Den Kopf in den Wolken – Teil 3.

Über seine panischen Grübeleien hatte er nicht einmal mitbekommen, dass der Motor seinen Dienst eingestellt hatte. Die Tankanzeige zeigte einen leeren Treibstofftank an und von den Ventilen des Motors hingen dicke Eiszapfen. Alles was ihm noch blieb, war der Gleitflug. Er sah hinunter und stellte erleichtert fest, dass er die Küste bereits überflogen hatte. Wenigstens theoretisch musste sich der Rückenwind an den Berghängen hinauf drücken und ihm zusätzlichen Auftrieb liefern. Damit musste er es über den Pass schaffen. Die Gipfel ragten schier endlos links und rechts von seiner Route in den dunkelblauen Himmel.

Schwere Wolken unter ihm zeigten unruhiges Wetter an. Scharfkantig und aufgeplustert wuchsen sie schnell nach oben. Er würde aufpassen müssen, dass er nicht zu stark an Höhe verlor und in eine hinein geriet. Unkontrollierbare Winde und Hagel würde das Flugzeug um ihn herum in Fetzen reißen, das hatte er einmal in einem Buch gelesen. Er brauchte die volle Konzentration, von Müdigkeit war keine Spur mehr. Auch wenn ihm jeder Knochen im Leib schmerzte, er riss sich zusammen und packte mit bestimmten Griff das Steuer.

Was tat er hier eigentlich? Was bezweckte er damit? Er hatte ein Abenteuer gesucht und das hier war es nun. Hätte er vorher gewusst, was ein Abenteuer ist, er wäre wohl nie gestartet aber er kannte sie nur aus seinen Büchern und dort klang das alles immer harmlos. Natürlich waren die Helden regelmäßig in Lebensgefahr aber nach fünf Seiten hatten sie die Situation immer gemeistert und konnten stolz von ihren Heldentaten berichten. Nur hier waren keine Seiten, das hier war echt! Und er war kein Held. Wenn er das hier überstand vielleicht aber noch war er nur ein leichtsinniger Junge aus der Vorstadt, der zu viele Geschichten gelesen hatte, dem seine Fantasie durchgegangen war und der seine Träume jagen wollte. Dann wollte er mal genau das tun.

Zaghaft rührte er am Steuer und fand einen Aufwind. Das Flugzeug legte sich in die Kurve, drehte ein paar Kreise in der Strömung um Höhe zu gewinnen und suchte dann nach dem nächsten Aufwind, etwas weiter zwischen den Bergen. Noch gab es einige restliche Sonnenstrahlen aber der Boden selbst lag bereits zum größten Teil im Schatten. Wenn die Sonne einmal über den Horizont war, würde es kaum noch gute Aufwinde geben, er durfte also nicht trödeln.

Immer mutiger wurden seine Sprünge von Aufwind zu Aufwind und immer näher kam der Boden. Urwaldriesen reckten sich nach seiner Unterseite doch irgendwie gelang es ihm immer wieder einen günstigen Wind zu finden. Die Eiszapfen waren inzwischen alle wieder ab getaut aber der Tank leider immer noch leer. Darum würde er sich sowieso später kümmern müssen. Im Moment konzentrierte er sich total auf seinen Gleitflug. Sein Puls raste und sein Herz machte Anstalten, ihm aus der Brust zu springen. Die Gipfel lagen inzwischen hinter ihm und der Pass fiel zum Tal hin ab. Er war in seiner neuen Welt angekommen und begutachtete sie aus dem Fenster.

In den letzten Strahlen der Abendsonne erstreckte sich ein dichter Wald von Horizont zu Horizont. Unterbrochen nur von feinen Flüssen, die sich in kleinen Seen sammelten und sich letztendlich zu einem großen Strom vereinten, der ins Landesinnere abfloss. Der Anblick war enorm, raubte ihm den Atem und zog ihn völlig in seinen Bann. Ein unbekanntes Land voller Faszinationen, Geheimnisse, Abenteuer und Träumen. Mehr Möglichkeiten als er sich je hätte träumen lassen erschienen vor seinen Augen und mehr benennbare Punkte, als ihm Namen einfallen wollten. Es war wirklich eine neue Welt.

Nur eine Frage stellte sich ihm. Wo um alles in der Welt sollte er hier Landen? Es gab keine Lichtungen, die ausreichend groß waren, die waldfreien Berghänge waren viel zu steil und die einzigen freien Flächen, die groß genug waren, waren von Wasser bedeckt. Da hätte er auch genau so gut auf dem offenen Ozean landen können.

Gut, hier konnte er ans Ufer schwimmen, wenn der die Landung überlebte. Und wenn sein Flugzeug nicht völlig zerbrach, konnte er sogar einige Teile seiner Ausrüstung retten. Er sah sich die Gegend noch einmal genauer an und versuchte seine Möglichkeiten abzuschätzen. Jetzt musste er ein Abenteurer sein, wie in seinen Büchern. Als solcher musste er zuerst einmal eines können, und zwar überleben. Alles andere würde von alleine kommen.

Ostrach

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