Der Patient – Teil 1.

Der Patient

Doc Abby hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie im Regenwald einmal Staubwolken sehen würde. Wenn sie jetzt aber aus dem Fenster ihrer kleinen Station guckte, sah sie statt der weißen Nebelschwaden tatsächlich rote Staubwolken über dem Dschungel schweben. Ihre Station lag am Rande einer kleinen Stadt und hatte eine traumhafte Aussicht auf die grünen Hügel und Berge des Urwaldes. Auf der anderen Seite der Fenster hatte sie ihr Behandlungszimmer, das Lager und ein kleines, halbwegs improvisiertes medizinisches Labor. Das Lager war auch nur noch formal existent und diente lediglich als Abstellkammer für leere Kisten und Schachteln. Doc Abby sah ihr Lager gerne als Metapher für die kleine Stadt. Auch die Stadt war im Verlauf der letzten Monate immer leerer geworden. Wer es sich leisten konnte, der hatte schon vor einer ganzen Weile seine sieben Sachen gepackt und hatte die Region verlassen. Als die ersten Rauchsäulen am Horizont erschienen waren, wurden die verbliebenen Bewohner immer nervöser. Spätestens seit die ersten, entfernten Schüsse durch die Nacht peitschen und die ersten Verwundeten an der Station auftauchten gab es kein halten mehr. Wer einen Ort hatte, wohin er fliehen konnte, der floh.

Für Abby war das keine Option. Die Schottin war hier, um den Leuten zu helfen und immerhin gab es noch arme Seelen in der Stadt, die auf ihre Hilfe angewiesen sein könnten. Außerdem hatte sie seit Beginn der Kämpfe immer mindestens einen Patienten zur dauerhaften Pflege im Hinterzimmer. Sie selbst hatte kein Verständnis für Uniformen und Flaggen, genau so wenig wie für den ganzen Konflikt. Wieso kämpften sie denn? Worum? Um eine Handvoll dicht bewaldeter Berge? Keiner von den Uniformen und Lamettaträgern hatte eine Ahnung, was der Wald wert war, was für Schätze er barg. Sie selbst hatte einige Ausflüge in den Wald unternommen, einige seiner Wunder erleben dürfen, hatte aber selber kaum eine Vorstellung davon, was es dort noch zu entdecken gab. Um so mehr ärgerte sie sich über die Zerstörung, die mit den Kämpfen einher ging.

Ahmed erinnerte sie wieder daran, weswegen sie hier war. Er trug seine Tochter im Arm, wie schon die ganze Woche. Jeden Tag brachte er sie zur Station in der Hoffnung, Abby könne irgendetwas gegen das Fieber tun. Abby würde der Kleinen so gerne helfen, aber ihre Vorräte waren erschöpft und die Hoffnung auf neue Lieferungen hatte sie längst aufgegeben. Für die Dauer des Krieges würde ihr Lager leer bleiben. Sie bemühte sich dem Mädchen mit Umschlägen und Kräutern zu helfen. Auch wenn es offensichtlich etwas half, Abby hatte das Gefühl, die Dankbarkeit die in den Augen von Vater und Tochter leuchtete nicht verdient zu haben. Sie hätte ihnen lieber eine Garantie gegeben, dass sie wieder gesund werden würde.

„Sie können nicht hier bleiben, es ist gefährlich. Bald werden die Milizen hier sein und alle umbringen oder verschleppen.“ Aus Ahmeds stimme klang weniger Undankbarkeit als vielmehr ernsthafte Sorge um sie. Er hatte im Bürgerkrieg seine Frau und drei Söhne verloren und war danach mit seiner Tochter aus der Hauptstadt geflohen. „Wenn Sie Menschen retten wollen, dann bringen Sie sich in Sicherheit. Wenn sie tot sind, können Sie das nicht mehr.“

Der Gedanke war ihr auch schon gekommen und gelegentlich sah sie sich auch auf einen der Flüchtlingskonvois aufspringen aber die Arbeit hielt sie immer zurück. Hier konnte sie noch etwas bewegen. Sie hatte schon Kämpfer von beiden Seiten gleichzeitig in ihrer Pflegestation gehabt und beobachtet, wie aus der anfänglichen Feindschaft die empfindliche Saat von Freundschaft und Vertrauen gekeimt war. Wenigstens die Feindschaften wurden begraben, wenn man tagelang allein in dem stickigen Raum lag. Abby musste immer lächeln, wenn sie sich an solche Situationen erinnerte. Ahmed sah sie zweifelnd an, als sie kichernd den Kopf schüttelte.

„Ich weiß, Sie meinen es nur gut mit mir, Ahmed, aber mein Platz ist hier. Sehen sie sich nur um. Es gibt so viele Leute hier, die meine Hilfe brauchen können. Auch wenn ich Denosh mit ihrem Fieber kaum helfen kann, es gibt so viel zu tun hier. Jeden Tag kommen neue Patienten und es werden immer mehr. Ich wünschte nur, es würden auch neue Medikamente und Ausrüstung kommen. Ich könnte sie mehr als gut gebrauchen.“

„Sie haben viel von den Alten aus den Dörfern gelernt. Sie wissen um die Heilkräuter aus dem Wald aber dieses Wissen wird verloren gehen, wenn Sie sinnlos sterben.“ Seine Stimme wurde flehend. Die Sorge in seinen Augen war Verzweiflung gewichen. Abby streckte sich, um ihre sommersprossige Hand auf seine tiefschwarzen Schultern legen zu können.

„Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich mag vielleicht eine kleine Frau sein, aber ich bin nicht so leicht unter zu kriegen, wie man meinen mag. Ich werde zurechtkommen. Wenn Sie Denosh morgen wieder herbringen habe ich vielleicht ein Mittel. Ich versuche es gerade aus einer Wurzel zu ziehen, die mir die alte Frau aus der Bäckerei gebracht hat.“

Ahmed resignierte. Er musste einsehen, dass der Doc schon viel länger hier ausgehalten hatte als so mancher Einheimische. Irgendetwas an ihrer Arbeit musste sie derart reizen, dass sie darüber jede Vorsicht vergaß. Für ihn war es eigentlich gut. Je länger sie hier war, desto länger konnte sie seiner Tochter helfen. Er nickte stumm, hob Denosh von der Liege hoch und drehte sich in Richtung der Tür. Das kleine Mädchen im Arm ging er langsam rückwärts, bis er mit dem Rücken an die Wand stieß, den Blick fest auf die Türe gerichtet beziehungsweise auf das, was den Türrahmen nun ausfüllte.

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