Archiv für den Monat November 2016

Blogparade: Impro-Geschichten. In Echt jetzt!!

Hier dann jetzt der richtige Beitrag zu dieser Aktion. Betrachtet den Letzten einfach als eine Art Teaser, der euch hoffentlich auch gefallen hat aber nicht völlig satt gemacht hat sondern immer noch genug Hunger auf mehr gelassen hat.

Offenschreiben hat mich dazu angehalten, eine Impro Geschichte zu verfassen. Ich soll drei Begriffe zu einer Geschichte verarbeiten, ohne groß darüber nachzudenken oder zu editieren. Einfach nur vor sich hinschreiben und schauen was passiert. Wenn Ihr weitere Details wissen möchtet, klickt am besten den Link da oben an. Ich muss gestehen, ich war selbst ziemlich neugierig, was dabei herum kommt und habe einfach einmal los gelegt. Meine drei Begriffe waren: Das Meer, ein Kissen und ein Handschuh. Ich hoffe, es macht euch Spaß zu lesen. Ich hatte jedenfalls Spaß beim Schreiben (auch wenn das nicht überall durch scheint).

Neptuns Tribut

Der Kolonial konnte nicht mehr sagen, ob es Tage oder Wochen gewesen waren, die der Sturm das Schiff durch die Wellen geschleudert hatte. Es fühlte sich jedenfalls an, als seien es bereits Monate. Die Neptun war zwar nicht das größte, aber dennoch ein solides und ansehnliches Schiff in der Kolonialflotte des Kaiserreichs. Nur der Meeresgott selbst schien den Namen und das Schiff selbst als eine Beleidigung zu empfinden und machte die Reise zur Hölle auf Erden selbst. Welle für Welle spülte über das hohe Deck, als wäre es ein flacher Strand, und riss alles mit sich in die Tiefen der See, was nicht gründlich und gewissenhaft festgenagelt war.

Für den Laderaum kam jede Rettung zu spät. Die Besatzung hatte alle Luken mit Pech und Lumpen versiegelt, doch das hatte nur die ersten Stunden geholfen. Wellen, hoch wie das Schiff selbst, hatten die Neptun dermaßen brutal herumgeschleudert, dass selbst der Kapitän Angst zeigte, es würde ihm die Deckplanken unter den Füßen zerreißen. Die Schiffsjungen hatten die Lenzpumpen in der Bilge seit Tagen nicht mehr alleine lassen können. Unterstützt wurden sie von den Soldaten des Kolonials, aber auch ihre Hände verwandelten sich mit der Zeit in blutige Fetzen. Von überallher schoss die salzige See in den Segler und durchweichte alles.

Man hätte meinen wollen, dass die Wassermassen den Gestank nach Exkrementen, Erbrochenen und Blut verdünnen und hinauswaschen würde. Stattdessen verteilte sich die klebrige Brühe überall und setzte sich auf allen Oberflächen fest. Niemand wagte sich an Deck, um die vollen Eimer zu leeren. Es brauchte allein fünf Mann und schwere Leinen, nur um den Steuermann abzulösen, ohne jemanden zu verlieren. Kapitän und Kolonial hatten ihre Kabinen auf dem Oberdeck übereilt aufgeben müssen, nachdem bereits die ersten Ausläufer des Sturmes die kunstvollen Glasfenster zertrümmert hatten.

Nur einen schien diese Hölle nicht aus der Ruhe zu bringen. Der Segelmeister, ein alter Seebär, der bereits mehr Jahre auf Segelschiffen verbracht hatte als der Kolonial alt war, hatte beim Anblick der Wolkenfront am Horizont alle Segel sichern und verstauen lassen, hatte sich anschließend in seiner Hängematte festgebunden und zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Alle paar Stunden kam er kurz zu sich, aß einen Kanten trockenes Brot und soff sich zurück ins Nirwana, sobald er registriert hatte, dass das Unwetter noch tobte und das Schiff noch nicht völlig zerfallen war.

„Ich lasse ihn auspeitschen. Sobald wir das überlebt haben, lasse ich ihn auspeitschen.“

Der Maat tobte und fluchte, dass selbst die Schiffskatze kurz davor war, sich zu bekreuzigen. Es frustrierte ihn zutiefst, dass es ihm selbst vergönnt war, sich dem Sturm zu entziehen, wie es der alte Segelmeister tat. Fast noch mehr aber ärgerte ihn, dass er seine Drohung nach dem Sturm nicht einmal wahr machen konnte. Wenn das Schiff überlebte, würden sie den Segelmeister brauchen. Und zwar gesund und unverletzt. Die Takelage würde ein einziges Durcheinander sein und in Fetzen hängen und er war nach dem Schiffszimmermann der Einzige, der sich wirklich damit auskannte. Der Zimmermann hingegen würde dafür sorgen müssen, dass die Neptun wieder dicht genug wurde, um es bis zum nächsten Hafen zu schaffen.

Möglicherweise war inzwischen der dritte Tag im Sturm angebrochen. Genauso gut konnte es auch bereits der Fünfte sein, niemand vermochte es zu sagen, denn die Sonne schaffte es mit keinem Lichtstrahl hinab. Lediglich die Unmengen von Blitzen erhellten den Horizont, welcher rundherum ein einheitliches Gebirge aus Wasser und Gischt zeigte. Die Mannschaft war hoffnungslos übermüdet und ausgemergelt. Zwieback und Wasser gaben ihr nicht mehr genug Kraft und ein Seemann nach dem anderen brach zusammen und musste in seine Hängematte gebunden werden. Die Götter der See forderten ihren Tribut in Blut.

„Wir werden das Wasser nicht mehr los. Es ist überall. So sehr wir auch Pumpen, wir sind zu schwer.“

Es war leicht, das Gefasel des Matrosen als Fiebertraum abzutun. Er war völlig ausgemergelt, die ledrige Haut blass wie ein Leichentuch, die Augen Blut unterlaufen, glasig und schwarz wie die aufgewühlte See. Die Männer verhungerten vor vollen Tellern. Niemand vermochte in dieser See sein Essen bei sich zu behalten und in den zertrümmerten Fässern war kaum noch genug Trinkwasser, um den staubigen Zwieback hinunter zu spülen.

„Die Ladung zieht uns alle in den Tod. Wir müssen uns retten und sie über Bord werfen.“

Der Kolonial hätte niemals ein Gesicht zu diesen Worten ausmachen können, die da aus der breiigen Masse der erschöpften Seeleute kam. Aber sie brachten wieder neues Leben in ihn und entfachten ungekannte Wut in ihm.

