Blogparade: Impro-Geschichten. In Echt jetzt!!

Hier dann jetzt der richtige Beitrag zu dieser Aktion. Betrachtet den Letzten einfach als eine Art Teaser, der euch hoffentlich auch gefallen hat aber nicht völlig satt gemacht hat sondern immer noch genug Hunger auf mehr gelassen hat.

Offenschreiben hat mich dazu angehalten, eine Impro Geschichte zu verfassen. Ich soll drei Begriffe zu einer Geschichte verarbeiten, ohne groß darüber nachzudenken oder zu editieren. Einfach nur vor sich hinschreiben und schauen was passiert. Wenn Ihr weitere Details wissen möchtet, klickt am besten den Link da oben an. Ich muss gestehen, ich war selbst ziemlich neugierig, was dabei herum kommt und habe einfach einmal los gelegt. Meine drei Begriffe waren: Das Meer, ein Kissen und ein Handschuh. Ich hoffe, es macht euch Spaß zu lesen. Ich hatte jedenfalls Spaß beim Schreiben (auch wenn das nicht überall durch scheint).

Neptuns Tribut

Der Kolonial konnte nicht mehr sagen, ob es Tage oder Wochen gewesen waren, die der Sturm das Schiff durch die Wellen geschleudert hatte. Es fühlte sich jedenfalls an, als seien es bereits Monate. Die Neptun war zwar nicht das größte, aber dennoch ein solides und ansehnliches Schiff in der Kolonialflotte des Kaiserreichs. Nur der Meeresgott selbst schien den Namen und das Schiff selbst als eine Beleidigung zu empfinden und machte die Reise zur Hölle auf Erden selbst. Welle für Welle spülte über das hohe Deck, als wäre es ein flacher Strand, und riss alles mit sich in die Tiefen der See, was nicht gründlich und gewissenhaft festgenagelt war.

Für den Laderaum kam jede Rettung zu spät. Die Besatzung hatte alle Luken mit Pech und Lumpen versiegelt, doch das hatte nur die ersten Stunden geholfen. Wellen, hoch wie das Schiff selbst, hatten die Neptun dermaßen brutal herumgeschleudert, dass selbst der Kapitän Angst zeigte, es würde ihm die Deckplanken unter den Füßen zerreißen. Die Schiffsjungen hatten die Lenzpumpen in der Bilge seit Tagen nicht mehr alleine lassen können. Unterstützt wurden sie von den Soldaten des Kolonials, aber auch ihre Hände verwandelten sich mit der Zeit in blutige Fetzen. Von überallher schoss die salzige See in den Segler und durchweichte alles.

Man hätte meinen wollen, dass die Wassermassen den Gestank nach Exkrementen, Erbrochenen und Blut verdünnen und hinauswaschen würde. Stattdessen verteilte sich die klebrige Brühe überall und setzte sich auf allen Oberflächen fest. Niemand wagte sich an Deck, um die vollen Eimer zu leeren. Es brauchte allein fünf Mann und schwere Leinen, nur um den Steuermann abzulösen, ohne jemanden zu verlieren. Kapitän und Kolonial hatten ihre Kabinen auf dem Oberdeck übereilt aufgeben müssen, nachdem bereits die ersten Ausläufer des Sturmes die kunstvollen Glasfenster zertrümmert hatten.

Nur einen schien diese Hölle nicht aus der Ruhe zu bringen. Der Segelmeister, ein alter Seebär, der bereits mehr Jahre auf Segelschiffen verbracht hatte als der Kolonial alt war, hatte beim Anblick der Wolkenfront am Horizont alle Segel sichern und verstauen lassen, hatte sich anschließend in seiner Hängematte festgebunden und zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Alle paar Stunden kam er kurz zu sich, aß einen Kanten trockenes Brot und soff sich zurück ins Nirwana, sobald er registriert hatte, dass das Unwetter noch tobte und das Schiff noch nicht völlig zerfallen war.

