Exitus I.

In dieser Woche geht es gleich weiter mit dem nächsten Experiment und der nächsten Premiere. Am 12. Dezember hat Offenschreiben ein neues Schreib mit mir veröffentlicht. Ich habe schon beim ein oder anderen „Schreib mit mir“ Ideen gehabt, diese aber nie wirklich festhalten können oder in eine Form bringen können, dass sie vorzeigbar geworden wären. Diesmal habe ich mich einfach hingesetzt und geschrieben. Auch wenn ich mich nicht ganz genau an die Vorgaben gehalten habe und das Gefühl habe, am Ende etwas in eine Sackgasse gerannt zu sein, gibt es hier und jetzt für Euch den ersten Teil von…

Exitus

Am achtzehnten Juni bin ich gestorben. Mein Ausweis ist abgelaufen, meine Konten wurden geleert und auf die zugewiesenen Erben verteilt, Mietvertrag und alles damit zusammenhängende wurden beendet. Einen Tag später kamen die Entsorger, um meine Überreste zu beseitigen und die Möbelpacker, um meine verbliebenen Besitztümer zu beseitigen, meistens nur noch das Bett. Der Nachmieter stand schon seit über einem Jahr fest und wartete nur darauf, endlich einziehen zu können. Das ist die übliche Vorgehensweise und geschieht auf diese Wiese jeden Tag mehrmals in meiner Stadt. Es gibt nur ein Problem.
Der achtzehnte Juni ist zwei Tage her und ich atme immer noch, genau so, wie mein Herz immer noch schlägt. Die Entsorger standen vor einem leeren Bett und mussten unverrichteter Dinge weiter ziehen. Es ist gegen die Norm, seinen letzten Tag nicht in der eigenen Wohnung zu verbringen. Meistens wird dieser Tag mit engen Freunden und der Familie verlebt, man nimmt abschied voneinander und alle guten Taten im Leben des Sterbenden werden noch einmal aufgezählt und gewürdigt.
Dieser Tag ist etwas ganz Besonderes für uns, wie der Tag der Geburt. An diesem Tag steht auch bereits fest, wie lange unser Leben denn anhalten wird. Ein Blick in die DNA und das Wort des Orakels, dann steht das Todesdatum fest und wird uns auf den Arm tätowiert. Auf diese Weise sollen wir jeden Tag besonders würdigen und versuchen, bis dahin möglichst viel Wertvolles zu hinterlassen. Jeder Mensch weiß, bis wann er seine Projekte abgeschlossen haben muss und bis wann er eventuelle Nachfolger instruiert haben sollte. Und dieses Datum trifft zu. Immer!
Zugegeben, die Stunde kann variieren. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass sich meine Freunde und Familie abends verabschiedeten, um in ihre eigenen Wohnungen zurückzukehren. Mir könnte höchstens noch eine Stunde bleiben und sie haben mir wahrlich einen würdigen Abschied beschert. Ich könnte für Nichts dankbarer sein, als für einen solchen Abschluss eines erfüllten Lebens. Doch Mitternacht verstrich und ich atmete immer noch. Nun nicht mehr ruhig und entspannt sondern hektisch, ja panisch. Ich hielt es nicht mehr aus und lief fort. Etwas stimmte nicht.
In diesen Sommernächten wird es nie wirklich dunkel. Ich versuchte mich trotzdem abseits der Straßenlaternen zu halten, wieso, kann ich nicht sagen. Irgendwann hockte ich zitternd gegen eine Wand gelehnt, irgendwo in einer Seitenstraße. Ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich war, aber der Horizont begann bereits zu glühen und noch immer stimmte etwas nicht. Ich sollte seit mindestens vier oder fünf Stunden tot sein. Wieso atmete ich noch? Für das System war ich tot, daran bestand kein Zweifel. Es gab keinen Grund, wieso ich es nicht sein sollte. Der Tod war planbarer als die Geburt.
Grenzenlose Verwirrung riss mir jeden Gedankenfaden aus der Hand und wirbelte ihn wie ein Sturm umher. Die wenigen Menschen, denen ich begegnete, beachteten mich nicht. Ein weiterer Spinner, dem die Nerven durchgegangen waren. Die Polizei würde sich schon um das Problem kümmern und die Straßen sauber und sicher halten. Für verwirrte Geister und Ausreißer gab es besondere Einrichtungen, wo ihnen geholfen werden konnte. Niemand achtete auf das Tattoo. Die Jahreszahl alleine reichte aus. Alles andere wäre ein unhöfliches Eindringen in die Privatsphäre gewesen.