„Diese Fracht ist überhaupt erst der Grund für unsere Reise. Niemand legt auch nur einen Finger an sie oder Euer aller Heuer ist gestrichen. Für diese Fahrt und für alle, die da kommen mögen.“

„Es obliegt nicht Euch, hier irgendjemandes Heuer zu streichen, Kolonial. Ehe mir die See mein Schiff raubt, gebe ich lieber die Ladung auf. Aber falls es Euch beruhigt, bei diesem Sturm ist es uns unmöglich, die Luken zu öffnen und diese Tat zu überleben. Eure kostbare Ladung ist also fürs Erste sicher. Ich hoffe nur, sie ist es auch wert.“

Die leise gebrummten Worte des Kapitäns waren im Tosen des Unwetters kaum zu verstehen. Seine Laune war miserabel, nicht nur, weil er sich um Schiff und Mannschaft sorgte, sondern auch, weil das eindringende Wasser seinen Tabak durchnässt hatte und er es nicht zustande brachte, seine Pfeife zu entzünden. Dennoch blieb er weiterhin hart aber absolut gerecht und bot seiner Besatzung einen Ruhepol und Anker in dieser schweren Zeit. Wenn er sprach, breitete sich Ruhe aus und nur geflüsterte anonyme Stimmen folgten seinen Worten.

„Was ist überhaupt drin, in dieser kostbaren Ladung, die uns den Hals kosten wird?“

„Der Arzt meinte, die Ladelisten würden Kissen aufführen. Ich wollte es nicht für möglich halten aber einer der Schiffsjungen meinte, eine der Kisten sei geborsten und durch die Spalten konnte er ein Kissen erkennen. Durchnässt aber aus feinstem Brokat, vermutlich sogar aus Seide.“

„Das ist doch unmöglich. Wieso sollen wir Seidenkissen in die Barbarenländer fahren? Brauchen die Generäle und Statthalter etwas Abwechselung zu den exotischen Fellen und edlen Hölzern? Eine solche Ladung ist absurd.“

„Schweig, du Narr. Eine solche Ladung kann uns retten. Der Dünne Stoff kann nicht viel Wasser halten und die Kissen selbst wiegen auch kaum etwas. Mit Werkzeug oder Glas in den Frachtkisten wären wir so schwer, dass es das Schiff längst zerrissen hätte.“

Auch der Kolonial hatte den leisen Disput verfolgen können, entschied sich aber, nichts weiter dazu zu sagen. Niemand würde seine Ladung anrühren, da nahm er den Kapitän beim Wort. Aber auch er hatte das unheilvolle Bersten und Splittern aus den Frachträumen vernommen. Seine Sorge war, dass Treibgut ein Loch in die Bordwand gerissen haben könnte. Nicht, weil das Schiff deswegen sinken würde, sondern, weil wertvolle Frachtkisten durch die Öffnung gerissen werden würden und der Kolonial hatte Teile seines privaten Vermögens in diesen Handel investiert. Er erwartete einen entsprechenden Gewinn, um das Anwesen seiner Familie renovieren zu können.

Seine Ahnen hatten ihr Land damals direkt von der Krone bekommen, als das Reich noch unter einem König stand. Eigentlich hatten sie ihren Stand nur einem denkwürdigen Zufall und einer folgenschweren Verwechselung zu verdanken doch im Laufe der Zeit hatten sie sich zu einem bedeutenden Geschlecht entwickelt. In jüngerer Zeit hatten unbedachte Entscheidungen das altehrwürdige Anwesen und seine Herren schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Kolonial hatte seinen Posten angenommen, um diesen Missstand zu beheben und seinem Namen zu neuem Glanz und Ruhm zu verhelfen.

Er war sich bitterlich bewusst, dass Erfolg oder Scheitern seines Vorhabens in den Kolonien über Fortbestand oder endgültigen Untergang seines Hauses entscheiden konnte. Die Kissen mussten unter allen Umständen möglichst unversehrt ihr Ziel erreichen, oder er konnte sich genauso gut hinter ihnen her in die erbarmungslosen Fluten stürzen.

Ein eisiger Schwall Seewasser schoss durch die geöffnete Luke und ließ einen jungen Thunfisch panisch zappelnd auf den Bohlen des Zwischendecks zurück. Ein ausgemergelter Matrose beobachtete ihn kurz aus der Distanz, stürzte sich dann auf ihn und ermattete in der Hoffnung, den Fisch unter seinem verbleibenden Körpergewicht zu erdrücken. Wenn sie ihn verspeisen wollten, dann mussten sie es roh tun denn auf dem ganzen Schiff war kein Feuer mehr zu entfachen. Mit dem nächsten Schwall Wasser wurde die dicke Leine mit dem Steuermann hineingezogen. Blut troff aus seiner Kleidung, wo die Seile ihn davor bewahrt hatten, vom Salzwasser von Bord gespült zu werden. Er war unterkühlt, triefnass und kaum noch als lebender Mensch zu erkennen. Seine Lippen waren aufgerissen und dünner, als ein Blatt Papier.

„Nichts. Soweit das Auge reicht, nur Wasser.“ Die dünne Stimme war brüchig und zwischen jedem zweiten Wort hustete er sich den Ozean aus den Lungen. „Ich verstehe das nicht. Wir hätten längst eine Insel oder Küste sehen müssen. Auch von anderen Schiffen ist keine Spur zu sehen. Ich fahre diese Route jetzt zum mehr als zwanzigsten Mal, in dieser Gegend ist das Meer immer etwas stürmisch, aber hier sind wir auch immer dem Konvoi der Apollon begegnet. Keine Mastspitze ist zu sehen. Sieben Schiffe sollten es sein und keines ist aufgetaucht.“

„Vielleicht haben sie den Sturm frühzeitig bemerkt und sind ihm ausgewichen oder gleich im Hafen liegen geblieben.“

„Wir wollen es ihnen wünschen. Sie bringen Erze und Metalle aus den Kolonien. Schwer, wie sie sind, wären sie in diesem Sturm mit Mann und Maus verloren.“

„Dann müssen sie im Hafen geblieben sein. Sieben Schiffe, einen solchen Blutzoll kann kein Gott unbeachtet lassen.“

Ein Schuss hallte durch das Schiff und pflanzte sich in den hölzernen Balken fort, als ein Teil der Takelage zwischen den Masten zerriss. Stumm betete der Kapitän, die Masten mögen den Sturm wenigstens überleben. Die Neptun war eines der schnellsten Schiffe der kolonialen Flotte, doch auch sie brauchte ihre Masten, um ans Ziel zu gelangen. Alles andere konnte man auch auf hoher See reparieren, sobald das Wetter aufklarte.

