Hörsaalgetuschel – Ausgabe 105.

Zweifel

„Schatz, ich habe dir eine Mail geschickt. Eine Liste mit Dokumenten, die ich von dir noch möglichst schnell brauche.“

Kristina hielt sich am Telefon nicht mit Floskeln auf. Sie kam lieber gleich zum Punkt, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab. Effizienz über Form, keine Zeit für hohle Phrasen vergeuden. Für Flo ein unmissverständliches Zeichen, dass es nicht die Zeit für romantische Scherze, sondern strikte Aufmerksamkeit war.

„Kann ich erst in etwa zehn Minuten nach sehen. Reicht das auch dann noch? Worum geht es denn überhaupt? Muss ich die Unterlagen erst besorgen?“

„Nein, die müsstest du alle da haben. Es geht nur darum, dass ich schon einmal alles für den Mietvertrag zusammenhaben möchte. Nur für alle Fälle. Kopie vom Ausweis, Bürgschaften, Gehaltsnachweise, solche Sachen halt. Aber wenn ich das erst morgen oder übermorgen habe, ist das auch alles nicht so wild. So bald rechne ich noch mit keiner Antwort.“

Der Tatendrang rührte also in diesem Fall von Ungeduld her. Flo beneidete seine Freundin um ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren und geradeaus zu erledigen, was erledigt werden musste. Keine Ablenkung am Wegesrand, keine Zerstreuung in schönen Tagträumen. Konnte man so etwas lernen? Er würde einiges dafür geben, weniger Zeit mit seinen Dokus zu verbringen, nach denen er regelrecht süchtig war. Natürlich waren sie auch lehrreich, aber wieso sollte er wissen, welche Frau wie viele Kinder mit Karl dem Großen hatte, dass Kaiser Nero beträchtlichen Aufwand betreiben ließ, um seine Dienerschaft in Tunnel zu verbannen und so schöne ruhige Parkanlagen als Vorgarten aufweisen zu können oder dass moderne Atom-U-Boote so lange mit einer „Tankfüllung“ auskamen, dass sie es nicht nutzen könnten, weil die Besatzung vorher verhungern würde, weil nicht genug Proviant gebunkert werden konnte? So etwas brachte einen nicht weiter.

Und doch konnte er einfach nicht anders. Ein Bier, ein Sessel und eine Doku im Fernsehen, das war zur Routine geworden. Es beruhigte und streichelte die Seele, half ihm, die Welt für eine Zeit auszublenden. Und das, obwohl die Dokus teilweise echt Wissen in miesester Qualität boten. Aber konnte das so bleiben? Er wollte mit der Frau zusammenziehen, die er unsäglich liebte. Dann würde seine Routine Risse bekommen müssen. Natürlich konnten sie gemeinsam auf dem Sofa sitzen, ihr Bier trinken und Dokus gucken aber nicht immer und zu jeder Zeit.

Es würde Aufgaben geben, die zu erledigen sind und Nüchternheit voraussetzten. Mehr Räume, die geputzt werden mussten. Mehr Zeit, die in der Bahn verbracht wurde. Ein größerer Kühlschrank, den es zu füllen gab. Und ganz abgesehen davon sollte er wahrscheinlich seinen Alkoholkonsum gründlich zurückschrauben und fleißiger sein. War er dazu bereit? Es war eine sehr lange Liste von Dingen, an denen er arbeiten musste. All das, um ein harmonisches Zusammenleben zu gewährleisten. Zu Hause hatte er diese Harmonie nicht gekannt. Es wäre etwas Neues, was er dennoch unbedingt haben wollte. Seine eigene Familie.

Eine weitere Erkenntnis, seine Familie. Wenn sie zusammenlebten, und die Wohnung hatte einen Raum übrig, dann wäre eine Familie mit Nachwuchs quasi in greifbarer Nähe. War das Kristinas Ziel? War das sein Ziel? Könnte er damit umgehen? Wollte er das wirklich? Tausend Fragen rieselten durch seinen Kopf, ohne dass er sie beantworten konnte oder wollte. Plötzlich kam er sich noch einmal fünf Jahre älter vor, als er eh schon war. In seinem Wohnheimzimmer waren solche Gedanken nie notwendig gewesen und hatten sich von Anfang an ausgeschlossen.

Er bemerkte, dass er leicht zitterte, obwohl ihm überhaupt nicht kalt war. Musste man frieren, um kalte Füße zu bekommen? Die Feuchtigkeit auf seiner Haut war Schweiß und sicherlich nicht die Reste von dem Sprung ins kalte Wasser, der ihm überhaupt erst bevorstand. Natürlich, seine Freundin würde ihn auffangen, dennoch war er irgendwo zwischen ängstlich und beunruhigt. War es zu spät für einen Rückzieher?

Ja, natürlich war es das. Kristina wäre schrecklich enttäuscht, und wenn das alleine nicht schon reichen würde, er wusste genau, dass er es zutiefst bereuen würde. Innerlich hatte er sich längst entschlossen. Er hatte einfach nur viel zu lange alleine gelebt und sich in seinen Routinen festgefressen. Mit Kristina zusammenzuziehen kam gewissermaßen einem gewaltsamen Ausbruch gleich.

Flo leerte die Tasse mit heißem Kakao, die er sich eben gemacht hatte, ohne es überhaupt zu registrieren. Auf seinem Monitor blinkte die Mail mit den benötigten Dokumenten und sein Telefon teilte ihm mit, dass Nachrichten auf ihn warteten. Heute war er wohl ausgesprochen begehrt.

Die erste Nachricht war von Mia. Sie hatte sich zur Abwechslung einmal entschieden, für eine dringende Frage nicht vorbei zu kommen. Als er ihre Nachricht las, wunderte er sich darüber sehr. Sie wollte wissen, ob er in letzter Zeit einmal mehr mit Erik geredet hätte. Er verhielt sich ihr gegenüber etwas seltsam und sie machte sich Sorgen. Ob er nicht etwas wüsste oder ihr sagen könnte, wie sie ihm helfen könnte. Offenbar war ihre Sorge echt, sonst wäre sie nicht ansatzweise so offen fürsorglich.

Die zweite Nachricht kam von Kristina und war sehr viel kürzer.

„Beeil dich mit den Unterlagen, wir haben die Wohnung. Melde mich später.“

Und die Achterbahn der Gefühle rollte erneut los, diesmal mit Raketenantrieb.

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