Hunger – Teil 8.

Drei kleine Menschen standen vor einem großen Tiefraum-Container in Mitten eines großen, dunklen Hangars. Ein alter Mann mit Glatze studierte sorgfältig eine Ladeliste, ein kleiner Mann mit wirrem, grauweißen Haaren stand im Container und zerrte Kiste um Kiste hinaus und eine müde wirkende, schlanke, hoch gewachsene Frau nahm sie von außen entgegen und öffnete jede einzelne. Was sie vorfand, sorgte bei ihr nicht für überschwängliche Begeisterung.

Baumaterialien, Kleidung, kleine Maschinen, mit Öl zu betreibende Notstromaggregate und einige Brennstoffzellen. Solarpanele, und nur dann und wann mal eine Kiste voller Pappschachteln die mit ‚Gewächshausbeläuchtung Klasse 1 – EN 195421-42c‘ beschriftet waren. Das mussten sie sein, aber es waren so wenige. Sie schätzte die Menge ab, es würde vielleicht für die Hälfte der Farm reichen. Wenn in einem der weiteren Container noch einmal so viele drin waren, dann würden sie die große Farm wenigstens versorgen können.

Marissa hoffte inständig, es würde auch etwas bringen. Sie hatte keine Möglichkeit zu bestimmen, wie lange die Pflanzen nun schon unterversorgt waren. Vor einigen Wochen war der Fehler das erste mal aufgefallen, als die Routineuntersuchung des Quartals fällig war. Zunächst wurde dem Befund nicht einmal große Aufmerksamkeit beigemessen. Man hatte es für einen Messfehler gehalten und den Test wiederholt. Erst, als der fünfte Test das gleiche Ergebnis gab wurde das Labor nervös und weihte die Farm ein. Marissa hatte zu dem Zeitpunkt schon den Verdacht, dass die Pflanzen erkrankt waren. Sie konnte die Produktivität beobachten und hatte die verkümmerten Früchte bemerkt. Es passte ins Bild, schon seit Monaten warf die Farm nicht mehr genug ab, um Überschüsse in die Kühlkammern im Innern des Schiffs ein zu lagern.

Wenn es also so lange gedauert hatte den Negativtrend zu identifizieren, wie lange würde es in die andere Richtung dauern? Selbst wenn sie alle Leuchten austauschen konnten, wie würden die hydroponischen Kulturen die Veränderung aufgreifen? Inzwischen saß sie schon wieder in der Biene um den nächsten Container ein zu holen. Sie nahm sich die Zeit, die Inventarliste zu aktualisieren und die verlorenen Container zu verzeichnen. Nur von der Biene aus konnte man den Schaden kaum abschätzen. Erst auf der Karte wurde deutlich, dass fast ein Drittel der Fracht an der Außenhülle verloren war. Die ersten Jahre in der neuen Kolonie würden sehr hart werden. Sie konnte nicht sagen, ob es ohne zusätzliche Hilfe überhaupt möglich war.

Emsiges Treiben erfüllte die Farm. Fast eine ganze Woche brauchten sie um die neue Beleuchtung ein zu bauen. Die Container hatten sowohl Erleichterung als auch Ernüchterung gebracht. Zunächst sah es so aus, als könnte nur jede vierte Lampe neu bestückt werden aber bald stellte sich heraus, dass sie fast auf der gesamten Fläche jede zweite Leuchte ersetzen konnten. Für Marissa war das eine immense Erleichterung und das, obwohl die Pflanzen unter den Höhensonnen der Krankenstation bislang kaum eine Veränderung gezeigt hatten. Es kam Marissa zwar so vor, als würde ihr Grün wieder etwas satter werden aber das konnte genau so gut am anderen Licht liegen. Außerdem hatte sie Angst davor, die zarten Blätter mit dem starken Licht zu verbrennen. Wenigstens diese Befürchtung sollte unbegründet bleiben.

Trotzdem beschloss Sie am Ende der Woche der Krankenstation einen Besuch ab zu statten. Die neue Beleuchtung zeigte zwar noch keinen durchschlagenden Erfolg aber darauf wollte Marissa nicht länger spekulieren. Frau Doktor Verdun schien nur auf sie gewartet zu haben. Als Marissa die Station betrat sprang sie gleich aufgeregt von ihrem Stuhl auf und winkte sie hektisch ins medizinische Labor. Der Tisch, der die Mitte des Raums dominierte war mit einer Isolierdecke abgedeckt unter die verschiedene Leitungen führten.

„Ich nehme an, Sie haben die Ersatzlampen wie gehofft gefunden?“ begrüßte sie Marissa. Als der Antwort ein Zögern vorweg ging war sie schon nicht mehr daran interessiert und sprudelte einfach drauf los.