Ein trockenes Würgen hob sich im allgemeinen Lärm ab. Es kam aus einer dunklen Ecke am Bug. Berstendes Glas und lautes Fluchen lenkten Neugier und Aufmerksamkeit in die Richtung der Gardine aus Segeltuch, die der alte Segelmeister vor seiner Hängematte befestigt hatte. Er war also wieder bei Bewusstsein und auf der Suche nach der nächsten Flasche. Seine schwielige und knochige Hand schob die Gardine beiseite und das schiefe Gesicht des knorrigen Mannes kam zum Vorschein. Winzige, tief im Schädel liegende Augen sahen sich um.

„Himmel und Hölle stinkt das hier. Wenigstens wird der Sturm schwächer, ehe es uns noch vollends in Stücke reißt.“

Die Worte des alten Segelmeisters lösten nur Verwirrung und Kopfschütteln aus. Er musste sich seinen letzten Rest Wahrnehmung weggesoffen haben, dass er vom Ende des Sturms sprach. Doch als der Maat innehielt und lauschte, musste er sich eingestehen, dass sich die Geräusche tatsächlich geändert hatten. Viel seltener hallte das reißende Geräusch von berstendem Holz durch die Balken und auch die von der Decke baumelnden Werkzeuge und Hängematten schlugen weniger oft und weniger fest gegen die Bordwände. Selbst die Fluten brandeten nicht mehr mit jeder Welle über das Deck und ergossen sich in den Bauch des Frachters. Es sah wirklich so aus, als hätten sie es so gut wie überstanden. Jetzt dürfte ihnen in den letzten Stunden bloß kein Fehler mehr unterlaufen, dann waren sie gerettet. Verstümmelt, entstellt, halb verhungert und verdurstet aber am Leben. Die Meisten von ihnen jedenfalls.

Als wäre dies noch nicht Motivation genug gewesen, hatten die Schiffsjungen das erste Mal den Eindruck, mehr Wasser aus der Bilge hinaus zu pumpen, als nachlaufen konnte. Mit frischem Mut griffen aufgeplatzte Hände nach den splitterigen, aufgequollenen Hebeln der Pumpen und entluden ihre letzten Kräfte in die Bemühung, das geschundene Schiff wieder über die Wellen zu heben. Bis aber tatsächlich Erfolge zu sehen waren, vergingen weitere lange Stunden. Und in all dieser Zeit wurde das Heulen und Tosen sanfter und leiser.

Inzwischen war selbst der alte Segelmeister wieder in der Verfassung, seine Hängematte verlassen zu können. Kopfschüttelnd sah er sich im Schiff um und ging sicheren Schrittes über die schwankenden Decks. Hier und da fing er eine Hand voll Seewasser von den Balken und warf sie sich ins Gesicht.

„Ihr seid doch alle verrückt. Hier hätten Euch die Handschuhe zwar wohl auch nicht mehr viel geholfen aber ich an Eurer Stelle hätte es trotzdem wenigstens versucht. Nun denn, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, wie meine alte Mutter immer sagte. Dann fuhr sie zur See hinaus und kam nicht mehr wieder.“

Mit diesen Worten stieß er die Luken auf. Kalte, wohltuende Luft brach in den Bauch des Schiffes und brachte neues Leben mit sich. Er schickte sich an, die Leiter hinauf aufs Deck zu klettern, doch der Maat griff ihn am Knöchel.

„Von was für Handschuhen redest Du?“

„Die Handschuhe, die ich aus der alten Fock genäht habe. Ich habe sie Dir vor einem Monat gegeben, erinnerst Du Dich nicht mehr? Natürlich erinnerst du dich nicht mehr, sonst hätten die Jungs nicht so blutige Hände. Ein scheußlicher Anblick. Wascht die Wunden gut aus und tragt kräftig Fett auf, damit die Haut wieder etwas geschmeidiger wird. Mit diesen Händen könnt Ihr kaum die Taue zum Festmachen greifen.“

Mit diesen Worten war er in die schwarze Nacht verschwunden. Der Maat erinnerte sich tatsächlich jetzt erst an den Sack mit geölten Handschuhen, die er vor vier Wochen von dem Alten bekommen hatte. Robust und gut gearbeitet waren sie gewesen, wenn auch sehr fest. Er hatte sie ins Lager gehängt und nicht mehr weiter daran gedacht. Schließlich sollten die Leute ein Gefühl für das Material haben, das sie griffen. Als er hinter dem Segelmeister die Leiter hoch hastete, fand er nur noch ein leeres Deck vor. Hinter ihnen erhellten noch Blitze den Horizont, doch vor ihnen wartete nur endlose und abgrundtiefe Schwärze.

Als er sich suchend umblickte, fiel ihm das Loch auf, aus dem der Baum des Hauptmastes ragte. Das war also das splitternde Geräusch gewesen. Wäre da nicht das schwache Glimmen der Laterne gewesen, mit der ihm ein Matrose an Deck gefolgt war, er hätte es nicht gesehen und wäre am Ende noch hineingefallen. Er rief den Mann herüber und lies ihn in den Laderaum darunter leuchten. Der Baum hatte die Deckplatten, einige Kisten der Ladung und die Bordwand durchschlagen, ehe er sich verkeilt hatte und nun festsaß.

Wenigstens eine der festgenagelten Kisten hatte sich losgerissen und musste durch das Loch verschwunden sein. Viele Kisten waren geborsten und aus den meisten troff Wasser. Umherfliegende Splitter mussten einige der Kissen beschädigt haben. Verkrustete Daunenfedern klebten an den Wänden und schwammen in den Pfützen. Der Kolonial würde nicht glücklich sein aber nach dem, was er sehen konnte, hatte der deutlich größte Teil der Ladung die Fahrt nass aber unversehrt überstanden. Die Könige der See hatten sich dennoch nicht von ihrem Tribut fernhalten lassen.

Als später die Sonne ihr erstes zaghaftes Licht durch die Wolkendecke drücken konnte, fanden sie den Segelmeister wieder. Er saß auf dem Bugspriet und knotete die Seile der Takelage neu zusammen. Es würde nicht viel sein, aber ein wertvoller Anfang. Die Neptun hatte den Sturm überlebt, nun musste sie es nur noch in den Hafen schaffen. Die Nacht über waren keine Sterne zu sehen gewesen, genau so wenig wie nun Land oder der genaue Stand der Sonne. Niemand wusste, wo genau sie sich befanden. Die Richtung stimmte ungefähr, aber das war nicht viel wert, wenn sie sich am falschen Punkt befanden. Sie konnten nur hoffen, dass der Ausguck etwas erspähte.

