Hörsalgetuschel – Ausgabe 106.

Wer denn nun mit wem?

Der Herbst zeigte sich noch einmal golden aber knackig kalt. Erik und Mia trugen dicke Mäntel und Mützen aber ließen sich nicht davon abhalten, den Fluss entlang zu spazieren. Sie waren mit der Straßenbahn in den nächsten Ort gefahren, hatten sich eine Portion Pommes geteilt und waren dann den Radweg entlang Richtung Heimat spaziert. Der Wind war frisch, aber die Sonne bemühte sich, als wäre es ein Wettbewerb und verlieh dem Ganzen einen angenehm warmen Glanz. Wenn sie zu Hause angekommen waren, würde Erik eine Karaffe mit heißem Kakao machen und sich gemeinsam mit Mia, einer warmen Decke und seinen Unibüchern aufs Sofa setzen. Jedenfalls erschien ihm das gerade zu verlockend.

Mia trauerte unterdessen ihrer Badewanne bei ihren Eltern hinterher. Sie würde natürlich ebenfalls glücklich über Kakao, Kuscheldecke und Kekse sein aber eine heiße Badewanne wäre doch einfach perfekt jetzt. Mit einem glitzernden Schaumbad, was herrlich nach Herbstkräutern und Beeren duftete und vielen Kerzen. Das Schaumbad hatte sie einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen aber in der Dusche ihrer Wohnung würde das wenig Sinn ergeben.

Flos neue Wohnung würde doch eine Badewanne haben. Sie überlegte, ob sie ihm das Schaumbad nicht zum Einzug schenken sollte. Kristina würde sich sicherlich darüber freuen und die beiden würden sich schöne zwei bis drei Stunden in der Badewanne gönnen. Jedenfalls traute sie es den beiden durchaus zu, gemeinsam baden zu gehen. Sie konnte nicht einmal sagen, ob Erik mit ihr gemeinsam baden wollen würde. Er hatte immer wieder irgendwelche seltsamen Ideen, aber für sie war das nichts. Würde sie ihn überhaupt fragen, ob er mitkommen würde, wenn sie eine Badewanne hätten? Sie konnte es nicht sagen.

Dabei würde das doch sicherlich ihrer Vertrautheit zugutekommen und ihre Intimität steigern. Nach über zwei Jahren Beziehung erschien ihr dieser Gedanke das erste Mal nicht abschreckend. Ein scherzhaftes „kommst du mit?“ dann und wann von Erik, wenn er ins Badezimmer verschwand. Hatte er das wirklich nur scherzhaft gesagt, weil er wusste, dass sie ihn eh nicht begleiten wollte, oder hatte er es am Ende sogar heimlich ernst gemeint? Was würde er sagen, wenn sie das nächste Mal mit „okay“ antworten würde? Und würde sie ihn wirklich unter die Dusche begleiten wollen? Sie waren etwa gleich groß, es würde ihr also nicht nur Wasser in die Augen spritzen. Sie würden sich außerhalb des Bettes nahekommen. Der Gedanke erschien ihr aufregend und verlockend und sie fühlte sich deswegen wie ein Freak. Sie war doch kein Tier! Und doch… Sie würde den Gedanken im Hinterkopf behalten und in heimlichen Momenten damit spielen. Ein Winken im Augenwinkel erregte ihre Aufmerksamkeit.

„Sieh mal einer an, da ist Flo. Was machst du denn hier?“

Flo saß mit einem Mädchen, das Erik dunkel bekannt vorkam, auf einer Bank an der Uferpromenade.

„Hallo ihr. Na genau wie ihr das schöne Wetter genießen. Ich habe mich mit Uta getroffen, um Rezepte zu tauschen. Sie hat einige Kuchenrezepte von ihrer Oma aus Russland, die ich gerne mal ausprobieren möchte und sie wollte im Gegenzug die Rezepte von Tinas Geburtstagskuchen.“ Er wandte sich an Uta. „Erik kennst du ja, Mia noch nicht, oder? Wie auch immer, Mia, Uta. Uta, Mia. Sie ist Eriks Freundin, sofern das übersehbar war.“

Uta war sichtbar überrascht.

