dar zu legen. Da war nur dieser Befehl von der Brücke, der das verbot.

In ihre mürrische Grübelei hinein platzte Besuch. Einer der Techniker stand in der Tür, mit einem Pad in der Hand. Er sah sie mit einer Mischung aus Wut und Verwirrung an.

„Wir haben die Brücke doch extra darauf hin gewiesen, dass es keine Ersatzteile mehr gibt. Auf was beziehen die sich da oben denn? Gibt es noch ein Lager, von dem wir nichts wissen? Die werden doch nicht einfach unseren Bericht ignorieren.“

Fortsetzung folgt…

Planeten

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