Derweil schoss immer noch die See durch die Spalten in den Schiffsplatten. Gierig sogen die Männer das karge Tageslicht ein, wankten wie Untote über das Deck. Eimer um Eimer wurde das Wasser zurück ins Meer gegossen, ohne Pause und Unterlass. Der dumpfe Klang der Hämmer hallte durch jeden Hohlraum. Die laute Stimme des Zimmermanns rief Anweisungen, welches Leck wie geschlossen zu werden hatte. Er hatte es sehr eilig damit und wollte unbedingt mit einem seetauglichen Schiff in den Hafen einlaufen. Der Steuermann hielt dagegen und wollte so bald wie irgend möglich einlaufen. Im Hafen wäre es einfacher, Reparaturen vorzunehmen.

Die Sonne stand bereits tief über dem Horizont, als hysterische Schreie das ganze Schiff aufhorchen ließen. Sie kamen aus dem Krähennest an der Mastspitze, wo sich ein zitternder Schiffsjunge an das Holz des Mastes klammerte.

„Land! Da ist Land, backbord voraus! Ich sehe Berge und Bäume, da ist die Rauchfahne einer Siedlung! Land! Bei allen Göttern, seht Euch das an.“

Und tatsächlich war dort Land. Langsam kroch es über den Horizont auf die Neptun zu, kam näher und wurde in der letzten Abendsonne immer deutlicher. In der Ferne blinkte ein schwaches Licht regelmäßig vor sich hin. Ein Leuchtturm. Der Kapitän zählte leise vor sich hin und nickte dem Steuermann zu. Sie waren auf dem richtigen Kurs und an der richtigen Stelle. Angesichts des heftigen Sturmes war dies ein wahres Wunder. Wie Ameisen waren die Männer aus dem Bauch des Schiffes gekrochen und klammerten sich an die Reling. Das rettende Ufer, es schien so nah und war doch noch wenigstens eine Tagesreise entfernt.

Nur der Kolonial interessierte sich nicht für das Land. Er kletterte durch das Loch in den Laderaum hinab und begann, seine Fracht zu inspizieren. Mit tiefen Sorgenfalten hielt er die Fetzen eines seidenen Kissenbezuges in der Hand, doch je länger er zählte, um so mehr glätteten sich die Züge. Vielleicht würde er nicht reich werden, aber wenn von hier ab nun alles nach Plan lief, dann würde er sich keine Sorgen mehr um seine Gläubiger machen müssen. Er würde sie alle auszahlen können.

Es hatte drei weitere Tage gebraucht, bis der Hafen in Sicht gekommen war. Die Neptun hatte nur eine kleine Segelfläche setzen können, und kam nur mit schwacher Fahrt voran. Jetzt, wo er nichts weiter tun konnte, als warten, stand der Kolonial hauptsächlich am Bug, die Arme hinterm Rücken verschränkt, und starrte auf die nun ruhig daliegende See. Treibgut und dichte Büschel von Seegras waren die letzten Zeugen des verheerenden Sturms, und natürlich der Zustand des Schiffs. Kein einziger großer Mast war ihnen entgegen gekommen. Nur in direkter Nähe zur Küste konnte man einige Fischerbötchen sehen. Sie boten ein friedliches Bild, als wäre die Welt noch in Ordnung und als habe nie eine Gefahr für irgendwen bestanden.

Die Mannschaft kam langsam wieder zu Kräften. Sie schien sich gemeinsam mit ihrem Schiff zu erholen. Mit jedem geschlossenen Riss in der Bordwand wirkten die Männer weniger wie wandelnde Leichen, mit jedem Knoten in der Takelage kehrte die Kraft in Arme und Beine zurück. Dennoch verfehlte der Schiffszimmermann sein Ziel, die Neptun wieder voll seetauglich zu haben, bis sie in den Hafen einliefen. Sie war außer Gefahr aber immer noch reichlich geschunden.

Der Kran und ein Heer von Trägern standen am Kai bereit, als sie festmachten. Der Kolonial hatte seine Soldaten an Deck zur Inspektion antreten lassen. Sie sollten einen guten Anblick bieten, mit polierten Rüstungen und gesunden Gesichtern. Er war nicht zufrieden mit dem, was er präsentiert bekam. Seine Kompanie würde keinen beeindruckenden Eindruck hinterlassen, aber für die Wilden hier würde es hoffentlich genügen. Zerknirscht stand er an der Reling und blickte auf den Hafen hinab. Ein Anleger, einige Lagerhäuser, die Handelsstation und die Verwaltung. Nun, immerhin waren sie hier nicht in der Zivilisation. Der alte Segelmeister trat zu ihm.

„Ihr wolltet Euren Stoff über Bord gehen lassen. Den, von den kaputten Kissen. Ich habe mir erlaubt, ihn anderweitig zu verwenden.“

Mit diesen Worten reichte er ihm ein kleines Häufchen des fein bestickten Seidenstoffs. Als er ihn entfaltete, kam ein einzelner Handschuh zum Vorschein. Er blickte den Alten fragend an, aber dieser nickte nur. Als er den Handschuh über seine Rechte zog, passte er perfekt. Das Muster schmeichelte der Hand und er war ausgesprochen fein und sauber gearbeitet. Unwillkürlich spürte er eine seltsame Mischung aus Verwirrung, Freude, Tadel und Dankbarkeit in sich aufwallen.

„Der Stoff hat noch für zwei Paar Damenhandschuhe gereicht, aber dieser hier ist für Euch. Leider nur einer. Möge er Euch immer eine Mahnung sein und Euch an die Gnade der Götter mit unserem Schiff erinnern. Auf dass Ihr hoffentlich Wertschätzung entgegen bringt, woran auch immer Ihr hier Eure Hand legen mögt.“

Mit diesen Worten drehte sich der alte Mann um, verschwand in der zerstörten Kajüte und ließ den Kolonial sehr nachdenklich und in Gedanken zurück. Sein Blick wandere über die immer noch angetretene Kompanie, dann über das fremde Land mit seinen merkwürdigen und geheimnisvollen Bewohnern, welches hier vor ihnen lag.

