Hunger – Teil 9. – Ende

In den unmittelbar folgenden Wochen hatte sich auf der Farm eine leichte Verbesserung der Situation eingestellt. Die Pflanzen erholten sich ein wenig, wurden wieder grüner, kräftiger und fruchtbarer. Das geerntete Gemüse reichte zwar noch immer bei weitem nicht, bestand aber immerhin aus mehr als Wasser und Ballaststoffen. Die Rationierung dagegen rief ungeahnt heftige Reaktionen hervor. Die Leute sahen nicht ein, wieso das Mittagessen eingestellt und das Frühstück nur noch in abgespeckter Form ausgegeben wurde. Das das Abendessen wie gehabt beibehalten wurde war kein Trost.

Zunächst war da nur der Hunger. Immer und überall gab es nichts als knurrende Mägen. Die Leute wurden zunehmend gereizter und die Laune verschlechterte sich. Am Ende musste die Sicherheit sogar eine Ausgangssperre verhängen. In der Allee patrouillierten verstärkt mies gelaunte Sicherheitsleute die jeden an fuhren, der ihnen in die Quere kam. Die Tage zogen sich zäh dahin, Wochen erschienen den Kolonisten wie Monate. Sie hatten noch einen langen Weg vor sich und das Bremsmanöver war noch nicht einmal gestartet worden. Trotzdem gingen die meisten tapfer weiter ihrer Arbeit nach. So gut sie eben noch dazu in der Lage waren. Die Zahl der Unfälle stieg merklich an.

Auf der Krankenstation wurde noch ein zweiter Aspekt deutlich mit dem in der Überflussgesellschaft niemand gerechnet hatte und an den niemand gedacht hatte. Mangelerscheinungen. Frau Doktor Verdun fand zwar in der medizinischen Bibliothek eine alte Anleitung, wie man Ersatzpräparate anfertigte doch dazu war es bereits zu spät. Die ersten Siedler verloren bereits ihre Zähne durch Skorbut. Die Ärztin dokumentierte alles peinlich genau und mit der Faszination des Abartigen. Fassungslos starrte sie auf die Bilder von den Geschwüren, die sich so schwer taten zu verheilen. Und immer fehlte es an irgend etwas. Nachfolgende Kolonieschiffe mussten unbedingt besser ausgestattet sein. Das vermerkte sie an jeder nur möglichen Stelle in ihrer Dokumentation.

Nach monatelangem Dröhnen war heute der große Tag. Das große Triebwerk war zum schweigen gekommen und nach einigen wohl berechneten Schüben fand sich das riesige Kolonieschiff im Orbit um seine neue Heimat wieder. Trotz der blauen, staubigen Kugel vor den Fenstern war die Stimmung an Bord eher angespannt. In den letzten Monaten standen die Siedler extrem unter Spannung. Sie waren gereizt, griesgrämig, streitlustig und vor allen dingen hungrig. Es gab Tage, an denen kam Marissa selbst kaum aus dem Bett. Aus dem Spiegel starrte ihr eine alt wirkende und doch junge Frau entgegen. Ihr eingefallenes Gesicht und die leeren Augen machten ihr Angst. Sie wollte sich selbst auf keinen Fall im Traum begegnen.

Marissa hatte ihr Bestes gegeben. Sie hatte die Lampen ausgetauscht, ersetzt, ergänzt und auf jede ihr mögliche Weise verändert. Die Pflanzen hatten es ihr nur dürftig gedankt aber immerhin ein wenig. Die Brücke hatte recht ungehalten auf die strenge Rationierung reagiert. Es war den Offizieren nicht zu verdeutlichen, dass man eine hydroponische Kultur nicht so einfach reparieren konnte wie einen Kühlschrank oder einen Reaktor. Für die Farmer war die Zeit besonders frustrierend. Egal was sie versuchten und wie viel sie arbeiteten, es wurde ihnen mit Verachtung gedankt. Mehr als einmal war der Mob drauf und dran, sie, oder wahlweise auch sich gegenseitig zu zerfleischen.

Die Ironie dabei war, das synthetische Fleisch wollte niemand anfassen. Es hatte Marissa und Doktorin Verdun einige Fehlschläge gekostet aber am Ende hatten sie doch noch diesen Rettungsanker aufbauen können. Fleisch aus dem Reagenzglas um die Hungersnot an Bord zu bekämpfen. Es war fast geschmacklos und von glibberiger Konsistenz, dafür aber ausreichend nahrhaft. An den Gedanken etwas zu essen, was von einem Tier oder Mensch hätte stammen können, konnte sich nur offensichtlich niemand gewöhnen. Sonst so kostbare Nahrung ließ man vergammeln. Dann sollten sie doch vor Hunger verrecken, dachte Marissa mehr als einmal in ihrer Verbitterung.