Ich spürte die neugierigen Augen eher, als dass ich sie finden konnte. Sie waren in der dunkelsten Ecke der Gasse versteckt und gehörten zu einem Mann, der noch nicht einmal besonders alt aussah. Als ich mich irritiert nach dem merkwürdigen Gefühl im Nacken umsah, kam er hervor und hielt mir stumm etwas Brot hin. Misstrauisch griff ich danach und prüfte es zunächst. Es schien in Ordnung zu sein, wenn nicht sogar ziemlich gut.
„Hab dich beobachtet, du hast schon gestern nichts gegessen. Ist auf Dauer ungesund, nichts zu essen. Bin übrigens Tom.“
Ich wusste nicht, ob ich auf meine Alarmglocken lauschen und weglaufen sollte, oder gerade einen Freund gefunden hatte, wenigstens aber jemanden, der eine Richtung zeigen konnte. Ich bedankte mich und stellte mich knapp vor, während ich auf dem Brot kaute. Es schmeckte köstlich wie lange nichts mehr. Ich hatte in meinem Schock nicht einmal bemerkt, dass ich Hunger und Durst bekommen hatte. Als hätte er es gerochen, reichte Tom mir eine Flasche mit Wasser. Und ein Armband. Als ich ihn fragend ansah, nickte er nur und guckte auf seinen eigenen Arm. Sein Todesdatum war zur Hälfte unter einem vergleichbaren Armband versteckt.
Ich verstand es als Aufforderung und streifte das Armband über. Es schmiegte sich weich an meine Haut an und saß passgenau, als wäre es für mich gemacht. Tom nickte zufrieden.
„Damit die Leute nicht unruhig werden.“
Als er sein Armband kurz hochschob, verschluckte ich mich am Wasser. Das war doch unmöglich. Nach seinem Datum hätte er nicht nur vor einem Monat gestorben sein müssen, sondern vor einem Monat und zwei Jahren! Ich saß hier mit einem Gespenst. Noch viel unfassbarer wäre es wohl gewesen, wenn ich nicht selbst erst vor zwei Tagen gestorben wäre, und doch weiter lebte. Tom, wenn auch kein großer Redner, beobachtete scharf und bemerkte meinen Schrecken mit Leichtigkeit.
„Ruhig Blut. Sind nicht so allein, wie es scheint. Gibt‘n Paar solche. Bring dich wo hin, wo du bleiben kannst. Hier jedenfalls nicht.“
Damit erhob er sich aus der Hocke und wandte sich dem dunklen Ausgang der Gasse zu, mich erwartungsvoll ansehend. Ein Paar solche? Ein Paar was für welche? Nicht Gestorbene? Was für einen Ort? Und was hieß eigentlich wie es scheint? Gab es sie jetzt oder nicht? Ich feuerte eine ganze Serie von Fragen auf Tom ab, aber er blieb stumm und deutete nur mit dem Kopf an, ihm zu folgen. Die Hände hatte er tief in den Taschen eines weiten Mantels vergraben. Die frühe Morgensonne war kaum über den Horizont und es war immer noch recht frisch. Die Kühle war mir in die Knochen gekrochen und es knirschte bei jedem Schritt.
Es ist erstaunlich, wie sehr man sich an den Anblick einer Stadt gewöhnt, und mit welchen Augen man sie plötzlich wahrnimmt, wenn man in eine außergewöhnliche Situation rutscht. Wir zogen durch Straßen und Wege, die ich schon unzählige Male gegangen war und dennoch nie wirklich bewusst gesehen hatte. Ein Fremder in meiner eigenen Stadt, die ich mitgeholfen hatte aufzubauen, in der ich beinahe mein gesamtes Leben verbracht hatte. Da waren Wege, Türen, Geschäfte, ja ganze Häuser, die mir noch nie aufgefallen waren. Als wollten sie versteckt bleiben.
Dann verschwand Tom im Lieferanteneingang eines Restaurants. Als ich ihm in die Garage folgte, war sie leer. Eine Hand griff nach meiner Schulter und zog mich durch eine Türe direkt hinter dem Tor, die ich völlig übersehen hatte. Wir standen in einem schummrigen Treppenabgang, der wenigstens zwei Etagen in die Tiefe führte. Die rohen Backsteinwände waren feucht und alt, aber von unten kam warme Luft herauf.