Am Ende dieses kleinen Experiments bin ich doch erstaunt, wie lang der Text geworden ist und wie viel Spaß mir das Schreiben gemacht hat. Ich bedanke mich jedenfalls ausdrücklich bei der guten Offenschreiben für diesen „Auftrag“ und bei der ominösen Isabelle (ich kenne sie nicht direkt), für das Erschaffen dieses „Kettenbriefs“.

Die Regeln verlangen, dass ich selbst nun auch Begriffe und Nominierungen verteile. Von Nominierungen bin ich zwar nicht so der Freund, aber wenn Du möchtest, dann schreibe doch auch etwas dazu. Die Begriffe sind: Ein Raumschiff, Nebel, Licht.

Solltest Du mit machen, verlinke den Beitrag bitte hier und auf Isabelles (siehe oben) Beitrag. Viel Spaß!

Abendrot

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Blogparade: Impro-Geschichten

Offenschreiben hat mich dazu angehalten, eine Impro Geschichte zu verfassen. Ich soll drei Begriffe zu einer Geschichte verarbeiten, ohne groß darüber nachzudenken oder zu editieren. Einfach nur vor sich hinschreiben und schauen was passiert. Wenn Ihr weitere Details wissen möchtet, klickt am besten den Link da oben an. Ich muss gestehen, ich war selbst ziemlich neugierig, was dabei herum kommt und habe einfach einmal los gelegt. Meine drei Begriffe waren: Das Meer, ein Kissen und ein Handschuh. Ich hoffe, es macht euch Spaß zu lesen.

Sommerträume

Das Kissen hatte noch den Geruch des Urlaubs. Es war vollgesogen bis zum Rand mit den Aromen des Sommers. Gewürze, Blumen, Honig, süße Früchte und das salzige Meer. Wenn sie ihren Kopf hineinsinken ließ, war es fast, als würde sie wieder in der Hängematte zwischen den Palmen baumeln. Die Wellen brandeten unter ihr an den Strand und liefen sanft aus. Das ganze Bett schien sanft im warmen Wind zu schaukeln und die Decke lastete wie helle Sonnenstrahlen auf ihr. Und das, obwohl draußen dicke Schneeflocken vom Himmel fielen und im schummrigen Licht der Straßenlaternen tanzten.

Der Sommer war wirklich schon eine ganze Weile her, es war schon beinahe wieder Zeit für den nächsten. Wenn es nach ihr ging, dann konnte er gerne kommen. Aber würde sie dann auch diesen Sommer wieder mit ihrem Buch in der Hängematte verbringen können? Fernab von Telefon, Internet und irgendwem, der etwas von ihr wollte. Orangen, Kiwis und Datteln frisch vom Baum oder der Palme, ansonsten nur die kleine Hütte und die Hängematte am Meer.

Aber das war wohl ein Wunschtraum. Sie lag in keiner winzigen Hütte am Meer, sondern in ihrer Wohnung in der Stadt. Vor ihrem Fenster glühte die Straßenlaterne, unten brüllte der Verkehr schlitternd durch schmutzigen schwarzbraunen Schlamm, der einmal weißer Schnee war. Das, worauf sie sich am Winter am meisten freute, war gleichzeitig das vergänglichste. Die weiße Decke, welche alles einhüllte und jeden Makel unter sich begrub. Die jeden Laut in sich aufnahm und versiegen ließ, bis nur noch das leise Knacken unter ihren eigenen federnden Füßen zu hören war. Die unendliche Blechlawine zerstörte dieses Kissen schneller, als es nachwachsen konnte. Statt des weißen Friedens blieb nur schwarzer Dreck.

Und nichts half, sie musste dort hinaus. Es gab Termine, die sie wahrnehmen musste und Orte, an denen sie sein musste. Sie machte sich fertig, suchte dicke Klamotten heraus und fand ihren Handschuh an der Garderobe. Der Zweite hatte sich gut versteckt, sie musste eine ganze Weile danach suchen und wäre beinahe zu spät zur Türe hinaus. Sie fand ihn am Ende im Schuhregal, im Schaft eines Stiefels. Als sie ihn überstreifte, bemerkte sie, dass er offenbar einer Motte gut geschmeckt hatte. In dem wollenen Finger klaffte ein beachtliches Loch. Ein anderes Paar hatte sie aber gerade nicht zur Verfügung, es würde also auch so gehen müssen. Die Türe fiel hinter ihr ins Schloss, der Schlüssel klapperte und sie stieg in den Knöchel tiefen Schlick vor der Haustüre. Mit ganz viel Fantasie war es wie der warme Sand am Strand.

Ps: Wie, das ist Euch zu knapp gehalten und zu unkreativ? Okay, ich gebe alles zu. Das war nur ein Versuch nebenher. Als ich den Beitrag zu dieser Aufgabenstellung geschrieben habe, kam zwischenzeitlich diese Idee auf und ich habe sie eben nebenbei aufgeschrieben. Der „echte“ Beitrag folgt dann morgen und ich hoffe, Eure Geduld wird belohnt.

Seattle Golden Gardens

Hörsalgetuschel – Ausgabe 107.

Die Badezimmerchroniken Teil 1

Ärgerlich drehte Erik am Ventil und guckte zum Duschkopf hinauf. Der Deal war so simpel. Er bezahlte immer schön die Rechnungen für Gas und Wasser, dafür bekam er seine allmorgendliche heiße Dusche, die er brauchte, um dem Traumland zu entkommen. Andere Leute tranken Kaffee, er hatte seine Dusche. Heute aber hielt sich die Dusche nicht an diese Abmachung. Alles, was er bekam, waren seltsame Geräusche aus dem Gasofen in der Ecke. In seiner Not drehte er das Gas ab, stellte den Strom aus, versuchte es erneut. Kein Tropfen Wasser kam. Er stellte das Gas und den Strom wieder an, sah blinkende Lämpchen in der Anzeige, von denen er noch nie gewusst hatte, wofür sie eigentlich waren. Egal was er getan hatte, es hatte einen Teilerfolg erzielt. Es kam wieder Wasser aus der Dusche!

In seinem Rücken klapperte die Badezimmertüre. Irritiert drehte er sich um und sah Mia, die verschämt ins Bad schlüpfte und ihn mit großen Augen ansah. Ihr Blick huschte zu der dichten Dampfwolke, die aus dem Duschkopf quoll.

