Hörsaalgetuschel – Ausgabe 102

Auf einen Kaffee mit Tina

„Können wir uns mal auf einen Kaffee treffen? Wir müssen mal reden. Unter vier Augen.“

Damit hatte es angefangen. Tina hatte Erik an den Toiletten abgefangen, um ihm das zu sagen. Sie wusste, dass Mia bereits im Seminarraum saß und sie so ungestört war, sonst hätte sie ihn auch nie angesprochen.

„Hast du heute Nachmittag um fünf Uhr zeit? Wenns dir recht ist, dann treffen wir uns dann im Kaffee Mohr.“

Er hatte kaum als Zustimmung genickt, da war sie auch schon wieder verschwunden und ließ ihn grübelnd zurück. Sie hatte nachdenklich und gedämpft gewirkt, wie schon die letzten Tage. An denen hatte sie ihn allerdings offen gemieden und ignoriert. Seit ihrem Geburtstag, genau genommen. Einem Tag, der einen schrecklichen Kater zur Folge hatte und keine Erinnerung daran, wie er seinen Weg nach Hause gefunden hatte. Flo konnte sich erinnern und hielt sich mit Spott nicht zurück. Dummerweise wusste man bei ihm nie, was er sich ausgedacht hatte und was tatsächliche Ereignisse gewesen waren.

Dass Flo ihn ein gutes Stück des Weges gestützt oder halb getragen hatte glaubte er sofort. Dass Er ihn aber gleichzeitig aus den Ausschnitten einiger Mädels fischen musste, denen sie auf dem Weg begegnet waren, daran hatte er seine Zweifel. Das wäre wohl einfach nicht sein Stil gewesen, aber gewisse Restzweifel blieben ihm hartnäckig und unangenehm im Rücken. Wer konnte schließlich zu einem schönen Ausschnitt nein sagen, besonders, wenn er einen einlädt. Mia bekam von alledem nicht mehr mit, als nötig war, und was sie mitbekam, das tat sie gnädigerweise als Fantasie ab.

Und nun war die Funkstille doch noch gebrochen worden und Tina stand als Referenzquelle zu Verfügung. Vielleicht konnte sie etwas mehr Licht ins Dunkel bringen. Bei dem Ton, mit dem sie ihn angesprochen hatte, war er sich allerdings nicht sicher, ob er das wirklich so wollte. Kaffee Mohr also. Eines der traditionsreicheren Häuser der Stadt mit viel Geschichte, gutem Kuchen, sehr annehmbarem Kaffee, noch besserem Eis und erstaunlich studentischen Preisen. An einem Tag wie heute war aber ein Kaffee nur angemessen und dringend nötig.

Dicke Wolken zogen über den Platz, als Erik auf das alte Fachwerkhaus zu lief. Ein frischer Wind zerrte an den Blättern und nichts deutete mehr auf den Sommer hin, der doch noch überhaupt nicht so lange her gewesen war. Er war fünf Minuten zu früh und doch war Tina schon da und wartete auf ihn. Durchs Fenster konnte er sie sitzen sehen, wie sie nervös ihre Hände knetete und auf ihrer Lippe kaute. Das tat sie immer, wenn sie tief in Gedanken versunken war und an einem Problem knobelte. Sie bemerkte ihn sofort, als er durch die Türe kam. Mit einem offenen, warmen Lächeln stand sie auf und begrüßte ihn mit einer festen Umarmung. Nichts deutete auf das zweifelnde Grübeln von vor wenigen Sekunden hin.

„Schön, dass du Zeit finden konntest. Geht es dir gut? Jedenfalls siehst du gut aus.“

„Dankesehr, du aber auch. Ich hatte den Eindruck, du hättest etwas Wichtiges los zu werden.“

Ihm fiel auf, dass sie wirklich gut aussah, vorsichtig ausgedrückt. Sie war etwas aufwendiger geschminkt als gewöhnlich, trug ein schickes Kleidchen, was dennoch nicht zu kalt wirkte, und hatte sichtbar viel Zeit in ihre Frisur gesteckt. Ihr üblicher sportlich schicke Stil war heute definitiv eher elegant. Wollte sie ihm so gut gefallen?