„Ich lasse ihn auspeitschen. Sobald wir das überlebt haben, lasse ich ihn auspeitschen.“

Der Maat tobte und fluchte, dass selbst die Schiffskatze kurz davor war, sich zu bekreuzigen. Es frustrierte ihn zutiefst, dass es ihm selbst vergönnt war, sich dem Sturm zu entziehen, wie es der alte Segelmeister tat. Fast noch mehr aber ärgerte ihn, dass er seine Drohung nach dem Sturm nicht einmal wahr machen konnte. Wenn das Schiff überlebte, würden sie den Segelmeister brauchen. Und zwar gesund und unverletzt. Die Takelage würde ein einziges Durcheinander sein und in Fetzen hängen und er war nach dem Schiffszimmermann der Einzige, der sich wirklich damit auskannte. Der Zimmermann hingegen würde dafür sorgen müssen, dass die Neptun wieder dicht genug wurde, um es bis zum nächsten Hafen zu schaffen.

Möglicherweise war inzwischen der dritte Tag im Sturm angebrochen. Genauso gut konnte es auch bereits der Fünfte sein, niemand vermochte es zu sagen, denn die Sonne schaffte es mit keinem Lichtstrahl hinab. Lediglich die Unmengen von Blitzen erhellten den Horizont, welcher rundherum ein einheitliches Gebirge aus Wasser und Gischt zeigte. Die Mannschaft war hoffnungslos übermüdet und ausgemergelt. Zwieback und Wasser gaben ihr nicht mehr genug Kraft und ein Seemann nach dem anderen brach zusammen und musste in seine Hängematte gebunden werden. Die Götter der See forderten ihren Tribut in Blut.

„Wir werden das Wasser nicht mehr los. Es ist überall. So sehr wir auch Pumpen, wir sind zu schwer.“

Es war leicht, das Gefasel des Matrosen als Fiebertraum abzutun. Er war völlig ausgemergelt, die ledrige Haut blass wie ein Leichentuch, die Augen Blut unterlaufen, glasig und schwarz wie die aufgewühlte See. Die Männer verhungerten vor vollen Tellern. Niemand vermochte in dieser See sein Essen bei sich zu behalten und in den zertrümmerten Fässern war kaum noch genug Trinkwasser, um den staubigen Zwieback hinunter zu spülen.

„Die Ladung zieht uns alle in den Tod. Wir müssen uns retten und sie über Bord werfen.“

Der Kolonial hätte niemals ein Gesicht zu diesen Worten ausmachen können, die da aus der breiigen Masse der erschöpften Seeleute kam. Aber sie brachten wieder neues Leben in ihn und entfachten ungekannte Wut in ihm.

„Diese Fracht ist überhaupt erst der Grund für unsere Reise. Niemand legt auch nur einen Finger an sie oder Euer aller Heuer ist gestrichen. Für diese Fahrt und für alle, die da kommen mögen.“

„Es obliegt nicht Euch, hier irgendjemandes Heuer zu streichen, Kolonial. Ehe mir die See mein Schiff raubt, gebe ich lieber die Ladung auf. Aber falls es Euch beruhigt, bei diesem Sturm ist es uns unmöglich, die Luken zu öffnen und diese Tat zu überleben. Eure kostbare Ladung ist also fürs Erste sicher. Ich hoffe nur, sie ist es auch wert.“

Die leise gebrummten Worte des Kapitäns waren im Tosen des Unwetters kaum zu verstehen. Seine Laune war miserabel, nicht nur, weil er sich um Schiff und Mannschaft sorgte, sondern auch, weil das eindringende Wasser seinen Tabak durchnässt hatte und er es nicht zustande brachte, seine Pfeife zu entzünden. Dennoch blieb er weiterhin hart aber absolut gerecht und bot seiner Besatzung einen Ruhepol und Anker in dieser schweren Zeit. Wenn er sprach, breitete sich Ruhe aus und nur geflüsterte anonyme Stimmen folgten seinen Worten.