„Ist alles okay? Das sieht gerade nicht sehr gesund aus.“

„Die Dusche wollte kein Wasser ausspucken. Keine Ahnung, was ich gemacht habe, aber es kommt jetzt wieder welches.“

Und wie Wasser kam. Nicht viel, aber dafür heiß. Was auch immer er noch versuchte, alles was kam, war dieses kochend heiße Wasser. Er verspürte wenig Lust, da drunter zu steigen. Mia runzelte nur die Stirn und versuchte es am Waschbecken. Sie hatte sich dazu entschieden, ihm nicht zu eröffnen, dass sie ihm eigentlich unter der Dusche Gesellschaft hatte leisten wollen. Inzwischen fragte sie sich eh wieder, was sie denn dazu geritten hatte, so eine Idee ausführen zu wollen. Aus dem Waschbecken sprudelte auch lediglich heißes Wasser. Bei kaltem Wasser hingegen tröpfelte es nicht einmal mehr.

„Aber es gibt doch Wasser. Heiß geht ja, also muss es wenigstens im Haus Wasser geben. Was ist mit der Spülung? Hatte ich die nicht eben gehört? Da schien es doch zu gehen. Wieso gibt es kein kaltes Wasser?“

„Ich weiß es nicht. Offenbar ist die Leitung dicht, aber wenn es fürs Waschbecken und die Dusche ist, dann muss das irgendwo bei der Verbindung in der Wand sein. Ich wasch jetzt mal nur das Nötigste, hilft ja alles nichts, und rufe gleich mal den Vermieter an. Der soll den Klempner schicken. Willst du dann im Schwimmbad duschen gehen?“

„Ja, das werd ich wohl müssen. Oder ich lass es einfach bleiben und gehe morgen. Ich habe heute ja nur Uni.“

Sie versuchte ihren Ärger hinunter zu schlucken, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie konnte ja nicht einmal sich selbst einreden, dass sie ihm nicht gerne Gesellschaft geleistet hätte. Die Idee hatte sich in ihr festgesetzt, gebrütet und war gereift. Jetzt versuchte sie sich laufend einzureden, dass es nicht zu einem Verlangen geworden war. Dass nicht der Gedanke daran allein schon ausreichte, um sie zu erregen. Und sie versuchte sich einzureden, dass es ihr nichts ausmachte, dass die kaputte Wasserleitung ihr hier einen Strich durch die Rechnung machte. Ganz abgesehen davon galt es doch, ein etwas brüchig gewordenes Vertrauen wieder zu kitten. Vielleicht würde sie doch nachher noch ins Schwimmbad gehen und duschen. Einfach nur, damit sie sich in der Zeit in aller Ruhe ärgern konnte.

Sie würde tatsächlich losgehen und Erik würde in der Zwischenzeit den Vermieter erreichen. Er würde die Nummer vom Klempner bekommen, den er am besten gleich noch anrufen und für baldest möglich bestellen sollte. Schließlich musste das repariert werden, das war ja kein Zustand. „Machen Sie es ruhig dringend und sagen Sie, dass sie überhaupt kein Wasser mehr haben.“ Kurz darauf hatte er die Zusage des Klempners, am nächsten Tag da zu sein.

Bad1

Nachtrag Pflanzexperiment: Kartoffel

Nachdem die Pflanze komplett kollabiert ist, dachte ich mir, es wird wohl nicht mehr viel passieren und ich sehe wenigstens einmal nach, was denn der Ertrag ist. Das Ergebnis zugegebenermaßen etwas ernüchternd aber seht selbst. Zum Selbstversorger werde ich auf diese Weise jedenfalls nicht. Offenbar war die Pflanze nicht so ganz mit der Nährstoffzusammensetzung der Erde zufrieden. Der Wurzelballen hat auch nur einen kleinen Teil der Erde durchwurzelt. Zu fest kann sie jedenfalls nicht gewesen sein. Das nächste mal versuche ich es mit sandigerem Ackerboden statt Blumenerde.

Kartoffelexperiment ende

Pflanzexperiment: Kartoffel

 

Es war irgendwann im Frühjahr vor zwei Jahren, als ich neugierig wurde, ob Gemüse aus dem Supermarkt noch fruchtbar ist. Ich hatte irgendwo in einer Randbemerkung einer Doku aufgeschnappt, dass Obst und Gemüse gerne durchgehend sterilisiert werden, um länger haltbar zu bleiben. Ich besorgte mir etwas Erde, einen Setzkasten und eine Paprika aus dem Supermarkt und eine schöne Nebenbeschäftigung war geboren. Seitdem steht immer wenigstens eine Pflanze irgendeiner Art auf meiner Fensterbank. Gemeinsam haben sie bisher hauptsächlich, dass sie alle essbar sind. Verschiedene Paprika, Tomate, Basilikum, Zwiebel, Thymian, Knoblauch, und alle haben sich unterschiedlich gut entwickelt. Die besten Ergebnisse haben die Paprika erzielt

Jetzt hatte ich diesen Spätsommer die Situation, dass ich eine Kartoffel im Küchenschrank gefunden habe, die bereits eifrig gekeimt hatte. Von meiner Erde war nur noch ein Rest im Sack übrig, also habe ich mich gefragt, ob ich nicht einfach den Sack nehmen könnte, die Kartoffel dort hinein setzen und das Ganze zu den Resten der sommerlichen Tomatenzucht auf die Fensterbank setzen könnte. Erde mit genügend Nährstoffen, Licht, Wasser und moderate Temperaturen. Theoretisch müsste das doch funktionieren, oder nicht?

Ich setzte die Kartoffel ein, goss gründlich aber nicht zu gründlich (immerhin wusste ich auch nicht, wie dicht denn der Sack selbst war und ich wollte mein Zimmer nicht fluten) und fuhr über das Wochenende weg. Als ich zurückkam wartete eine kleine Überraschung. Die Pflanze hatte kräftig Gas gegeben und reckte sich mutig dem Fenster entgegen. Für etwa sechs Wochen wuchs und gedieh sie zu einer soliden Pflanze heran. Ich muss gestehen, ich habe mich etwas mit dem Wasser verschätzt. Sie ist doch sparsamer damit, als ich es von den Tomaten oder Paprika her erwartet hätte.

Doch dann kam die etwas weniger schöne Überraschung. Statt zu blühen und vielleicht sogar Früchte auszubilden, zerfällt seit einigen Tagen einfach alles. Die Blätter werden schlapp, die Stängel fallen in sich zusammen und verlieren ihre Farbe. Ich hatte im Frühjahr ein Problem mit Trauermücken aber die bin ich recht nachhaltig los geworden und seitdem ist meine Fliegenfalle weitgehend leer. Ich schließe das als Fehlerquelle einfach mal aus. Was habe ich also falsch gemacht? Sollte es der Pflanze nicht eigentlich noch gut gehen? Wie frostempfindlich sind Kartoffeln überhaupt? Sie steht immerhin direkt am Fenster, gut möglich also, dass sie da etwas kalt geworden ist. Trotz warmer Füßchen.