„Keine Ahnung, wir haben in letzter Zeit nicht mehr so viel geredet. Ich hatte den Eindruck, du gehst mir aus dem Weg und wollte wissen, ob etwas nicht stimmt?“

„Ich dachte eher, du gehst mir aus dem Weg. Seit deinem Geburtstag hast du dich nach jedem Hallo schnell umgedreht und bist gegangen.“

Da war es wieder, das nervöse Lippenkauen und Blinzeln. Die Bedienung kam, um ihre Bestellung aufzunehmen. Dabei saß er kaum und hatte noch keine Chance gehabt, in die Karte zu gucken. Sie konnte kaum wissen, dass er bereits wusste, was er wollte. Außerdem musste es das Radar jedes Kellners sein, welches verriet, wann gerade der ungünstigste Zeitpunkt war, jemanden anzusprechen und welcher genau deswegen unbedingt wahrgenommen werden musste.

„Ich weiß, tut mir leid aber mir ging es nicht besonders gut. Ich habe wohl viel zu viel getrunken. Offenbar werde ich wirklich alt. Der Kater hat gleich zwei drei Tage angehalten und ich glaube, ich erinnere mich nicht mehr an alles.“ Sie seufzte schwer, holte noch einmal tief Luft und sah ihn vorsichtig an. „Habe ich irgendetwas Dummes getan?“

Darum ging es also? Sie hatte die gleichen Fragen wie er selbst aber ein offenbar schlechteres Gefühl dabei. Erinnerte sie sich doch an mehr?

„Ich weiß es nicht genau. Ich habe auf jeden Fall dicke Lücken aber so wie du fragst, scheint da echt was gewesen zu sein. Woran erinnerst du dich denn noch?“

„Daran, extrem betrunken gewesen zu sein. Flo hatte Kuchen dabei und der war extrem lecker. Wir haben am Fluss gesessen. Bist du sicher, dass wir darüber reden sollten?“

„Ja, der Kuchen war echt gut. Wieso willst du nicht darüber reden?“

„Ich weiß nicht. Was, wenn etwas passiert ist, was nicht gut ist? Was, wenn wir etwas getan haben, was wir nicht hätten tun dürfen?“

Jetzt war Erik auf jeden Fall misstrauisch. Sie erinnerte sich definitiv an etwas. Etwas, worüber sie nicht reden wollte oder jedenfalls nicht mit ihm. Wieso wollte sie trotzdem mit ihm reden? Wahrscheinlich nur, um herauszufinden, was er wusste und was nicht. Wenn er etwas herausbekommen wollte, würde er mit Flo reden müssen. Oder er versuchte es einfach trotzdem.

„So schlimm wird es schon nicht gewesen sein. Was meinst du denn, was passiert ist?“

„Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich einen furchtbaren Kater hatte und ein mieses Gefühl. Und du erinnerst dich auch nicht an mehr? Was hast du denn die letzten Tage so gemacht? Ging es dir wenigstens besser und hast du den Kater besser überstanden?“

Immerhin hatte er nun den Beweis, dass er sie recht gut einschätzen konnte und sich nicht geirrt hatte. Sie wollte nur wissen, an was er sich erinnerte und dann schnell vom Thema ablenken. Stattdessen klimperte sie nun mit gespielter guter Laune ihre Wimpern und versuchte ihm tief in die Augen zu sehen. Es wäre echt spannend, zu hören, was Flo zu sagen hatte. Er schien jedenfalls in weiten Teilen andere Erinnerungen an den Abend zu haben. Darin enthalten waren diverseste Backrezepte und Küchentipps. Wie so oft hatte Erik den Eindruck, Flo hätte eigentlich Konditor werden müssen, statt an die Uni zu gehen.

Kartoffelsprössling

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6 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 102

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