Die Verweigerung gegenüber dem Fleisch sorgte für eine erhöhte Nachfrage nach Notrationen. Vor zwei Wochen war der letzte Container davon an Bord geholt worden. Bisher waren sie um Todesopfer herum gekommen aber wenn dieser Container aufgebraucht war, dann konnte Marissa nicht sagen, woher sie noch Nahrung holen konnte. Wenigstens konnte der Mob ihnen bald nicht mehr gefährlich werden. Der Hunger verbrannte alle Kraftreserven, so dass die Besatzung bald eher wie wandelnde Leichen wirkte.

Mit Ellenbogen und mürrischen Gesichtern hatten die Siedler das Schiff zur Landung vorbereitet. In der allgemeinen Depression hatte niemand mehr ein besseres Leben auf dieser neuen Welt erwartet. Trotz allem arbeiteten sie gewissenhaft und präzise, nur eben etwas langsamer. Das vermeintliche Problem mit dem Triebwerksreaktor hatte sich als reine Vorsichtsmaßnahme entpuppt. Der Reaktor war in makellosem Zustand und bescherte dem Schiff eine glatte und problemlose Landung in einem weiten Tal. Die Gegend bot alles, was man sich Wünschen konnte. Fließendes Wasser, Bodenschätze und fruchtbare Erde. Sogar eine dünne Sauerstoffsättigung und ein hoher CO2 Anteil war vorhanden, genau wie die Sonden angekündigt hatten. Am Anfang würde den Meisten etwas schwindelig sein, aber sie würden sich gut daran gewöhnen können. Das Schiff war auf einem weitläufigen Hügel gelandet. Nah am See aber weit genug darüber, um auch bei einem starken Hochwasser trocken zu bleiben.

Eine der ersten Aktionen nach der Landung war es gewesen, die Farm zu öffnen und einige der Regale an die frische Luft zu holen. Es hatte einige Wochen gedauert aber trotz der fremden Bedingungen hatten sich die Pflanzen wieder erholt. Nach einem halben Jahr hatte Marissa ihre Farm komplett aus dem Schiff ausgelagert. Die Erträge genügten ihren Ansprüchen und sie war zuversichtlich, dass sie das nächste Jahr überstehen würden. Das mussten sie auch, denn mit der Landung hatten sie auch das letzte Paket der Notrationen vertilgt. Sie hoffte nur, es würden nicht zu viele Kinder geboren werden.

Marc und Jeb hatten ihren Handel mit den Tabakblättern nicht bereut. Am ersten Abend nach der Landung saßen sie selig wie die Kinder auf einem nahen Hügel und rauchten glücklich ihre selbst gedrehten Zigarren. Die einzigen, die es in der ganzen Kolonie geben sollte. Für die beiden war die Reise damit erfolgreich beendet.

Fortsetzung folgt nicht mehr. Das wars. Ich hoffe mein kleiner Ausflug zu den Sternen hat dir gefallen und du hattest viel Spaß beim Lesen. Falls du es noch nicht getan hast, lass mir doch gerne einen Kommentar mit deiner Meinung da. Ich freue mich über Reaktionen und Rückmeldungen. Bis zur nächsten Geschichte!

Planeten

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3 Gedanken zu „Hunger – Teil 9. – Ende

    1. dergrafvonborg Autor

      Stimmt, aber es hat auch etwas symbolisches. Wie viel Hunger musst du haben, um (beispielsweise) Nacktschnecken zu essen. Ich glaube, das braucht schon reichlich Überwindung. Und hier ist eine Gesellschaft, die darum kämpft, sich über ihre primitiven Vorfahren zu erheben, kulturell wie moralisch. Da ist vielleicht nicht nur Ekel sondern auch ein gutes Stück Überwindung dabei, sich auf seine „primitiven“ Wurzeln zu besinnen. Und das dann auch noch in einer solchen Umgebung. Aber ich verstehe den Einwand durchaus gut. Hab bisher nicht viel drüber nachgedacht. Vielen Dank dafür 🙂

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      1. Stella, oh, Stella

        Hm, aber ich kann deinen Standpunkt sehen. Es gibt ja auch immer Ausnahmen. Bei diesem Flugabsturz in den Anden, wo sie die Toten gegessen haben, da war ja eine Frau dabei, die es vorgezogen hat zu sterben. Sie stand über dem rein tierischen Selbsterhaltungstrieb.

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