Falls jemand eine Idee hat, ich würde mich über Hinweise freuen. Ich verstehe leider nicht viel davon.

Kartoffelexperiment das Ende?

Hörsalgetuschel – Ausgabe 106.

Wer denn nun mit wem?

Der Herbst zeigte sich noch einmal golden aber knackig kalt. Erik und Mia trugen dicke Mäntel und Mützen aber ließen sich nicht davon abhalten, den Fluss entlang zu spazieren. Sie waren mit der Straßenbahn in den nächsten Ort gefahren, hatten sich eine Portion Pommes geteilt und waren dann den Radweg entlang Richtung Heimat spaziert. Der Wind war frisch, aber die Sonne bemühte sich, als wäre es ein Wettbewerb und verlieh dem Ganzen einen angenehm warmen Glanz. Wenn sie zu Hause angekommen waren, würde Erik eine Karaffe mit heißem Kakao machen und sich gemeinsam mit Mia, einer warmen Decke und seinen Unibüchern aufs Sofa setzen. Jedenfalls erschien ihm das gerade zu verlockend.

Mia trauerte unterdessen ihrer Badewanne bei ihren Eltern hinterher. Sie würde natürlich ebenfalls glücklich über Kakao, Kuscheldecke und Kekse sein aber eine heiße Badewanne wäre doch einfach perfekt jetzt. Mit einem glitzernden Schaumbad, was herrlich nach Herbstkräutern und Beeren duftete und vielen Kerzen. Das Schaumbad hatte sie einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen aber in der Dusche ihrer Wohnung würde das wenig Sinn ergeben.

Flos neue Wohnung würde doch eine Badewanne haben. Sie überlegte, ob sie ihm das Schaumbad nicht zum Einzug schenken sollte. Kristina würde sich sicherlich darüber freuen und die beiden würden sich schöne zwei bis drei Stunden in der Badewanne gönnen. Jedenfalls traute sie es den beiden durchaus zu, gemeinsam baden zu gehen. Sie konnte nicht einmal sagen, ob Erik mit ihr gemeinsam baden wollen würde. Er hatte immer wieder irgendwelche seltsamen Ideen, aber für sie war das nichts. Würde sie ihn überhaupt fragen, ob er mitkommen würde, wenn sie eine Badewanne hätten? Sie konnte es nicht sagen.

Dabei würde das doch sicherlich ihrer Vertrautheit zugutekommen und ihre Intimität steigern. Nach über zwei Jahren Beziehung erschien ihr dieser Gedanke das erste Mal nicht abschreckend. Ein scherzhaftes „kommst du mit?“ dann und wann von Erik, wenn er ins Badezimmer verschwand. Hatte er das wirklich nur scherzhaft gesagt, weil er wusste, dass sie ihn eh nicht begleiten wollte, oder hatte er es am Ende sogar heimlich ernst gemeint? Was würde er sagen, wenn sie das nächste Mal mit „okay“ antworten würde? Und würde sie ihn wirklich unter die Dusche begleiten wollen? Sie waren etwa gleich groß, es würde ihr also nicht nur Wasser in die Augen spritzen. Sie würden sich außerhalb des Bettes nahekommen. Der Gedanke erschien ihr aufregend und verlockend und sie fühlte sich deswegen wie ein Freak. Sie war doch kein Tier! Und doch… Sie würde den Gedanken im Hinterkopf behalten und in heimlichen Momenten damit spielen. Ein Winken im Augenwinkel erregte ihre Aufmerksamkeit.

„Sieh mal einer an, da ist Flo. Was machst du denn hier?“

Flo saß mit einem Mädchen, das Erik dunkel bekannt vorkam, auf einer Bank an der Uferpromenade.

„Hallo ihr. Na genau wie ihr das schöne Wetter genießen. Ich habe mich mit Uta getroffen, um Rezepte zu tauschen. Sie hat einige Kuchenrezepte von ihrer Oma aus Russland, die ich gerne mal ausprobieren möchte und sie wollte im Gegenzug die Rezepte von Tinas Geburtstagskuchen.“ Er wandte sich an Uta. „Erik kennst du ja, Mia noch nicht, oder? Wie auch immer, Mia, Uta. Uta, Mia. Sie ist Eriks Freundin, sofern das übersehbar war.“

Uta war sichtbar überrascht.

„Achso? Also doch nicht Tina?“

Ein Kommentar, bei dem der frische Wind Mias fröhlichen Gesichtsausdruck augenblicklich zu Eis gefrieren lies. Glitzernde Eiskristalle blickten Erik mit scharfen Spitzen an.

„Wieso denn Tina?“

„Oh, nein ich hatte nur etwas den Eindruck. An ihrem Geburtstag habt ihr recht vertraut gewirkt.“

„Interessant. Ich glaube, wir müssen mal ernsthafte Gespräche zum Thema Treue führen, so wie das hier gerade klingt.“

Flo fühlte sich genötigt, beschwichtigend einzugreifen.

„Nun ja, sie sind immerhin schon eine Weile gute Freunde, aber da ist es wohl zu einem kleinen Missverständnis gekommen. Ein Glück, dass sich das alles recht schnell geklärt hat.“

„Wieso habt ihr zwei mir eigentlich kein Wort von diesem Missverständnis gesagt? Flo, ehrlich. Ich hätte mehr von dir erwartet, als dass du ihm auch noch den Rücken deckst. Was genau ist passiert?“

„Nichts ist passiert. Die beiden haben sich unterhalten, Tina hat etwas falsch gedeutet und dein Freund hat seine Position an deiner Seite spektakulär betont.“

„Erik, was habt ihr getan?“

„Was fragst du mich? Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich einen dicken Filmriss habe. Frag Flo, der war nüchtern!“

Mia war nicht einfach sauer, sie brannte regelrecht vor Zorn. Im kalten Wetter flimmerte die Luft förmlich über ihrem Kopf. Erik war ebenfalls reichlich sauer. Er fühlte sich ungerecht behandelt und gleichzeitig ertappt. Flo war zwar am ruhigsten, aber ebenfalls sauer. Wieso wollte ihm denn niemand einmal zuhören und Glauben schenken? Nichts wirklich Relevantes war passiert! Also genau das, was er die ganze Zeit betonte. Ein durchdringender Blick lastete auf ihm, wie Röntgenstrahlen.