„Achso? Also doch nicht Tina?“

Ein Kommentar, bei dem der frische Wind Mias fröhlichen Gesichtsausdruck augenblicklich zu Eis gefrieren lies. Glitzernde Eiskristalle blickten Erik mit scharfen Spitzen an.

„Wieso denn Tina?“

„Oh, nein ich hatte nur etwas den Eindruck. An ihrem Geburtstag habt ihr recht vertraut gewirkt.“

„Interessant. Ich glaube, wir müssen mal ernsthafte Gespräche zum Thema Treue führen, so wie das hier gerade klingt.“

Flo fühlte sich genötigt, beschwichtigend einzugreifen.

„Nun ja, sie sind immerhin schon eine Weile gute Freunde, aber da ist es wohl zu einem kleinen Missverständnis gekommen. Ein Glück, dass sich das alles recht schnell geklärt hat.“

„Wieso habt ihr zwei mir eigentlich kein Wort von diesem Missverständnis gesagt? Flo, ehrlich. Ich hätte mehr von dir erwartet, als dass du ihm auch noch den Rücken deckst. Was genau ist passiert?“

„Nichts ist passiert. Die beiden haben sich unterhalten, Tina hat etwas falsch gedeutet und dein Freund hat seine Position an deiner Seite spektakulär betont.“

„Erik, was habt ihr getan?“

„Was fragst du mich? Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich einen dicken Filmriss habe. Frag Flo, der war nüchtern!“

Mia war nicht einfach sauer, sie brannte regelrecht vor Zorn. Im kalten Wetter flimmerte die Luft förmlich über ihrem Kopf. Erik war ebenfalls reichlich sauer. Er fühlte sich ungerecht behandelt und gleichzeitig ertappt. Flo war zwar am ruhigsten, aber ebenfalls sauer. Wieso wollte ihm denn niemand einmal zuhören und Glauben schenken? Nichts wirklich Relevantes war passiert! Also genau das, was er die ganze Zeit betonte. Ein durchdringender Blick lastete auf ihm, wie Röntgenstrahlen.

„Ja was denn? Ich bleib dabei. Es war ein Missverständnis und Erik hat es wieder gerade gerückt. Ende der Geschichte! Es gibt keinen Grund, jetzt weiter auf irgendjemandes Stolz herumzuhämmern und mit Vorwürfen wie mit Konfetti um sich zu schmeißen. Wenn wir uns jetzt dann wieder alle beruhigen könnten, die miese Laune geht mir auf den Sack. Dabei gibt es eigentlich eher etwas zu feiern, Kristina und ich haben nämlich den Mietvertrag unterschrieben. Wir ziehen bald zusammen.“

„Männer, ihr müsst immer alles unnötig kompliziert machen. Dann frage ich einfach Tina direkt und was das Zusammenziehen betrifft, da sagst du dann zeitig Bescheid wegen Hilfe und so. Und heute Abend kommen wir dich dann wohl mal mit einer Flasche Sekt belagern.“

Sie würde noch eine Weile schmollen und unter vier Augen versuchen, ihrem Freund weitere Details zu entlocken. Am Ende würde sie wohl tatsächlich die arme Tina in ein garstiges Kreuzverhör nehmen und am Ende trotzdem nicht schlauer sein denn Tina verfügte, wie jeder Mensch, über einen gewissen Selbsterhaltungstrieb. Für den Abend würde Flo eine Miniversion eines der Kuchen vorbereitet haben, deren Rezepte er sich von Uta hatte geben lassen. Mia und Erik begannen bereits im Vorfeld damit, Flo in der Nachbarschaft zu vermissen. Es würde dadurch schon schwerer werden, an guten Kuchen zu kommen.

Kassel 1

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsalgetuschel – Ausgabe 106.

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s