Hörsaalgetuschel – Ausgabe 98

Nachtschicht

Es war keine Eigenschaft, die Flo besonders an sich zu schätzen wusste. Genau genommen war sie sogar eine der Eigenschaften, für die er sich selbst nicht leiden konnte und am liebsten gemieden hätte. Blöderweise konnte auch er nicht aus seiner Haut und so musste er mit sich und seinen unerwünschten Talenten leben. Dieses spezielle hieß, dass er sich zu bestimmten Stunden ganz besonders gut konzentrieren konnte.

Mitternacht war lange vorbei und Flo wurde mit jedem Blick auf die Uhr etwas nervöser. Es lief gerade gut mit seiner Arbeit. Er hatte den Eindruck, gut voranzukommen, und war konzentriert. Er war außerdem irgendwo zwischen hellwach und bereits in der Trance des Tiefschlafs. Noch um elf Uhr war er müde gewesen, aber mit jeder Minute war er weiter wach geworden, bis er diesen Zustand eifriger Geschäftigkeit erreicht hatte. Wieso tat er sich das eigentlich an?

Noch vor sechs Wochen hätte er nun hinaus gehen und einen herrlichen Sonnenaufgang beobachten können. Inzwischen war er froh, dass die Sonne ihm noch etwas Ruhe ließ. Er wollte am liebsten immer noch vor dem Sonnenaufgang im Bett liegen und schlafen. So viel Gewohnheit wünschte er sich einfach, obwohl dies doch seine produktivsten Stunden waren. Wieso konnte er nicht tagsüber so arbeiten? Was hinderte ihn daran? Was lenkte ihn ab? Er wusste es nicht.

Eigentlich würde er nichts lieber tun, als ins Bett zu gehen. Er wusste nur aus bester Erfahrung, dass es nicht viel bringen würde. Er wäre trotzdem hellwach und würde nicht schlafen können. Es war sein Gewissen, welches Amok lief. Dabei sehnte er sich nach kaum etwas so sehr, wie nach Müdigkeit und der Ruhe, auch wirklich schlafen zu können. Sein Verstand rannte unterdessen vor dem Gewissen davon auf eine andere Route zu. Welche genau war nicht wichtig, nur, dass sie weit weg von allem führte. Er konnte förmlich spüren, wie alles in ihm wirr und unstrukturiert wurde.

Er überflog den Absatz, den er gerade geschrieben hatte. Ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass er an dieser Stelle eigentlich falsch war und weiter vorne stehen müsste. Das Thema hatte er schließlich bereits abgehakt. Oder hatte er es noch nicht angefangen und nur im Kopf schon einmal durchgeplant? Er wusste es nicht mehr genau und nahm sich vor, das Ganze morgen noch einmal durchzulesen. Der Gedanke kam ihm eigentlich albern vor, war aber ein gutes Indiz dafür, dass er wirklich müde war. Wenn er wirklich ehrlich mit sich war, dann wusste er ganz genau, dass er morgen auch nicht motivierter sein würde und alles Mögliche lieber gucken würde, als über seine geistigen und sonstigen Ergüsse von letzter Nacht.

Als Nächstes blickte er auf den Bildschirm und sah nicht viel außer seitenweise Kauderwelsch. Sein Gesicht tat weh, sein Rücken ebenfalls und irgendwie fühlte er sich verklebt. Auf der anderen Seite der Gardine brüllte die Sonne aus einem blauen Himmel herab. Er war auf der Tastatur eingeschlafen. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Jetzt daran weiter zu machen ergab weniger Sinn als ein Flugleitsystem in der U-Bahn, wahlweise auch dieser Vergleich. Ohne irgendetwas weiter zu ändern, speicherte und schloss er die Arbeit.

Das Haus erwachte zum Leben. Die Nachbarn polterten in die Küche, Kaffeetassen klapperten, Wasser rauschte durch die Leitungen zu irgendwelchen Duschen, Toilettenspülungen plätscherten die Fallrohre hinab, irgendwo weinte ein kleines Kind. Hupen vor dem Fenster, das laute scheppern von Garagentoren und Autotüren, die zu feste zugeschlagen wurden. Es war wirklich an der Zeit, ins Bett zu kommen.

2016-08-06 23.30.57

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3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 98

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