Hunger – Teil 5.

„Ich habe keine Idee, wo wir noch suchen könnten. Andererseits, die Notrationen waren auch eher in der Inventur versteckt. Vielleicht gibt es da noch mehr im Lager, was wir nicht erwartet hätten. Die Container sind allerdings in keinem guten Zustand.“

„Darauf können wir wohl keine Rücksicht nehmen. Wir haben nicht mehr all zu viele Optionen und diese erscheint mir am verlockendsten. Ich werde mal die Listen durchsehen. Viel mehr bleibt uns gerade eh nicht übrig.“

Marissa konnte ihm nicht widersprechen. Sie hatte ein schreckliches Gefühl bei der Sache aber es stimmte schon, ihnen gingen die Optionen aus. Stattdessen meldete sich das Nachrichtenzentrum und wünschte eine Stellungnahme. Sie gab nur an, dass sie zum aktuellen Zeitraum keinen Kommentar abgeben könne. Bevor sie weiter ausholen konnte, stand auch schon der nächste Besucher in der Tür. Frau Doktor Verdun. Immer im Dienst, immer übermüdet, immer nervös und immer voller Koffein. Sie drückte sich an den Rand des Türrahmens und knetete ihre Hände. Marissas Aufforderung hinein zu kommen wimmelte sie ab. Sie wolle gar nicht so lange stören, habe aber diverse Gerüchte gehört und könne vielleicht helfen. Marissa wurde neugierig, hauptsächlich wegen der Gerüchte. Die Frau Doktor aber druckste zunächst etwas unbeholfen herum.

„Nun, die Leute reden, es gäbe nicht mehr genug zu Essen. Die Pflanzen wären krank, sagen die Leute. Ich habe eine große Auswahl an Mitteln gegen Pilzbefall und bakterielle Erkrankungen. Damit sollte man natürlich sehr vorsichtig sein um den Konsumenten nicht zu gefährden. Andere Leute sagen, das Saatgut wäre verkümmert. Da bin ich leider weitgehend machtlos. Ich habe versucht Pflanzenzellen zu klonen und teilweise ist es mir auch gelungen. Es reicht nur nicht für einen kompletten, gesunden Samen.

Heute Mittag habe ich durch einige Patienten erfahren, es könne das Licht sein. Die Lampen könnten kaputt sein oder zu schwach, keine Ahnung, ich bin kein Techniker. Aber dabei fiel mir ein, wir haben auf der Krankenstation noch immer zwei oder drei alte Höhensonnen. Sie sind zwar auch nicht jünger als die Lampen in der Farm, aber sie wurden so gut wie nie benutzt. Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, wo genau ihr Problem liegt aber das sind die Gerüchte, die ich bisher am häufigsten gehört habe. Ansonsten weiß ich auch nicht, was ich ihnen ansonsten für Hilfe anbieten kann.

Außer vielleicht einem noch. Ich erinnere mich an ein Projekt, damals, auf der Erde noch. Eine kleine Gruppe von Biotechnikern kultivierte Fleisch in Kanistern voller Nährlösung. Eine einzelne Faser eines Spendertieres wurde in der Lösung zum Wachstum angeregt, bis sich der Kanister damit gefüllt hatte. Da keine Nervenfasern darin vorhanden waren, konnte man das Fleisch verkaufen, trotz der Konvention von Monschau. Zu dem Zeitpunkt war der Markt für Fleischprodukte aber bereits verschwunden. Jedenfalls glaube ich, verstanden zu haben, was diese Leute damals getan haben. Im Notfall könnte ich das ganze replizieren, hoffe ich.“

Die Doktorin starrte etwas beschämt zu Boden und knetete ihre Hände fester. Fleisch stand nicht mal ansatzweise auf dem Speiseplan der Besatzung. Es mochte einmal als Zeichen von Luxus und Wohlstand gegolten haben aber das war lange her. Sie würde sich vorkommen wie ein Höhlenmensch, wie die Barbaren aus grauer Vorzeit. Marissa starrte sie mit offenem Mund an. Sie war bei einem anderen Punkt hellhörig geworden und der könnte vielleicht wirklich helfen. Höhensonnen, die ursprünglichsten Tageslichtlampen von denen sie wusste. Als sie sich bewusst wurde, dass ihr Mund offen stand biss sie sich beschämt auf die Lippe und hoffte nur, die Doktorin hätte es nicht bemerkt. Zwei, vielleicht drei Lampen. Das war nicht viel aber es war ein Ansatz und sie brauchten alles was sie kriegen konnten. In ihrem Kopf arrangierte sie die Lampen bereits so auf einem imaginären Grundriss, dass sie möglichst viel abdeckten. Es gab also Hoffnung.

„Versuchen wir es doch mit den Höhensonnen. So unfassbar es klingt, damit könnten wir wirklich an etwas dran sein. Ich wäre ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie sie zur Verfügung stellen würden. Ich versichere Ihnen, wir werden gut darauf acht geben. Mit etwas Glück kommen wir um die Fleischproduktion herum. Aber so unappetitlich der Gedanke sein mag, es ist beruhigend, wenigstens die Option zu haben. Behalten wir sie mal im Auge.“

Die Doktorin Verdun freute sich regelrecht kindlich, hilfreich sein zu können. Sich ausschweifend bedankend verschwand sie, mit dem Versprechen umgehend alle Höhensonnen vorbei zu bringen, die sie finden konnte.

Sie hielt Wort. Zum Feierabend standen zwei Höhensonnen und zwei Ersatzbirnen dafür in der Farm. Vier frische Lichtquellen würden mehr als willkommene Dienste leisten können. Wenn es nach Marissa ging, waren alle vier morgen noch vor der Mittagspause im Einsatz.

Pünktlich zum Schichtende stand der Techniker wieder in der Tür. Diesmal weniger verwirrt, dafür um so aufgeregter. Er hämmerte mit dem Finger auf die Inventarlisten in seiner Hand.

„Ich habe etwas gefunden! Hier sind einige Container aufgelistet, in denen unter anderem Quecksilberdampflampen verstaut sein sollen. Das könnte die Brücke doch gemeint haben. Sie liegen hier, am Frachtausleger.“ Er deutete vage auf eine Stelle auf einem Schiffsquerschnitt. „Ich habe schon im Hangar Bescheid gegeben und für morgen eine Biene reserviert. Mit etwas Glück, können wir dann direkt morgen Mittag mit den Reparaturen beginnen.“

Marissa sah sich die Stelle auf dem Querschnitt genauer an. Ungefähr da hätten auch die Rationen liegen sollen. Genau an der Stelle war der Einschlag. Sie hatte keine Hoffnung, dass die Lampen noch dort waren, traute sich aber nicht, den Techniker zu entmutigen. Er wirkte gerade so aufgeregt und zuversichtlich. Sie entschloss sich stattdessen, ihn etwas zu bremsen und drauf aufmerksam zu machen, dass er nicht wissen konnte, ob die Liste korrekt war und selbst wenn, ob die Lampen noch brauchbar waren. Er ignorierte sie zwar nicht, zeigte sich aber zunächst wenig beeindruckt. Sein Blick wanderte über die Leihgabe der Krankenstation. Fragend zog er die Augenbrauen hoch. Marissa erklärte ihm flüchtig die Situation und er kündigte ohne Umschweif seine Hilfe an.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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