„Was ist überhaupt drin, in dieser kostbaren Ladung, die uns den Hals kosten wird?“

„Der Arzt meinte, die Ladelisten würden Kissen aufführen. Ich wollte es nicht für möglich halten aber einer der Schiffsjungen meinte, eine der Kisten sei geborsten und durch die Spalten konnte er ein Kissen erkennen. Durchnässt aber aus feinstem Brokat, vermutlich sogar aus Seide.“

„Das ist doch unmöglich. Wieso sollen wir Seidenkissen in die Barbarenländer fahren? Brauchen die Generäle und Statthalter etwas Abwechselung zu den exotischen Fellen und edlen Hölzern? Eine solche Ladung ist absurd.“

„Schweig, du Narr. Eine solche Ladung kann uns retten. Der Dünne Stoff kann nicht viel Wasser halten und die Kissen selbst wiegen auch kaum etwas. Mit Werkzeug oder Glas in den Frachtkisten wären wir so schwer, dass es das Schiff längst zerrissen hätte.“

Auch der Kolonial hatte den leisen Disput verfolgen können, entschied sich aber, nichts weiter dazu zu sagen. Niemand würde seine Ladung anrühren, da nahm er den Kapitän beim Wort. Aber auch er hatte das unheilvolle Bersten und Splittern aus den Frachträumen vernommen. Seine Sorge war, dass Treibgut ein Loch in die Bordwand gerissen haben könnte. Nicht, weil das Schiff deswegen sinken würde, sondern, weil wertvolle Frachtkisten durch die Öffnung gerissen werden würden und der Kolonial hatte Teile seines privaten Vermögens in diesen Handel investiert. Er erwartete einen entsprechenden Gewinn, um das Anwesen seiner Familie renovieren zu können.

Seine Ahnen hatten ihr Land damals direkt von der Krone bekommen, als das Reich noch unter einem König stand. Eigentlich hatten sie ihren Stand nur einem denkwürdigen Zufall und einer folgenschweren Verwechselung zu verdanken doch im Laufe der Zeit hatten sie sich zu einem bedeutenden Geschlecht entwickelt. In jüngerer Zeit hatten unbedachte Entscheidungen das altehrwürdige Anwesen und seine Herren schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Kolonial hatte seinen Posten angenommen, um diesen Missstand zu beheben und seinem Namen zu neuem Glanz und Ruhm zu verhelfen.

Er war sich bitterlich bewusst, dass Erfolg oder Scheitern seines Vorhabens in den Kolonien über Fortbestand oder endgültigen Untergang seines Hauses entscheiden konnte. Die Kissen mussten unter allen Umständen möglichst unversehrt ihr Ziel erreichen, oder er konnte sich genauso gut hinter ihnen her in die erbarmungslosen Fluten stürzen.

Ein eisiger Schwall Seewasser schoss durch die geöffnete Luke und ließ einen jungen Thunfisch panisch zappelnd auf den Bohlen des Zwischendecks zurück. Ein ausgemergelter Matrose beobachtete ihn kurz aus der Distanz, stürzte sich dann auf ihn und ermattete in der Hoffnung, den Fisch unter seinem verbleibenden Körpergewicht zu erdrücken. Wenn sie ihn verspeisen wollten, dann mussten sie es roh tun denn auf dem ganzen Schiff war kein Feuer mehr zu entfachen. Mit dem nächsten Schwall Wasser wurde die dicke Leine mit dem Steuermann hineingezogen. Blut troff aus seiner Kleidung, wo die Seile ihn davor bewahrt hatten, vom Salzwasser von Bord gespült zu werden. Er war unterkühlt, triefnass und kaum noch als lebender Mensch zu erkennen. Seine Lippen waren aufgerissen und dünner, als ein Blatt Papier.

