Hörsaalgetuschel – Ausgabe 96

Auszeichnungen

Erik hatte sich einen Sessel ins Bett gebaut, indem er Kissen und Bettdecke zu einer bequemen Rückenlehne gerollt hatte. So bequem es auch aussah, war er erstaunt, wie sehr der Anblick täuschen konnte. Es war zu warm im Rücken, behinderte seine Ellenbogen und seine Beine lagen zu niedrig, als dass er wirklich bequem mit seinem Laptop darauf arbeiten konnte. Trotzdem saß er hier, mit stoischer Ruhe und summte unbewusst vor sich hin. Mia saß an ihrem Schreibtisch und war zu sehr in ihre eigenen Angelegenheiten vertieft, um sich von seinem Summen und beiläufigem Klicken ablenken zu lassen.

Es musste etwa einen Monat nach der Veröffentlichung von seinem Buch (Siehe Ausgabe 52) gewesen sein, als er seinen Blog eröffnet hatte. Ursprünglich war es der halbherzige Versuch, Werbung für sein Wekr zu machen. Das Buch dann aber tatsächlich offen und aggressiv zu bewerben war ihm dann aber doch schnell zu viel gewesen. Es hatte sich auch einfach nicht richtig angefühlt. Immerhin hatte er es für Mia geschrieben und so oder so, es war etwas, was er selbst geschaffen hatte. Naturgemäß war es also bestenfalls mittelmäßig und bedurfte absolut keiner Verbreitung. Auch wenn er sich durch positives Feedback durchaus sehr geschmeichelt gefühlt hätte, aber das würde er sich nie trauen, offen zuzugeben.

So war er dazu übergegangen, sich hauptsächlich als Leser und Kommentareschreiber zu versuchen. Ab und an veröffentlichte er auch Kurzgeschichten, die er nebenbei geschrieben hatte. Er hatte sogar eine Hand voll regelmäßiger Leser, die, völlig zu seinem Unverständnis, Freude an seinen Texten hatten. Dabei waren es nur völlig banale Abenteuergeschichten. Hirngespinste, wie er sie schon als kleiner Junge hatte, wenn er in die Welt zwischen den Zeilen abgetaucht war und für Stunden das Universum der realen Welt völlig vergessen und ausgetauscht war. Gelegentlich, wenn er sich daran erinnerte, sehnte er sich in diese Zeit zurück, als seine Fantasie noch frisch und kindlich war. Frei von Bitterkeit und Ängsten.

Als er sich heute durch seinen Blog klickte, war etwas anders. Er hatte einen Kommentar bekommen, von einem seiner Leser. Nicht irgendeinen Kommentar sondern eine „Nominierung“. Er hatte bereits davon gehört, es bei anderen Blogs gesehen. Im Grunde waren es Kettenbriefe mit Interaktionswunsch. Beantworte einige Fragen, denke dir selbst welche aus und verteile sie an andere Blogs. Er wäre verärgert gewesen, wenn das Ziel hinter dieser Aktion nicht gewesen wäre, kleineren, unbekannteren Blogs, eine Bühne zu bieten, sich selbst vorzustellen. Und nun war er selbst einer von denen, die sich vorstellen, im Rampenlicht stehen sollten. Da war es dann. Er fühlte sich geschmeichelt und am Selbstbewusstsein gekitzelt. Neugierig las er die Fragen und versuchte sie im Kopf zu beantworten, merkte aber schnell, dass er es besser gleich aufschreiben sollte.

Seine Lesering, Eva, studierte gerade in der Schweiz (ich bitte den Bruch in der Logik zu entschuldigen) und wollte von fünf Blogs folgendes wissen:

  1. Wie und wann bist du auf das Blogschreiben aufmerksam geworden?

Wie war er darauf aufmerksam geworden? Er wusste halt, dass es so etwas wie Blogs gab, wo Leute Texte und persönliche, virtuelle Tagebücher teilten. Und als sein Buch erschienen war, hatte er einfach keine bessere Möglichkeit gewusst, darüber zu schreiben, als auf einem Blog. Er kam sich bei dieser Erklärung seltsam vor. Andere Blogs schrieben bei solchen Fragen immer so poetische Antworten über Lebensträume und Ideale. Er selbst wollte einfach nur, dass sein Buch wenigstens von einigen wenigen wahrgenommen wurde.

  1. Warum hast du selber angefangen zu schreiben?

Das Erste, was ihm hierzu durch den Kopf ging, war: Weil es in der Grundschule die Hausaufgabe war, etwas zu schreiben. Damals hatte er es gehasst wie die Pest. Aber auf Dauer konnte er sich dann doch nicht davor retten. Er hatte zu viele Geschichten im Kopf, die dort einfach raus wollten. Erzählen konnte er sie niemandem, also schrieb er. Nur beiläufig und ohne Leserschaft, aber er schrieb. Irgendwann, so sein Ziel, würde er ein Buch schreiben. Ein gutes! Bis dahin hatte er noch viel zu lernen.

