Hörsaalgetuschel – Ausgabe 104.

Kriesengespräche

„Also, es brennt bei dir?“

Flo hatte Erik angerufen, nachdem er von Kristina zurückgekommen war und Erik hatte beschlossen, einfach auf ein Bier oder zwei vorbei zu kommen. Er hatte es sogar selbst mitgebracht und etliche für Flo gleich mit. Die Frage beantwortete er mit einem unbestimmten Schulterzucken und einem tiefen Schluck aus der Flasche.

„Wie lief eure Besichtigung? Ihr wolltet doch gestern diese Wohnung angesehen haben, oder habe ich das falsch verstanden? Ist sie gut?“

„Oh ja, ist sie. Gestern war der Termin und es ist schon echt schick. Alles noch recht neu und in gutem Zustand, der Schnitt ist super und die Lage sogar noch besser. Zentral gelegen, alles zum Einkaufen in vielleicht fünf Minuten Fußweg zu erreichen und der Bus fährt quasi vor der Tür. Eine gute Küche gehört sogar zur Wohnung dazu. Zum Bahnhof kann man auch laufen.“

„Und die Miete kostet die Arme, Beine und das Erstgeborene.“

„Kann man so sagen, muss man aber nicht. Der Quadratmeter kostet etwas weniger als die Miete hier und das ist als Wohnheim bezuschusst. Ich glaube, viel preiswerter kommen wir nirgends mehr unter.“

„Klingt wirklich ziemlich perfekt. Dann drück ich euch die Daumen, dass ihr die Wohnung auch bekommt. Und dafür, dass ihr dann am Ende auch in eurer Beziehung bekommt, was ihr wollt. Zusammenzuziehen ist wohl für jede Beziehung ein ziemlicher Stresstest. Plötzlich gibt es keinen Rückzugsraum mehr, und auch wenn man vorher glaubte, einen gemeinsamen Alltag zu haben, merkt man jetzt, dass doch alles anders ist.“

„Klingt fast so, als würdest du mich warnen wollen. Ist bei Mia und dir alles in Ordnung?“

Erik nahm einen weiteren tiefen Schluck, guckte kurz in die Flasche und leerte sie mit dem nächsten Zug.

„Ich weiß es nicht genau. Das müsstest du wohl Mia fragen. Sie ist diejenige bei uns, die Pläne und Vorstellungen hat. Ich habe bisher halt immer gut da hineingepasst.“

„Bisher? Wieso denn jetzt nicht mehr?“

„Sag du es mir. Ich glaube fast, du hast da mehr Ahnung als ich. Was habe ich getan? Wird sie mich dafür umbringen?“

Da war es also. Er hatte sich doch noch weiter Gedanken gemacht und sich nicht auf Flos Beruhigungsversuche vom letzten mal verlassen wollen. Immerhin wollte er nun doch darüber reden.

„Ich nehme an, du hast mit Tina geredet? Was hat sie dir denn gesagt?“

„Gesagt ist das falsche Wort. Eher angedeutet würde ich sagen, und ich habe keine Ahnung, wie ich es deuten soll. Aber offenbar ist etwas vorgefallen, worüber niemand wirklich reden möchte und in meinem Falle kann das nur richtig dicken Ärger bedeuten. Darum die Frage: Was habe ich getan?“

„Du hast dir massiv die Birne weggesoffen, das hast du getan. Darüber ist Mia reichlich angefressen aber sie wird dich nicht umbringen.“

„Für Birne weggesoffen bekomme ich aber keine Vorladung zum Vieraugengespräch von Tina und werde von ihr ausgefragt, was passiert ist, obwohl sie sich ganz offenbar gut daran erinnern kann. Du warst weitgehend nüchtern.“

Was sollte er nun tun? Sein Plan, nur so viel an Informationen durchzugeben, wie unbedingt nötig war, war nicht aufgegangen. Sollte er sich eine beruhigende Lüge ausdenken oder es mit der Wahrheit versuchen? Die Wahrheit würde Erik allerdings bitter treffen und es würde zwangsläufig bis zu Mia durchdringen. Sie würde bemerken, dass Erik durch etwas schwer belastet war, wenn sie es nicht schon lange bemerkt hatte, und sie würde sehr hartnäckig sein. Vor allem würde sie sich Tina gegenüber nicht gnädig zeigen, dass sie sich an ihrem Freund vergriffen hatte.

Andererseits, Erik hatte streng genommen wirklich nichts getan. Worüber musste er sich also Sorgen machen? Es gab nichts, was auf ihm lasten und was er entsprechend Mia beichten müsste. Die Wahrheit wäre also für ihre Beziehung die sicherste Wahl. Die Beziehung zwischen Erik und Tina würde so oder so einen empfindlichen Schlag bekommen. Tina hatte die Karten auf den Tisch gelegt. Alle!

„Also gut. Ihr habt euch eine Weile unterhalten und Tina hat sich versucht, dir anzunähern. Recht offensiv und deutlich und du hast sie ebenso deutlich abblitzen lassen. Die genauen Details sind unwichtig. Ich habe mit Tina im Anschluss geredet, eure Fronten sind deutlich geklärt.“

„Sind sie das also? Was hat sie sich davon erhofft? Wieso hat sie das versucht? Was soll sowas?“

„Sie hat es für eine grandiose Idee gehalten. Und erhofft hat sie sich tatsächlich nichts. Sie geht davon aus, dass ihr bald heiraten werdet.“

„Verarschst du mich? Das wäre doch gerade ein Grund mehr, nichts zu tun. Es sei denn… oh.“

„Jupp, oh.“

Erik schien langsam zu verstehen. Er hatte ihre Fronten immer für geklärt gehalten und hatte nie bemerkt, dass es tatsächlich einiges gab, was er nie mitbekommen hatte. Er leerte seine neue Flasche und wusste, dass er mal wieder zu viel getrunken hatte. Morgen würde er einen Kater und sehr müde Augen haben. Und für die Nacht eine unzufriedene Freundin, die seinen verstärkten Bierkonsum nicht gutheißen wollte. Flo hatte ihm mehr gesagt, als er wollte und für nötig gehalten hatte. Was sein Freund nun mit diesen Informationen machte, war ganz ihm überlassen.

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6 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 104.

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