„Nichts. Soweit das Auge reicht, nur Wasser.“ Die dünne Stimme war brüchig und zwischen jedem zweiten Wort hustete er sich den Ozean aus den Lungen. „Ich verstehe das nicht. Wir hätten längst eine Insel oder Küste sehen müssen. Auch von anderen Schiffen ist keine Spur zu sehen. Ich fahre diese Route jetzt zum mehr als zwanzigsten Mal, in dieser Gegend ist das Meer immer etwas stürmisch, aber hier sind wir auch immer dem Konvoi der Apollon begegnet. Keine Mastspitze ist zu sehen. Sieben Schiffe sollten es sein und keines ist aufgetaucht.“

„Vielleicht haben sie den Sturm frühzeitig bemerkt und sind ihm ausgewichen oder gleich im Hafen liegen geblieben.“

„Wir wollen es ihnen wünschen. Sie bringen Erze und Metalle aus den Kolonien. Schwer, wie sie sind, wären sie in diesem Sturm mit Mann und Maus verloren.“

„Dann müssen sie im Hafen geblieben sein. Sieben Schiffe, einen solchen Blutzoll kann kein Gott unbeachtet lassen.“

Ein Schuss hallte durch das Schiff und pflanzte sich in den hölzernen Balken fort, als ein Teil der Takelage zwischen den Masten zerriss. Stumm betete der Kapitän, die Masten mögen den Sturm wenigstens überleben. Die Neptun war eines der schnellsten Schiffe der kolonialen Flotte, doch auch sie brauchte ihre Masten, um ans Ziel zu gelangen. Alles andere konnte man auch auf hoher See reparieren, sobald das Wetter aufklarte.

Ein trockenes Würgen hob sich im allgemeinen Lärm ab. Es kam aus einer dunklen Ecke am Bug. Berstendes Glas und lautes Fluchen lenkten Neugier und Aufmerksamkeit in die Richtung der Gardine aus Segeltuch, die der alte Segelmeister vor seiner Hängematte befestigt hatte. Er war also wieder bei Bewusstsein und auf der Suche nach der nächsten Flasche. Seine schwielige und knochige Hand schob die Gardine beiseite und das schiefe Gesicht des knorrigen Mannes kam zum Vorschein. Winzige, tief im Schädel liegende Augen sahen sich um.

„Himmel und Hölle stinkt das hier. Wenigstens wird der Sturm schwächer, ehe es uns noch vollends in Stücke reißt.“

Die Worte des alten Segelmeisters lösten nur Verwirrung und Kopfschütteln aus. Er musste sich seinen letzten Rest Wahrnehmung weggesoffen haben, dass er vom Ende des Sturms sprach. Doch als der Maat innehielt und lauschte, musste er sich eingestehen, dass sich die Geräusche tatsächlich geändert hatten. Viel seltener hallte das reißende Geräusch von berstendem Holz durch die Balken und auch die von der Decke baumelnden Werkzeuge und Hängematten schlugen weniger oft und weniger fest gegen die Bordwände. Selbst die Fluten brandeten nicht mehr mit jeder Welle über das Deck und ergossen sich in den Bauch des Frachters. Es sah wirklich so aus, als hätten sie es so gut wie überstanden. Jetzt dürfte ihnen in den letzten Stunden bloß kein Fehler mehr unterlaufen, dann waren sie gerettet. Verstümmelt, entstellt, halb verhungert und verdurstet aber am Leben. Die Meisten von ihnen jedenfalls.

Als wäre dies noch nicht Motivation genug gewesen, hatten die Schiffsjungen das erste Mal den Eindruck, mehr Wasser aus der Bilge hinaus zu pumpen, als nachlaufen konnte. Mit frischem Mut griffen aufgeplatzte Hände nach den splitterigen, aufgequollenen Hebeln der Pumpen und entluden ihre letzten Kräfte in die Bemühung, das geschundene Schiff wieder über die Wellen zu heben. Bis aber tatsächlich Erfolge zu sehen waren, vergingen weitere lange Stunden. Und in all dieser Zeit wurde das Heulen und Tosen sanfter und leiser.