  1. Was motiviert dich am Schreiben?

Was motivierte ihn? Wieso schrieb er? Er konnte es nicht echt sagen. Er tat es einfach um seine Gedanken aus dem Kopf auszulagern, um sie besser strukturieren zu könne. War es das, was als intrinsische Motivation bezeichnet wurde? Er wusste es nicht genau.

  1. Schreibst du deine Beiträge vor und überlegst du dann, ob du sie veröffentlichst oder bist du spontan ohne zu überlegen?

Das konnte er dafür umso leichter beantworten. Er schrieb einfach. Wenn seine Gedanken einmal zu schnell liefen, dann notierte er die Stichpunkte und formulierte es im zweiten Durchgang aus, aber ansonsten schrieb er einfach aus dem Kopf und korrigierte später nur noch die Fehler.

  1. In wie weit kommst du auf deine Themen? Suchst du danach? Fallen sie dir einfach ein? Hebst du sie dir auf, wenn du sie nicht direkt schreiben kannst?

Er schrieb generell nur dann, wenn er eine Idee hatte. Was sollte er sich da also aufheben? Es war wie ein undichter Wasserhahn in seinem Gehirn. Manches mal fragte er sich, wieso die Gedanken nicht einfach durch die Nase ausliefen.

  1. Wissen andere Personen, dass du einen Blog schreibst? Lesen sie sogar mit?

Mia wusste von dem Blog. Anfangs hatte sie sogar noch die Ambitionen, ihn zu lesen. Es war ihr aber schnell langweilig geworden. Sie interessierte sich einfach für andere Sachen und investierte ihre Zeit lieber in die Uni oder den Sport. Für das Hobby ihres Freundes blieb da wenig Zeit übrig. Erik war bereits froh darüber, dass sie sein Buch wenigstens bis zum Ende gelesen hatte.

  1. Wie viele Blogs liest du und wie: RSS-Feed oder E-Mail-Abo oder Programm?

Hauptsächlich las er die Blogs, die im Gegenzug auch ihn abonniert hatten. Es waren nicht viele aber die Meisten davon gefielen ihm sehr gut. Abgesehen davon fand er es irgendwo nur fair. Er hatte lange nicht mehr nachgesehen, wie viele es eigentlich waren. Er schätzte die Zahl auf etwa zehn und lag damit weit daneben.

  1. Bei welchen bist du eher der stille Mitleser und bei welchen kommentierst du fleissig mit? Und warum?

Der stille Mitleser? Bei Allen. Außer, wenn er etwas sinnvolles beizutragen hatte und selbst das stellte sich im Nachhinein meistens als weniger sinnvoll heraus.

  1. Was veränderte sich – positiv oder negativ – über deine Einstellung oder dein Leben nachdem du angefangen hast zu schreiben?

  1. In wie weit hast du eine spezielle Tageszeit, in der du für deinen Blog schreibst?

Der Abend war es. Dann, wenn Mia eifrig am Schreibtisch zu Gange war und auch er eigentlich eher lernen sollte, sich aber nicht aufraffen konnte. Das war die Zeit, in denen er am Laptop saß und schrieb.

„Du hörst mir wieder nicht zu, oder? Was beschäftigt dich denn da schon wieder so? Murmelst die ganze Zeit vor dich hin und hämmerst auf die Tastatur.“

Mia war aufgestanden und auf dem Weg zu ihm. Offenbar hatte sie ihm eine Frage gestellt und er hatte nichts mitbekommen. Das war etwas, woran sie sich noch nie gewöhnen hatte wollen. Wenn er in Gedanken war, dann war er in Gedanken und sie erreichte ihn nur, wenn sie ihn an tippte. Eigentlich sollte sie das inzwischen wissen. Dennoch hielt sie ihm immer noch vor, er würde sie absichtlich ignorieren. Manches mal erlaubte er sich eine sture Trotzreaktion und riskierte einen kleinen Streit damit. Meistens ließ er sie aber einfach gewähren. Heute überging er ihre Kritik einfach und erklärte ihr die Aktion.

„Wer ist denn diese Eva? Woher kennt ihr euch? Mach mal Platz da, ich will das mal sehen.“

„Woher soll ich sie kennen? Ich kenne doch nur ihren Blog. Wieso bist du denn gleich so eifersüchtig?“

Mia antwortete nicht. Sie hatte ihm den Laptop abgenommen und klickte sich nun selbst durch die Blogwelt. Was auch immer sie zu finden gehofft hatte, sie fand stattdessen etwas anderes.

