Hunger – Teil 6.

Diese Nacht konnte Marissa trotz völliger Erschöpfung nicht schlafen. Sie wälzte sich Stunde um Stunde hin und her, versuchte ihre Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen. Ihr Magen knurrte und verlangte nach einem ordentlichen Mahl. Um drei Uhr nachts gab sie entnervt auf. Sie schwang sich aus dem Bett, um sich wenigstens mit einem Pudding mit Früchten ab zu lenken. Sie hatte schon überlegt, die Früchte zu trocknen und haltbarer zu machen aber das erschien ihr dann als Verschwendung. Sie sollte sie genießen, solange sie noch frisch waren.

Die Augen halb geschlossen saß sie im Schneidersitz an ihrem Schreibtisch, die Schüssel Pudding im Schoß. Sie beruhigte sich allmählich ein wenig und mit jedem Löffel wurden ihre Arme schwerer. Den letzten Löffel noch im Mund, rollte sie sich schon wieder auf ihre Matratze. Am Rande bemerkte sie noch, dass sie soeben ein weiteres Memo bekommen hatte. Diese Information schaffte es aber nicht mehr in ihr Bewusstsein. Sie hatte die Augen bereits geschlossen und wusste genau, sie würde den Wecker am nächsten Morgen ganz besonders verfluchen.

Das schrille Kreischen des Weckers riss sie erneut viel zu früh aus einem traumlosen Schlaf. Ihre Kabine war abgekühlt und sie fror neben der dünnen Bettdecke. Sie hatte es nicht mehr geschafft sich zu zu decken, aber bei dieser Decke hätte es wohl keinen Unterschied gemacht. Sie zwang sich aus dem Bett und unter die heiße Dusche. Bändigte ihre Haare in einen strengen Zopf und wusch die alte Schminke ab. Heute würde es auch ohne gehen müssen. Bei ihrem Frühstück, bestehend aus einem heißen Tee und einem Butterbrot, schaffte es die Information über das Memo in ihr Bewusstsein. Ohne es zu lesen rief sie es auf ihrem Pad auf, deaktivierte den Bildschirm und ging in Richtung der Farm.

Ihr verschlafener Zustand an diesem Morgen entging den wenigen Menschen auf den Fluren nicht. So freundlich die gegrüßt wurde, so besorgt wurde ihr nach gesehen. Sie musste sich nicht umdrehen. Jeden einzelnen Blick konnte sie so deutlich im Rücken spüren, als würden die Leute durch sie hindurch stechen. Das Getuschel erschien ihr, als würden ihr die Leute ins Ohr schreien. Sie war heilfroh, endlich die Türe der Farm hinter sich schließen zu hören.

Marissas erste Amtshandlung an diesem Tag bestand darin, ein großes Glas kalten Wassers zu trinken. Sie legte ihr Pad beiseite und griff sich die erste Lampe. Es galt nicht noch mehr Zeit zu verschenken, also warf sie Verlängerungskabel und brachte die Lampen in Position. Mit Blumendraht und Klebeband improvisierte sie vorläufige Aufhängungen und hob die Höhensonnen unter die Decke. Nach wenigen Stunden erschien ihr die Farm regelrecht überstrahlt hell. Die zugequollenen Augen brannten. Irgendwo gab es bestimmt eine Schweißermaske auf dem Schiff. Sonnenbrillen gab es kaum. Wofür auch? Es war eh immer gleich hell und der Tag-Nacht-Rhytmus an Bord hatte sich auch noch nie verändert. Im gleißenden Licht blickte sie über die extra versorgten Regale. Die zusätzlichen Lampen hatten für mehr gereicht, als sie geglaubt hatte, trotzdem lag nun der größte Teil der Farm im Schatten.

Sie gönnte sich eine kurze Pause. Zeit genug, den alltäglichen Papierkram zu erledigen, ganz ohne Papier. Auf ihrem Pad fand Marissa auch gleich das Memo wieder. Zerknirscht erinnerte sie sich an die nächtliche Störung. Das Memo selbst was halbwegs allgemein gehalten. Es war eine Information an die Abteilungsleiter. Eine Information darüber, dass der Triebwerksreaktor aufgrund eines technischen Defekts nicht ordnungsgemäß hochgefahren werden konnte. Man habe das Problem bereits identifizieren können.

Solange die Reparaturarbeiten andauern, wird der Energiebedarf durch die Hauptreaktoren kompensiert werden. Sämtliche verfügbaren Reaktoren sind bereits auf ihre volle Leistung hoch gefahren. Um das Energienetz nicht unnötig zu strapazieren, werden alle nicht notwendigen Verbraucher vom Netz genommen. Das beinhaltet unter anderem ein Aussetzen der Notfallübungen im besagten Zeitraum. Des weiteren werden für die Dauer der Verknappung keine Flüge genehmigt. Der Hangar bleibt geschlossen.

Es fanden sich noch einige kleinere Beeinträchtigungen auf der Liste. Die Reduzierung der Beleuchtung, herabsetzen der Temperatur an Bord und so weiter. Marissa schielte in die große Farmhalle. Sie hatte von keiner Verknappung etwas mitbekommen und was ihr noch absurder erschien, es gab keinen Grund für die Umleitung. Das Triebwerk würde noch für einige Wochen kalt bleiben, der Triebwerksreaktor also noch überhaupt nicht benötigt. Natürlich war es sinnvoll ihn zu testen und gegebenenfalls zu reparieren. Nur wofür brauchte es dafür so viel Energie, dass die Bienen im Hangar eingesperrt werden mussten? Sie verstand die Welt nicht mehr.

Sie hatte gerade eine weitere Nachricht von der Brücke das erste mal überflogen, da stand der Techniker vom Vortag mit hochrotem Kopf vor ihr.

„Ich war im Hangar, es ist ein Skandal! Mir wurde gestern ganz selbstverständlich eine Biene zugesichert und das für den ganzen Tag. Jetzt komme ich in den Hangar und was ist los? Nichts! Er ist verschlossen! Sämtliche Flüge sind gestrichen um Energie zu sparen. Das ist ein Skandal! Man sollte sich auf der Brücke beschweren, wenn es nicht von da kommen würde.“

Sie versuchte ihn zu beruhigen aber er hatte sich in Rage geredet. Es war wohl besser, die letzte Nachricht vorerst zu vergessen. Wenn er erfuhr, dass die Brücke angeordnet hatte, trotz des Energiemangels die Nahrungsproduktion wieder dem Bedarf an zu passen, er wäre vollends explodiert. Für Marissa aber war das Problem damit gelöst. Sie hatte einen vorrangigen Befehl von ‚ganz oben‘ bekommen und den würde sie nun ausführen. Sie bat den verdatterten Techniker alles vor zu bereiten, strich sich die Haare glatt, richtete sich auf und schritt in Richtung des Hangars davon.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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