Inzwischen war selbst der alte Segelmeister wieder in der Verfassung, seine Hängematte verlassen zu können. Kopfschüttelnd sah er sich im Schiff um und ging sicheren Schrittes über die schwankenden Decks. Hier und da fing er eine Hand voll Seewasser von den Balken und warf sie sich ins Gesicht.

„Ihr seid doch alle verrückt. Hier hätten Euch die Handschuhe zwar wohl auch nicht mehr viel geholfen aber ich an Eurer Stelle hätte es trotzdem wenigstens versucht. Nun denn, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, wie meine alte Mutter immer sagte. Dann fuhr sie zur See hinaus und kam nicht mehr wieder.“

Mit diesen Worten stieß er die Luken auf. Kalte, wohltuende Luft brach in den Bauch des Schiffes und brachte neues Leben mit sich. Er schickte sich an, die Leiter hinauf aufs Deck zu klettern, doch der Maat griff ihn am Knöchel.

„Von was für Handschuhen redest Du?“

„Die Handschuhe, die ich aus der alten Fock genäht habe. Ich habe sie Dir vor einem Monat gegeben, erinnerst Du Dich nicht mehr? Natürlich erinnerst du dich nicht mehr, sonst hätten die Jungs nicht so blutige Hände. Ein scheußlicher Anblick. Wascht die Wunden gut aus und tragt kräftig Fett auf, damit die Haut wieder etwas geschmeidiger wird. Mit diesen Händen könnt Ihr kaum die Taue zum Festmachen greifen.“

Mit diesen Worten war er in die schwarze Nacht verschwunden. Der Maat erinnerte sich tatsächlich jetzt erst an den Sack mit geölten Handschuhen, die er vor vier Wochen von dem Alten bekommen hatte. Robust und gut gearbeitet waren sie gewesen, wenn auch sehr fest. Er hatte sie ins Lager gehängt und nicht mehr weiter daran gedacht. Schließlich sollten die Leute ein Gefühl für das Material haben, das sie griffen. Als er hinter dem Segelmeister die Leiter hoch hastete, fand er nur noch ein leeres Deck vor. Hinter ihnen erhellten noch Blitze den Horizont, doch vor ihnen wartete nur endlose und abgrundtiefe Schwärze.

Als er sich suchend umblickte, fiel ihm das Loch auf, aus dem der Baum des Hauptmastes ragte. Das war also das splitternde Geräusch gewesen. Wäre da nicht das schwache Glimmen der Laterne gewesen, mit der ihm ein Matrose an Deck gefolgt war, er hätte es nicht gesehen und wäre am Ende noch hineingefallen. Er rief den Mann herüber und lies ihn in den Laderaum darunter leuchten. Der Baum hatte die Deckplatten, einige Kisten der Ladung und die Bordwand durchschlagen, ehe er sich verkeilt hatte und nun festsaß.

Wenigstens eine der festgenagelten Kisten hatte sich losgerissen und musste durch das Loch verschwunden sein. Viele Kisten waren geborsten und aus den meisten troff Wasser. Umherfliegende Splitter mussten einige der Kissen beschädigt haben. Verkrustete Daunenfedern klebten an den Wänden und schwammen in den Pfützen. Der Kolonial würde nicht glücklich sein aber nach dem, was er sehen konnte, hatte der deutlich größte Teil der Ladung die Fahrt nass aber unversehrt überstanden. Die Könige der See hatten sich dennoch nicht von ihrem Tribut fernhalten lassen.

Als später die Sonne ihr erstes zaghaftes Licht durch die Wolkendecke drücken konnte, fanden sie den Segelmeister wieder. Er saß auf dem Bugspriet und knotete die Seile der Takelage neu zusammen. Es würde nicht viel sein, aber ein wertvoller Anfang. Die Neptun hatte den Sturm überlebt, nun musste sie es nur noch in den Hafen schaffen. Die Nacht über waren keine Sterne zu sehen gewesen, genau so wenig wie nun Land oder der genaue Stand der Sonne. Niemand wusste, wo genau sie sich befanden. Die Richtung stimmte ungefähr, aber das war nicht viel wert, wenn sie sich am falschen Punkt befanden. Sie konnten nur hoffen, dass der Ausguck etwas erspähte.