Der gemütliche Schein am Ende der Treppe entpuppte sich als eine Art Bar. Der Wirt wischte gerade den Boden, in der Ecke saß in einer Nische ein letzter Gast und schlief friedlich, das letzte Bier noch halb voll. Als wir den Raum betraten, nickte uns der Wirt freundlich zu. Er war ein Hüne und, seinen Tattoos nach zu urteilen, ein alter Seemann. Auch er trug ein solches Armband, wenngleich sein Datum unter den restlichen Tattoos sowieso unsichtbar gewesen wäre. Auch seine Sprache war die, eines Seefahrers.
„Moin moin, ein Neuling? Des hattn wa auch schon länger nich mehr. Willkomm bei uns. Fühl dich wie zuhause un wenn du was brauchs, sach einfach Bescheid.“
Damit winkte er uns durch, auf einen Vorhang hinter der Bar zu. Wir erreichten einen kleinen Flur und an dessen Ende ein Wohnzimmer mit Kamin. Der Raum war holzgetäfelt und mit klassisch designten Polstersesseln ausgestattet. Am Tisch im hinteren Bereich saßen einige Leute gerade beim Frühstück.
„Sieh an, sieh an. Tom der Streuner ist zurück, und hat einen Gast dabei, oder einen Neuzugang?“
Diese Worte kamen von einer winzigen Frau, die mit dem Rücken zu uns saß und keine Sekunde von Kaffee und Brötchen aufgesehen hatte. Das heitere Tischgespräch lies sich von ihrem Einwurf jedoch nicht unterbrechen. Man wies uns einfach die beiden freien Stühle und noch sauberen Gedecke zu. Es war, als würde ich bereits erwartet werden. Das erste Mal kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht wirklich gestorben war und dies jetzt das Leben nach dem Tod war. Ich hatte niemals in meinem Leben an solcherlei Geschichten geglaubt, doch jetzt erschien es mir nicht mehr ganz so unmöglich. Von vorne betrachtet fiel auf, dass die winzige Frau nicht nur dünne weiße Haare hatte, sondern auch blind und offenbar uralt war. Tiefe Falten zogen sich durch dunkle, ledrige Haut und rahmten weiße aber wache Augen ein. Es war, als würde sie mich direkt ansehen.
„Du hast viele Fragen, das haben alle, die hier herkommen. Für den Anfang nur erst einmal so viel. Das Orakel ist nicht so unfehlbar, wie man uns glauben lassen will. In vielleicht einem von zehntausend Fällen irrt es sich, und die Person stirbt nicht. Wir glauben, es liegt an einer Mutation in unserem Erbgut, rein zufällig. Jedenfalls haben wir noch keine externe Quelle dafür ausmachen können. Für die Meisten ist das ein großer Schreck aber wir finden sie eigentlich immer, und dann bringen wir sie hierher. Hier können wir leben und arbeiten und haben alles, was wir brauchen. Außerdem ist die Gegend belebt genug, als dass wir nicht weiter auffallen, wenn wir hinausgehen. Tom wird dir nachher dein Zimmer zeigen und dir etwas zum Anziehen geben. Jetzt aber, genieß erst einmal dein Frühstück. Und willkommen im Leben nach dem Tod.“
Sie zwinkerte mir zu und kicherte leise. Das Leben nach dem Tod. Streng genommen hatte sie damit sogar recht. Für alle Ämter und öffentliche Einrichtungen waren wir verstorben. Selbst unsere Todesurkunden waren bereits im Vorfeld ausgefüllt. Der einzige Unterschied war nur, dass wir alle noch atmeten und schlagende Herzen hatten. Und ihre Freunde und Familie wussten in vielen Fällen nicht einmal etwas davon.
Also war dies eine Chance für einen Neuanfang. Etwas, wonach ich mich nie gesehnt habe, im Gegensatz zu so vielen Anderen, die ich kenne. Aber hier wurde ich nun ins kalte Wasser geschmissen und muss neu anfangen, ob ich nun möchte, oder nicht. Was also sollte ich mit dieser Chance anfangen? Erst einmal machte sich Erschöpfung breit. Die Anspannung der letzten Stunden ebbte etwas ab und der Bauch war wieder voll.

