Hörsaalgetuschel – Ausgabe 101

Planungen

„Kannst du dir das vorstellen? Nächste Woche gehen schon wieder die Vorlesungen los. Ich habe den Eindruck, es gab überhaupt keine freien Tage diesen Sommer. So fast überhaupt nicht. Ich war kaum eine Woche bei meiner Familie. Ich habe generell mehr Zeit bei deiner als bei meiner eigenen verbracht im letzten halben Jahr.“

„Meine wohnt ja auch bedeutend näher dran als deine und ich habe eine andere Beziehung zu ihr.“

Der Zug ratterte über eine finstere Strecke. Flo und Kristina hatten ein gemeinsames Wochenende bei ihrer Familie verbracht, voller Verwandter und dennoch ruhig und erholsam. Sie waren zu einer kleinen Familienfeier eingeladen gewesen. Der Anlass war gewesen, dass ein Onkel aus seinem neuen Wohnsitz in Norwegen zu Besuch gekommen war. Aber ob Familienfeier oder nicht, es war niemals wirklich ruhig in Kristinas Elternhaus. Irgendjemand war immer zu Besuch oder kam nur auf einen Kaffee vorbei, besonders wenn es etwas zu erzählen oder wen zu treffen gab. Woran Flo sich dabei nur mit Mühe gewöhnen konnte, war die Harmonie. Man saß gemütlich bei Kaffee, Tee und Kuchen beisammen und redete, lachte gemeinsam oder tröstete sich auch gelegentlich aber niemand suchte Streit. Meinungsverschiedenheiten konnte man immer noch in vernünftiger Lautstärke ausdiskutieren, ohne sich gleich anbrüllen zu müssen.

Anfangs war er noch skeptisch gewesen, aber inzwischen musste Flo einfach zugeben, dass er diese Treffen als entspannend wahrnahm. Selbst wenn Kristinas Nichten und Neffen da waren und ein Rudel lärmender Kinder durch Haus und Garten stürmten, war es dennoch nie überlastend für ihn. Dabei hatte er immer geglaubt, nicht mit Kindern umgehen zu können. Für Kristina waren die Besuche bei ihren Eltern fester Bestandteil ihres Lebens, den sie brauchte und genoss und Flo wiederum genoss es, sie mit ihrer Familie strahlen zu sehen. Wieso war so etwas eigentlich nicht bei ihm möglich? Wenn er seine Familie besuchte, benahm sich immer irgendjemand daneben und es endete alles in einem großen Streit, jeder gegen jeden.

„Tja, das stimmt wohl. Du hast eine intakte Familie, wie im Bilderbuch. Ich habe dafür eine wie bei RTL. Nur leider ist sie hier real und nicht ausgedacht, auch wenn mir das lieber wäre. Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass sie traurig drüber sind, mich so lange nicht mehr gesehen zu haben. Sie melden sich auch nicht von sich aus also scheint alles gut zu sein. Wahrscheinlich warten sie nur darauf, dass ich anrufe, um ihnen zu sagen, dass ich von der Uni geflogen bin.“

„Sei nicht so hart zu deiner Familie. Sie sind vielleicht ein wenig speziell, aber es ist immerhin noch immer deine Familie. Das kannst du nicht ändern aber immerhin das Beste draus machen. Es würde euch gut tun, etwas pfleglicher miteinander umzugehen.“

„Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich das überhaupt will. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem möglichst sporadischen Kontakt. Ich habe ja immer noch dich und deine Familie erweckt auch eher den Eindruck, als hätten sie mich adoptiert. Damit habe ich doch eine Familie. Und ganz abgesehen davon, mir ist meine eigene kleine „Familie“ mit dir wichtiger. Wenn du also nichts an unserer Situation ändern möchtest… Ich hätte unter Umständen eine Jobmöglichkeit bei dir in der Nähe. Dann könnten wir eventuell eine gemeinsame Wohnung beziehen. Wenn du möchtest, natürlich.“

Kristina sah ihn überrascht an. Flo wusste, dass er sie ein wenig damit überrumpelt hatte, aber er hatte sie genau beobachtet, und auch wenn sie ihn etwas tadelnd musterte, das Glänzen in ihren Augen kannte er. Es war dieses Funkeln, welches ihm jedes mal das Herz bis zum Hals schlagen ließ und ein Feuerwerk in seinen Eingeweiden abbrannte, dass er sich fragte, ob das heiße Gefühl in seinem Kopf nicht tatsächlich der Pulverdampf war, der seinen Weg hinaus suchte. Als sie schließlich lächelte, hätte er schmelzen können wie Schokolade in Kinderhänden.

Sein krampfhafter Versuch, sein Kichern zu unterdrücken endete in einer fürchterlichen Grimasse und am Ende doch wieder lautem, albernen Gelächter.

„Wenn ich möchte also? Also in meiner Wohnung würde es wohl etwas eng werden, aber über den Müllers in der Eichhornstraße ist eine Wohnung frei. Geräumig, zwei Zimmer, große Wohnküche, Dachterrasse. Ich hatte schon überlegt, ob ich dich fragen soll, aber dann hättest du einen deutlich längeren Weg zur Uni. Ein wenig hast du da ja noch.“

„Sehen wir sie uns trotzdem nächstes Wochenende an? Es klingt spontan sehr verlockend und ich habe ein gutes Gefühl. Ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer und auf der Terrasse Platz für deine Pflanzen.“

„Ich rufe morgen einmal da an und frage nach einem Termin. Und du pendelst dann eine Stunde zur Uni und zurück? Am Ende lässt du mich da noch alleine einziehen und ich sitz blöd da.“

„Du weißt, dass ich dich nie hängen lassen könnte. Und wenn ich zwei Stunden zur Uni brauche, dann ist das halt so. Im Notfall übernachte ich dann mal bei Mia und Erik auf dem Sofa. Das wäre dann besser, als um vier Uhr aufzustehen. So viele Termine habe ich aber auch nicht mehr in der Uni. Von daher müsste es klappen.“

„Gut, wenn du das sagst, dann glaube ich dir mal. Aber über das mit der „Familie“ reden wir später noch einmal in Ruhe.“

Welche Pflanze?

Advertisements

2 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 101

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s