„Ja was denn? Ich bleib dabei. Es war ein Missverständnis und Erik hat es wieder gerade gerückt. Ende der Geschichte! Es gibt keinen Grund, jetzt weiter auf irgendjemandes Stolz herumzuhämmern und mit Vorwürfen wie mit Konfetti um sich zu schmeißen. Wenn wir uns jetzt dann wieder alle beruhigen könnten, die miese Laune geht mir auf den Sack. Dabei gibt es eigentlich eher etwas zu feiern, Kristina und ich haben nämlich den Mietvertrag unterschrieben. Wir ziehen bald zusammen.“

„Männer, ihr müsst immer alles unnötig kompliziert machen. Dann frage ich einfach Tina direkt und was das Zusammenziehen betrifft, da sagst du dann zeitig Bescheid wegen Hilfe und so. Und heute Abend kommen wir dich dann wohl mal mit einer Flasche Sekt belagern.“

Sie würde noch eine Weile schmollen und unter vier Augen versuchen, ihrem Freund weitere Details zu entlocken. Am Ende würde sie wohl tatsächlich die arme Tina in ein garstiges Kreuzverhör nehmen und am Ende trotzdem nicht schlauer sein denn Tina verfügte, wie jeder Mensch, über einen gewissen Selbsterhaltungstrieb. Für den Abend würde Flo eine Miniversion eines der Kuchen vorbereitet haben, deren Rezepte er sich von Uta hatte geben lassen. Mia und Erik begannen bereits im Vorfeld damit, Flo in der Nachbarschaft zu vermissen. Es würde dadurch schon schwerer werden, an guten Kuchen zu kommen.

Kassel 1

Den Kopf in den Wolken – Teil 4. – Ende

Die Maschine glitt lautlos über finstere Wipfel dahin. Noch ein wenig und unter ihr würde sich der Wald über einen schmalen aber besonders geraden Fluss öffnen. Die Sonne war längst über den Horizont verschwunden und hatte nur ein letztes vorsichtiges Nachglühen zurückgelassen. Ohne den Motor stand auch die Beleuchtung der Maschine nicht zur Verfügung. Er hatte das Fenster aufgeschoben und den Kopf hinaus gestreckt. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er den Wald unter sich, achtete auf jede kleine Unregelmäßigkeit und verließ sich ansonsten völlig auf sein Gefühl.

Es ließ ihn nicht im Stich. Kurz bevor ihm die Bäume den Rumpf aufgerissen hätten öffnete sich die Schneise und nahmen das Flugzeug auf. Als wäre er in ein Loch gefallen sackte das Flugzeug unter ihm weg, sackte zwanzig Meter ab, bis es sich kurz über dem Wasser fing. Eine grüne Höhle hatte ihn geschluckt. Gehetzt sah er sich um aber der Ausblick war in alle Richtungen im großen und ganzen gleich: Grün! Nur abgegrenzt von einem blauen Band oben und unten.

In keiner seiner Geschichten hatte der Abenteurer im kritischen Moment die Augen geschlossen und abgewartet. Sie hatten alle mutig die Augen nach vorne gerichtet und die Kontrolle behalten. Im Moment wünschte er sich weniges so sehr wie einfach die Augen schließen zu können. Er hatte eh nicht das Gefühl, noch die Kontrolle zu haben. Noch flog er aber so langsam wie sich der Wald neben ihm her bewegte rechnete er jeden Augenblick damit einfach ins Wasser zu fallen. Langsam aber unerbittlich kam die Flussbiegung näher, eine dunkelgrüne Wand am anderen Ufer.

Die Biegung des Flusses musste noch jung sein, auf dem Gleithang sah der Wald sehr dünn und jung aus. Heller, sandiger Boden schimmerte direkt unter der Wasseroberfläche. Er hatte gelesen, dass solche Stellen ein gutes Nachtlager bieten konnten. Er musste es nur bis dahin schaffen und die Maschine wurde langsamer und langsamer.

Herzschlag.

Im Fluss tauchte eine Sandbank auf. Im schwachen Dämmerlicht war sie kaum aus zu machen.

Herzschlag.

Die Räder berührten das Wasser, schüttelten das kleine Flugzeug kräftig durch.

Herzschlag.

Er zog am Steuerhorn. Das Fahrwerk hob sich für einen Moment aus dem Wasser.

Herzschlag.

Die Nase des Flugzeugs hob sich, er konnte Sterne am Himmel sehen.

Herzschlag.

Ein Schock ging durch das Flugzeug, begleitet von spritzendem Wasser. Dann stand alles still.

Herzschlag.

Es war leise. Alles was er hörte war das Pochen seines Herzens und das Rauschen des Blutes in seinen Adern. Gedämpft drangen die Geräusche des Waldes zu ihm durch. Er lebte!

Direkt vor ihm hob sich der Wald in den Himmel. Wie durch ein Wunder hatte er genau die kleine Lichtung im Gleithang der Flussschleife getroffen. Das Flugzeug war auf den ersten Blick heile geblieben und stand sicher auf dem Trockenen. War das, was die Abenteurer in den Büchern immer als geniale Fähigkeiten bezeichneten? War ihr Mut am Ende hauptsächlich Glück und die Tatsache, dass sie einfach keine andere Wahl gehabt hatten?

Er stieß dir Kabinentür auf und sog die feuchte, warme Luft ein. Er lebte, wenigstens für den Moment. Inzwischen war es so dunkel geworden, dass er draußen nichts mehr erkennen konnte. Weitere Erkundungen mussten bis morgen warten. Im Licht seiner Taschenlampe fand er eine Kerze und Schreibpapier. Jetzt war seine Zeit gekommen, seine eigene Abenteuergeschichte zu schreiben. Alles was er erlebt hatte und noch erleben sollte, er wollte es festhalten. Solange das Flugzeug auch noch heile war, konnte er es immer noch wieder nach Hause schaffen. Vorausgesetzt, er wollte überhaupt noch zurück dahin.

Zuhause warteten seine Bücher auf ihn. Hier wartete das auf ihn, was noch nicht in den Büchern drin stand. Hier war das Abenteuer, was er sich so oft gewünscht hatte und wofür er sich in den letzten Stunden so oft verflucht hatte. Er hatte das Gefühl nicht am Ende sondern am Anfang seiner Reise zu stehen.

Ostrach