Exitus.jpg

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9 Gedanken zu „Exitus I.

  1. offenschreiben

    Ich freue mich sehr, dass du etwas gefunden hast, bei dem du mitmachst. 🙂
    Die Idee ist toll und ich hatte Spaß beim Lesen. Ich bin schon gespannt wie es weitergeht. Hinter dieser Zuflucht steckt sicher mehr und ich frage mich, wie die sich Geheimhalten können.
    Auf jeden Fall habe ich dich verlinkt.

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    1. dergrafvonborg Autor

      Ohje, der Druck der hohen Erwartungen 😀 aber vielen Dank für die Idee, die Verlinkung und deinen Kommentar 🙂
      Was es mit der Zuflucht genau auf sich hat weiß ich selbst noch nicht einmal genau. Ich kann bislang nur einen zweiten Teil nächsten Mittwoch anbieten und habe mich ansonsten leider etwas festgefahren :/

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      1. offenschreiben

        Dann freue ich mich erst einmal auf den zweiten Teil.
        Das mit der Sackgasse kenne ich nur zu gut. Das passiert manchmal einfach. Ich drücke dir die Daumen, dass du einen Weg hinaus findest. Wenn nicht, mach dir keinen Kopf, an dem Punkt landet glaube ich jeder, der schreibt mal. 🙂

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  2. Missy

    Ich mochte vor allem den Einstieg der geschichte echt gerne. Man hat einfach reingefunden. Es passsiert alles etwas schnell, aber da dies ja nicht zu einem Roman werden soll (so nehme ich an) find ich das volkommen in Ordnung. In Allgemeinem mag cih die Geschichte echt gerne.
    -Missy

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    1. dergrafvonborg Autor

      Vielen lieben Dank! Ja, eigentlich sollte es nur eine ganz kurze Kurzgeschichte werden aber ich habe angefangen, ohne einen Abschluss dafür zu haben. Ein Roman soll es absolut nicht werden aber den zweiten Teil gibt es wenigstens noch. Auch wenn ich den recht unbefriedigend finde aktuell. Aber es freut mich sehr, dass dir der bisherige Teil gefällt 🙂

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  3. Pingback: Exitus III | des Grafen Lesestunde

  4. Pingback: Exitus IV | des Grafen Lesestunde

  5. teilzeitpoet

    Ich geistere schon eine Weile um diesen Titel herum, der mich spontan angesprochen hat. Bisher hatte ich irgendwie Schwierigkeiten den Anfang zu finden. Glücklicherweise war dieses Unterfangen heute zwischen U-Bahn und Lerngruppe doch noch von Erfolg gekrönt. Tatsächlich hat der Titel im ersten Teil, gehalten, was ich an Spannung von ihm erwartet habe. Ich mag Geschichten aus einer anderen Welt und du hast hier ein sehr zentrales Thema aufgegriffen. Irgendwie scheinen sich die Menschen dort mit dem Wissen um ihren Tod abgefunden zu haben. Zumindest im ersten Moment fände ich es schrecklich den Tag meines Todes zu wissen. Vermutlich fühlte ich mich auch höchst unfair behandelt – regelrecht hintergangen – würde dieser Tag bereits in meine Zwanziger fallen. Vielleicht aber steigert die Kenntnis auch die Bereitschaft tatsächlich jeden Tag als ein Geschenk zu betrachten und entsprechend zu handeln…
    Jedenfalls finde ich es praktisch, dass Du die Geschichte inzwischen zu Ende geschrieben hast – es immer grässlich bei Serien auf die nächste Folge warten zu müssen=)

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    1. dergrafvonborg Autor

      Hey! Freut mich, dass du letztendlich dann doch noch den Weg gefunden hast. Ich weiß, es ist leider alles etwas unübersichtlich hier. Ich habe mich schon bemüht, ein halbwegs übersichtliches Menü einzurichten aber wirklich glücklich bin ich damit auch nicht. Ich weiß nur nicht, wie ich es idealer hinbekomme.
      Nun, sie müssen sich ja damit abfinden. Wir finden uns ja auch damit ab, dass wir irgendwann sterben werden und versuchen trotzdem, die Zeit bis dahin irgendwie sinnvoll zu füllen. Wieso sollte das nicht auch aus der anderen Sicht funktionieren?
      Ich hoffe jedenfalls, dass dir die Geschichte wunderbar gefällt und Spaß macht, zu lesen. Und vielen Dank für deinen lieben Kommentar 🙂

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