Derweil schoss immer noch die See durch die Spalten in den Schiffsplatten. Gierig sogen die Männer das karge Tageslicht ein, wankten wie Untote über das Deck. Eimer um Eimer wurde das Wasser zurück ins Meer gegossen, ohne Pause und Unterlass. Der dumpfe Klang der Hämmer hallte durch jeden Hohlraum. Die laute Stimme des Zimmermanns rief Anweisungen, welches Leck wie geschlossen zu werden hatte. Er hatte es sehr eilig damit und wollte unbedingt mit einem seetauglichen Schiff in den Hafen einlaufen. Der Steuermann hielt dagegen und wollte so bald wie irgend möglich einlaufen. Im Hafen wäre es einfacher, Reparaturen vorzunehmen.

Die Sonne stand bereits tief über dem Horizont, als hysterische Schreie das ganze Schiff aufhorchen ließen. Sie kamen aus dem Krähennest an der Mastspitze, wo sich ein zitternder Schiffsjunge an das Holz des Mastes klammerte.

„Land! Da ist Land, backbord voraus! Ich sehe Berge und Bäume, da ist die Rauchfahne einer Siedlung! Land! Bei allen Göttern, seht Euch das an.“

Und tatsächlich war dort Land. Langsam kroch es über den Horizont auf die Neptun zu, kam näher und wurde in der letzten Abendsonne immer deutlicher. In der Ferne blinkte ein schwaches Licht regelmäßig vor sich hin. Ein Leuchtturm. Der Kapitän zählte leise vor sich hin und nickte dem Steuermann zu. Sie waren auf dem richtigen Kurs und an der richtigen Stelle. Angesichts des heftigen Sturmes war dies ein wahres Wunder. Wie Ameisen waren die Männer aus dem Bauch des Schiffes gekrochen und klammerten sich an die Reling. Das rettende Ufer, es schien so nah und war doch noch wenigstens eine Tagesreise entfernt.

Nur der Kolonial interessierte sich nicht für das Land. Er kletterte durch das Loch in den Laderaum hinab und begann, seine Fracht zu inspizieren. Mit tiefen Sorgenfalten hielt er die Fetzen eines seidenen Kissenbezuges in der Hand, doch je länger er zählte, um so mehr glätteten sich die Züge. Vielleicht würde er nicht reich werden, aber wenn von hier ab nun alles nach Plan lief, dann würde er sich keine Sorgen mehr um seine Gläubiger machen müssen. Er würde sie alle auszahlen können.

Es hatte drei weitere Tage gebraucht, bis der Hafen in Sicht gekommen war. Die Neptun hatte nur eine kleine Segelfläche setzen können, und kam nur mit schwacher Fahrt voran. Jetzt, wo er nichts weiter tun konnte, als warten, stand der Kolonial hauptsächlich am Bug, die Arme hinterm Rücken verschränkt, und starrte auf die nun ruhig daliegende See. Treibgut und dichte Büschel von Seegras waren die letzten Zeugen des verheerenden Sturms, und natürlich der Zustand des Schiffs. Kein einziger großer Mast war ihnen entgegen gekommen. Nur in direkter Nähe zur Küste konnte man einige Fischerbötchen sehen. Sie boten ein friedliches Bild, als wäre die Welt noch in Ordnung und als habe nie eine Gefahr für irgendwen bestanden.

Die Mannschaft kam langsam wieder zu Kräften. Sie schien sich gemeinsam mit ihrem Schiff zu erholen. Mit jedem geschlossenen Riss in der Bordwand wirkten die Männer weniger wie wandelnde Leichen, mit jedem Knoten in der Takelage kehrte die Kraft in Arme und Beine zurück. Dennoch verfehlte der Schiffszimmermann sein Ziel, die Neptun wieder voll seetauglich zu haben, bis sie in den Hafen einliefen. Sie war außer Gefahr aber immer noch reichlich geschunden.

