Hunger – Teil 7.

„Marc, mein Freund, wie oft habe ich dich schon um einen Gefallen gebeten?“

„Noch nie Liebes, noch nie. Aber das hier ist etwas anderes. Ich kann doch nicht einfach einen direkten Befehl ignorieren.“

„Du würdest ihn ja nicht ignorieren! Du würdest lediglich einem höheren Befehl den Vorrang geben. Es ist doch gar nicht so kompliziert.“

„Nicht so kompliziert sagt sie. Nicht so Kompliziert! Kind, hast du eine Ahnung … ? Natürlich hast du das nicht, du warst damals kaum geboren. Aber früher, bei der Flotte, hätten wir uns eine solche Interpretation von Befehlen nie erlaubt.“

„Ein Glück aber auch, dass wir hier nicht bei der Flotte sind. Ich bin sicher der Käptn würde uns in Stücke reißen, ehe wir husten könnten.“

„Du hast ja keine Ahnung, was der Käptn getan hätte. Ach, hols der Teufel! Aber wie soll ich armer, alter Mann im Alleingang den Hangar in betrieb nehmen und zeitgleich deinen Flug überwachen? Hast du dir darüber mal Gedanken gemacht?“

„Du könntest einen vertrauenswürdigen Kollegen um Hilfe bitten.“ Sie sah ihn mit großen, unschuldigen Augen an und klimperte wie zufällig mit den Wimpern. Er war drauf und dran, sich die Hände vor die Augen zu schlagen, drehte sich stattdessen nur zwei mal um sich selbst und knirschte hörbar mit den Zähnen. Am Ende riss er sich an den Haaren, holte tief Luft und sah sie so streng an, wie er konnte.

„Und es ist wirklich zwingend notwendig, diese Container rein zu holen? Du hast doch gestern schon einen hinein geholt.“

„Du kannst natürlich auch hoffen, dass die staubigen Rationen reichen aber ich für meinen Teil beiße lieber in was Frisches. Nur genau dafür brauche ich zwingend diese Lampen in diesen Containern.“

Marc überlegte angestrengt und rupfte sich wieder an den grauen Haaren. Man konnte sein Gehirn bald rasseln hören, so angestrengt schien er nach zu denken.

„Also gut. Aber im Gegenzug verlange ich auch einen kleinen Gefallen. Zwei eigentlich, einen für mich selbst und einen für den guten Jeb, der die Flugüberwachung übernehmen muss.“ Sie hob die Brauen, sah ihn misstrauisch an, nickte aber trotzdem langsam. „Ich weiß, dass ihr in der Industriefarm gewisse Pflanzen anbaut. Darunter eine spezielle, aus der die Seidenproteine gewonnen werden.“

Marissa konnte es nicht fassen. Dieser alte Zwerg war doch einfach unverbesserlich. Sie kämpfte nach Kräften um die Gewährleistung der Nahrungsversorgung, bemühte sich, dass niemand an Bord zum Hungertod verdammt war und dieser Witzbold fragte nach Tabak. Sie stöhnte auf und drehte sich weg.

„Ach komm schon!“ rief er ihr nach. „Ich bitte dich nicht gleich um die ganze Pflanze. Zwei reife Blätter reichen völlig. Eins für mich, eins für Jeb. Aber die guten, nicht die Spinnenmutation. Nikotin muss drin sein und Teer, damit es sich auch lohnt.“

„Irgendwann bringen dich deine Spielchen noch einmal ins Grab, Marc.“

„Das ist ein Ja? Ach was frag ich, natürlich ist das ein Ja. Komm in zehn Minuten zur Startrampe.“

„Ich warne dich! Sei dann auch pünktlich. Und keine faulen Tricks sonst wirst du nie erfahren, womit du dir deine Zigarre gerollt hast.“

„Neun Minuten. Husch husch! Ab mit dir, geh dich vorbereiten.“ Mit einer eindeutigen Geste jagte er sie davon und flitzte selber mit einem breiten Grinsen durch die Korridore. Ein Schiff, auf dem alles Brennbare verboten war, Kerzen eingeschlossen, und er hatte Tabak organisieren können. Er war stolz auf sich.

Die Biene verließ einen gespenstisch stillen Hangar. Drinnen war es kaum heller gewesen als außerhalb des Schiffs, so musste Marissa voll auf die Instrumente vertrauen. Sie konnte nicht von sich behaupten, die Instrumente besonders zu mögen. Wenn sie fliegen konnte, dann am liebsten auf Sicht. Damit musste sie sich nun etwas gedulden, denn sie wollte gerne den Frachtausleger ohne Licht erreichen. Das Risiko, durch eines der Fenster zufällig beobachtet zu werden erschien ihr zu groß. Die nervöse Stimmung an Bord würde garantiert dafür sorgen, dass der ein oder andere die Sterne beobachten wollte und immerhin herrschte offiziell Flugverbot. Marissa fühlte sich, als müsse sie schleichen und den Atem an halten um keinen Lärm zu verursachen.

Über dem Armaturenbrett klemmte die Inventarliste, auf der die betreffenden Container markiert waren. Sie nahm sich vor, den zerstörten Bereich dort ein zu tragen, würde aber wahrscheinlich am Ende eh nicht mehr daran denken. Die Schemen der Container kamen in Sicht und sie passte ihre Flugrichtung vorsichtig an. Irgendwo da vorne ragten die Splitter des Auslegers hinaus. Sie konnte sie noch nicht erkennen, schaltete den Scheinwerfer ein und erschrak. Direkt vor der Biene lag ein Träger quer im Raum. Um ein Haar wäre sie genau hinein geflogen und hätte nicht einmal gewusst, was sie getroffen hatte. Sie hatte das Trümmerfeld also schon erreicht. Mit viel Glück wäre sie hindurch, ehe die Karte ihr die Container meldete.

Als die Karte sich schließlich meldete und verkündete, der erste Container befinde sich direkt unter ihr, wäre sie am liebsten wieder umgedreht. Anstelle der Fracht war dort nur der verbogene Träger. Marissa seufzte laut und schloss die Augen. Zum Aufgeben war es aber zu früh, das hatten die Notrationen ihr schon gezeigt. Sie strich den verlorenen Container aus der Liste und flog den nächsten an. Dort zeigte sich das gleiche Bild, sie strich weiter Container aus. Am Ende hatte sie nur noch drei Positionen auf der Liste aber dafür ein Lichtblick vor sich. Nach gefühlt endloser Suche hatte sie einen intakten Container vor sich. Glücklich markierte sie ihn auf der Liste und sah sich nach den letzten beiden um.

Sie fand beide Container am angegebenen Ort, lediglich leicht verbeult. Sie markierte wieder beide, entschied sich dann aber dazu, den letzten gleich mit zu nehmen. Mit etwas Glück würde die Technik gleich damit beginnen können, die Leuchten aus zu wechseln. Mit etwas mehr Glück würde auch der eine Rationscontainer ausreichen, der bereits im Hanger stand. Sie würde nur sehr ungern die restlichen Container hinein holen denn jeder Container, der bis zur Landung durch hielt erhöhte die Chancen, Probleme mit dem Anbau vor Ort zu überstehen. Dafür waren sie schließlich ursprünglich verladen worden. Mit Problemen schon während der Reise hatte niemand gerechnet. Sie sollte daran denken, eine Nachricht ab zu setzen und andere Kolonieschiffe zu warnen. Die Werften sollten ebenfalls informiert werden denn bisher hatte sie von einem solchen Fall nicht gehört.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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