„Wie dem auch sei. So oder so sind wir nicht völlig aufgeschmissen. Sie erinnern sich an die Theorie, Fleisch künstlich und in einer Nährlösung zu züchten? Der Gedanke, damit gegen die Nahrungsknappheit an Bord helfen zu können hat mich so sehr fasziniert, dass ich schon einmal angefangen habe die Thematik zu untersuchen. Ich habe Versuche mit unterschiedlichen Lösungen und Nährstoffpräparaten gemacht. Das beste Ergebnis hat dabei bislang eine wässrige Lösung erzielt, die zusätzlich elektrisch geladen und stimuliert wird.“

Triumphierend zog sie die Decke vom Tisch und gab den Blick auf einige Behälter aus klarem Plastik frei. In ihnen schwammen unterschiedlich große, unappetitlich aussehende, weiße Klumpen einer glibberigen Substanz. Marissa fand, sie sahen eher aus als würden sie sich zersetzen statt wachsen. Sie hatten auf der Farm einmal ein Problem mit Schimmelklumpen in den Nährlösungstanks gehabt. Das hatte damals gar nicht so anders ausgesehen, mit dem Unterschied, dass dies hier gewollt war und zum Essen gezüchtet wurde. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinab und kitzelte ihren Würgereiz. Mühsam nahm sich sich zusammen. Wenn das hier tatsächlich essbar sein würde, wieso dann nicht? Und im Grunde genommen war es auch nicht unappetitlicher, als die Nahrungsergänzungskulturen aus der Wasseraufbereitung. Für einen Moment war Marissa besonders dankbar, dass das Geheimnis aus der Lebenserhaltung des Schiffs so gut gewahrt wurde.

Frau Doktor Verdun schob gerade vorsichtig einen etwas kleineren Behälter auf den Tisch, der hinter ihnen im Regal gestanden haben musste. Die Kultur in diesem war so weit gereift, dass sie das gesamte Gefäß ausfüllte und eine blass-rosa Farbe angenommen hatte. Es sah deutlich fester und nicht mehr so schwammig aus und verströmte einen Geruch, den Marissa nicht hätte benennen können. Das war also Fleisch. Fertig gewachsen aber noch roh. Soviel wusste Marissa, Fleisch konnte man essen aber vorher musste man es braten oder grillen. Sie selbst konnte sich nicht erinnern, jemals vorher schon einmal Fleisch auf einem Teller gesehen zu haben. In den großen Kolonien lebten Menschen, die tierische Nahrung aßen aber auch das nur sehr selten. Nutzvieh war sehr selten und nach seinem Tod nicht immer als Nahrung zu gebrauchen. Einige Kolonieschiffe der Flotte hatten wohl ein paar Tiere dabei, ihr eigenes Schiff aber nicht.

„Sagen Sie, Frau Doktor, woher haben sie denn die Spenderfaser? Sie meinten beim letzten Mal, es bräuchte eine Spenderfaser um den Vorgang zu initiieren.“

Frau Doktor Verdun sah betreten zu Boden und rieb sich ihren Arm. Auf einmal wollte Marissa die Antwort auf ihre Frage gar nicht mehr hören. Sie wünschte sogar, sie hätte sie sich nie gestellt. Wieder etwas, was es vor der Mannschaft zwingend geheim zu halten gab. Irgendwie erschien ihr das Ganz so falsch aber in ihrem Inneren wusste sie, sie würden darauf angewiesen sein.

Die Kapazität der Farmen war so angelegt, dass sie immer ein Zehntel Überschuss produzieren konnten. Im Augenblick erreichten sie gerade einmal die Hälfte dieses Werts. Selbst wenn sich die Pflanzen wieder erholen würden, es würde nicht genug sein, um die ganze Besatzung vollständig zu ernähren. Auf die Notrationen konnten sie sich eben so wenig verlassen und so blieb ihnen nur die Möglichkeit, den Ekel zu überwinden und ihr vegetarisches Dasein auf zu geben. Wenigstens würde wohl niemand verhungern.

„Ich muss zugeben, das hier sind immer noch nur Versuche. Es wird noch einige Zeit und einige Versuche in Anspruch nehmen. Sie haben einige Erfahrung im Umgang mit solcherlei Lösungen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir dabei zur Hand gehen könnten.“

Sie zauderte kurz, gab dann aber der Bitte der Doktorin nach und nickte. Mit Hilfe der Doktorin schätze Marissa ihre Möglichkeiten ab. Sie hatte inzwischen einen recht genauen Überblick über alle Vorräte und Rücklagen. In ihrem persönlichen Kalender hatte sie bereits für den nächsten Tag den Beginn der Rationierung vermerkt. Die Farm würde ganz bewusst ab dann weniger als benötigt ausliefern. Es würde Klagen und Beschwerden geben aber im Laufe der Zeit, da war sie sich sicher, würden die Leute sich ihrem Schicksal ergeben.

Fortsetzung folgt…

Planeten

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