Der Kran und ein Heer von Trägern standen am Kai bereit, als sie festmachten. Der Kolonial hatte seine Soldaten an Deck zur Inspektion antreten lassen. Sie sollten einen guten Anblick bieten, mit polierten Rüstungen und gesunden Gesichtern. Er war nicht zufrieden mit dem, was er präsentiert bekam. Seine Kompanie würde keinen beeindruckenden Eindruck hinterlassen, aber für die Wilden hier würde es hoffentlich genügen. Zerknirscht stand er an der Reling und blickte auf den Hafen hinab. Ein Anleger, einige Lagerhäuser, die Handelsstation und die Verwaltung. Nun, immerhin waren sie hier nicht in der Zivilisation. Der alte Segelmeister trat zu ihm.

„Ihr wolltet Euren Stoff über Bord gehen lassen. Den, von den kaputten Kissen. Ich habe mir erlaubt, ihn anderweitig zu verwenden.“

Mit diesen Worten reichte er ihm ein kleines Häufchen des fein bestickten Seidenstoffs. Als er ihn entfaltete, kam ein einzelner Handschuh zum Vorschein. Er blickte den Alten fragend an, aber dieser nickte nur. Als er den Handschuh über seine Rechte zog, passte er perfekt. Das Muster schmeichelte der Hand und er war ausgesprochen fein und sauber gearbeitet. Unwillkürlich spürte er eine seltsame Mischung aus Verwirrung, Freude, Tadel und Dankbarkeit in sich aufwallen.

„Der Stoff hat noch für zwei Paar Damenhandschuhe gereicht, aber dieser hier ist für Euch. Leider nur einer. Möge er Euch immer eine Mahnung sein und Euch an die Gnade der Götter mit unserem Schiff erinnern. Auf dass Ihr hoffentlich Wertschätzung entgegen bringt, woran auch immer Ihr hier Eure Hand legen mögt.“

Mit diesen Worten drehte sich der alte Mann um, verschwand in der zerstörten Kajüte und ließ den Kolonial sehr nachdenklich und in Gedanken zurück. Sein Blick wandere über die immer noch angetretene Kompanie, dann über das fremde Land mit seinen merkwürdigen und geheimnisvollen Bewohnern, welches hier vor ihnen lag.

Am Ende dieses kleinen Experiments bin ich doch erstaunt, wie lang der Text geworden ist und wie viel Spaß mir das Schreiben gemacht hat. Ich bedanke mich jedenfalls ausdrücklich bei der guten Offenschreiben für diesen „Auftrag“ und bei der ominösen Isabelle (ich kenne sie nicht direkt), für das Erschaffen dieses „Kettenbriefs“.

Die Regeln verlangen, dass ich selbst nun auch Begriffe und Nominierungen verteile. Von Nominierungen bin ich zwar nicht so der Freund, aber wenn Du möchtest, dann schreibe doch auch etwas dazu. Die Begriffe sind: Ein Raumschiff, Nebel, Licht.

Solltest Du mit machen, verlinke den Beitrag bitte hier und auf Isabelles (siehe oben) Beitrag. Viel Spaß!

Abendrot

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8 Gedanken zu „Blogparade: Impro-Geschichten. In Echt jetzt!!

  1. offenschreiben

    Was für eine tolle Geschichte mit einem super Ende. Da hatte die Mannschaft ja noch einmal Glück. Es war eine sehr gute Beschreibung der Geschehnisse und der Naturgewalten. Ich habe mitgefiebert und einmal mehr gelernt, dass man auf alte Männer in Geschichten hören sollte. (zumindest meistens). Noch einmal Dankeschön fürs mitmachen und es hat mich gefreut, dass du Spaß hattest. 🙂

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  2. Pingback: Blogparade: Impro-Geschichten | des Grafen Lesestunde

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