„Schau mal einer an, unser Autor hat ebenfalls Fragen gestellt bekommen. Ein „Blogstöckchen“ von einem offenschreiben-Blog? Was soll denn so etwas sein? Komm, die beantworte ich jetzt mal.“

„Einfach so? Denkst du nicht, dass unser Autor etwas dagegen haben könnte, wenn du ihm einfach so sein Stöckchen klaust? Und du hast das Konzept von Blogs echt nicht verstanden, oder? Leute schreiben hier halt und tauschen sich mit ihren Lesern aus. Ein Bisschen wie das Peer-Reviewen von den Aufsätzen in der Uni.“

„Was für ein Quatsch. Entweder man steht hinter dem, was man schreibt, oder eben nicht und dann veröffentlicht man es halt nicht. Und natürlich hat er nichts dagegen. Immerhin hat er auch uns geschrieben. Wir sind also ein Teil von ihm und wenn ihm das nicht passt, dann soll er sich halt beschweren.“ (Vielleicht sollte ich das wirklich einmal tun. Du bist ganz schön frech geworden.)

Mia las Offenschreibens Fragen laut vor und beantworte sie gleich in den Raum hinein:

  1. Was müssen wir als Gesellschaft am dringendsten anpacken und verändern?

„Wir müssen auf jeden Fall aufgeräumter werden und dürfen uns nicht immer mit Kompromissen zufrieden geben. Es kann immer alles noch etwas besser werden.“

  1. Glaubst du an Seelenverwandtschaft?

„Nein. So etwas wie eine Seele funktioniert nicht.“

  1. Was ist Freiheit für dich?

„Wenn ich die Mittel habe, alles, was ich will, auch tun zu können. Solange es natürlich dem kategorischen Imperativ genüge tut.“

  1. Glaubst du an so etwas wie eine Seele? Und wenn ja hat dann jeder deiner Meinung nach nur eine Seele?

„Wie gesagt, das Konzept funktioniert nicht. Wir sind bioelektrische Maschinen.“

  1. Glaubst du an das Schicksal?

„Was für ein esoterischer Blödsinn, diese Fragen. Seele, Schicksal. Mir hat das Schicksal bisher auch nix geschenkt. Ich habe das alles alleine geschafft.“

  1. Gibt es einen freien Willen?

„Okay das ist tatsächlich nicht so leicht jetzt. Frei ja, aber nur im Rahmen unserer Programmierung, sprich den Instinkten? Hmm…“

  1. Folgst du eher deinem Kopf oder deinem Gefühl?

„Dem Kopf natürlich“ und noch während sie es sagte verriet alles an ihr, dass sie log.

  1. Bist du abergläubisch?

„Nein, nicht wirklich, glaube ich.“

  1. Was ist deine früheste Erinnerung?

„Ich glaube, es ist, als mein Vater ein Seil um meinen Hochstuhl gebunden hat, und mich damit durchs Wohnzimmer gezogen hat. Unspektakulär aber viel weiter zurück komme ich glaub ich nicht.“

  1. Was magst du am meisten an dir?

„Meinen Verstand“ sagte sie, ohne zu überlegen. Dann sah sie kurz an sich herab, lächelte Erik auffordernd an und ergänzte „und meine Brüste. Oder was meinst du, Schatz?“ Erik zwinkerte ihr nur zu, und dachte sich seinen Teil.

  1. Was war deine verrückteste Begegnung?

Sie sah Erik tief in die Augen und sprach mit ernster, grabestiefer Stimme „Du,“ ehe sie in lautem Gelächter ausbrach.

„Das hat doch irgendwie Spaß gemacht. Hast du noch mehr davon?“

„Ich hatte doch nur den Einen. Das zweite hast du ja dem Autoren geklaut. Ich glaube, er hatte noch einen Neueren aber willst du den wirklich noch machen? Wir könnten ihn auch einfach an Flo schicken.“

„Du bist langweilig, aber okay. Frag ihn ruhig mal. Wenn er nein sagt, dann drück ichs ihm einfach aufs Auge. Und du hältst mich mit deinen albernen Fragen hier schon wieder nur von der Arbeit ab!“

Mit diesen Worten sprang sie aus dem Bett und stiefelte zurück an den Schreibtisch. Auch Erik klappte den Rechner zu und ging in die Küche. Das Abendessen würde etwas spartanisch ausfallen, wenn er sich den Kühlschrank so ansah, aber er würde trotzdem etwas Leckeres daraus zaubern können.

Ich hoffe mein etwas unkonventionellerer Ansatz hat niemanden vor den Kopf gestoßen. Ich gebe zu, ich habe die Nominierungen ein wenig schleifen lassen, weswegen hier gleich zwei auf einmal versammelt sind. Hui, wer hätte gedacht, dass so schnell so viele zusammen kommen. Und als sagenhafter Spaßverderber werde ich niemanden nötigen, weitere Fragen zu beantworten sondern Euch lediglich einladen, die Fragen auszusuchen, die Ihr selbst beantworten wollt, wenn Ihr es denn wollt. Teilnahme ist offen und für jeden freiwillig.

Liebster Award

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 96

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