Den Kopf in den Wolken – Teil 1.

Es gibt Gesetze, die sind unumstößlich. Naturgesetze sind klar definiert und das für alle Zeit. Der Apfel fällt vom Ast nach unten, Luft ist bei gleicher Temperatur leichter als ein entsprechendes Volumen Wasser. Jeder Stoff strebt immer den Zustand mit der geringsten Energie an. Die Begründung, wieso Wasser bergab fließt und radioaktives Material zerfällt.

Und es gibt Gesetze, die sind lediglich akzeptiert aber so vage, dass sie eigentlich keine Gesetze sind. Sie beschreiben ideologische, unsichtbare Grenzen. Eigenschaften, die so nahe beieinander liegen und doch gegensätzlich sind wollen nicht immer getrennt werden. Genie und Wahnsinn. Sie gehen Hand in Hand und vielleicht braucht es das Eine für das Andere. Das Genie macht ohne eine gewisse Portion Wahnsinn keinen Spaß. Der Wahnsinn bricht mit den Konventionen und öffnet dem Genie rostige Schlösser.

Feigheit und Mut sind nicht weniger essenziell verbunden. Kann jemand Mut haben, der keine Angst kennt, oder ist er dann nur leichtsinnig?

Das gleichmäßige Brummen des Motors konnte verdammt einschläfernd sein. Stundenlang der gleiche Ton, die gleiche Vibration und die gleiche Aussicht. Wasser, soweit das Auge reicht. Marc kontrollierte im Minutentakt die Instrumente. Er war auf dem richtigen Kurs und die Geschwindigkeit stimmte auch. Trotzdem wollte einfach keine Küste in Sicht kommen. Er drosselte den Motor, ging etwas tiefer und prüfte die Wellen. Eigentlich müsste er sogar Rückenwind haben aber in dem tiefblauen Meer war nicht einmal eine Sandbank zu erkennen. Und das, so weit ab von jeder bekannten Schifffahrtsstraße. Er gab wieder etwas mehr Gas und ließ das kleine Flugzeug steigen.

Er stellte sich vor, wie es von außen aussehen müsste. Ein winziger, weißer Punkt zwischen einem tiefblauen Ozean und einem nur wenig helleren Himmel. Noch stand die Sonne hoch im Zenit, aber bald würde sie vor ihm stehen und den Himmel über seinem Ziel tiefrot färben. Er fragte sich, wie sein Ziel wohl aussehen würde. Alles was er wusste war, dass dort Land zu finden war. Unbekanntes Land voller Reichtümer die nur darauf warteten, von ihm entdeckt zu werden. Er wäre derjenige, dem die Ehre zu Teil werden würde, die ersten Karten zu zeichnen und zu beschriften. Er durfte die Namen vergeben. Ganz wie es ihm gefiel und er würde sich vor niemandem rechtfertigen müssen. Irgendwo dort, hinter dem tiefblauen Horizont, da lag all dies. Die Erfüllung seiner Träume, wie er sie sah.

Das Flugzeug schaukelte auf unsichtbaren Wellen aus Luft, bemühte sich ihn sanft in den Schlaf zu schaukeln und zwang seine Augenlider hinab. Ob er zwischenzeitlich tatsächlich einschlief oder nicht, konnte er nicht sagen. Der Blick aus dem Fenster war immer der gleiche. Als es zu schlimm wurde, versuchte er sich selbst zu ohrfeigen, um bei Bewusstsein zu bleiben, und schlug sich gegen den Brustkorb. Es stellte sich immerhin ein mäßiger Erfolg ein. Als er gestartet war, war er gut ausgeschlafen und hatte ein reichhaltiges Frühstück hinter sich. Von beidem war nichts mehr übrig. Die Müdigkeit lieferte sich ein erbittertes Duell mit dem Hunger aber noch wollte er sein Abendessen noch etwas heraus zögern.

Er hatte den Eindruck, mehr Hunger zu haben als normal. Ob das etwas mit der Höhe zu tun hatte? Seine Trainingsflüge hatte er in geringer Höhe absolviert und einen Fluglehrer hatte er nie gefunden. Das Flugzeug hatte er selbst gebaut, nach einem Foto, was er in der Zeitung gesehen hatte. Jetzt wo er hier saß, in Hunderten Metern Höhe, den Steuerknüppel zwischen den Beinen, erschien ihm sein Vorhaben plötzlich geradezu lächerlich einfältig. Er hatte davon geträumt ein berühmter Entdecker zu werden, berüchtigt für seinen Mut und seine Verwegenheit. Im Augenblick kam er sich eher wie ein dummer Junge vor, der sich Hals über Kopf in ein Abenteuer gestürzt hatte, von dem er nicht einmal ahnen konnte, wie es denn überhaupt beginnen konnte. Ein ausgesprochen dummer Junge.

Erneut überprüfte er seine Instrumente und den Stand der Sonne. Sein Kurs sollte noch immer stimmen aber Land war noch immer nicht in Sicht. Vor seinem geistigen Auge sah er dem Flugzeug von außen zu, wie es unkontrolliert durch die Wolken stürzte, während er am Steuer schlief. Die Maschine zerbrach, noch ehe er das Wasser erreicht hatte.

Im Anschluss sah er sich, wie er vor einer leuchtend roten Abendsonne und ohne Motoren über die Wellen glitt. Immer näher kam das glitzernde Nass, weiße Schaumkronen tanzten auf den Wellenkämmen. Das Fahrwerk verfing sich in den Wellen und er überschlug sich wild, ehe die Wellen ihn schluckten.

Ostrach

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