Hörsalgetuschel – Ausgabe 110.

Die Badezimmerchroniken Teil 4

Das Telefon tutete und nach ein paar Sekunden meldete sich auch gleich der Vermieter. Erik schilderte ihm die Situation mit dem verstopften Abfluss, der weder mit Pumpen noch mit viel Rohrreiniger freizubekommen war. Er erkundigte sich, ob der Klempner sich bereits mit ihm in Verbindung gesetzt hatte, und was das weitere Vorgehen nun war. Sollte er einfach abwarten, bis der Klempner wieder kam, und gleich beide Verstopfungen lösen konnte, oder sollte er dafür gesondert anrufen? Die Antwort kam allerdings nicht ganz wie erwartet. Ja, der Klempner war eben da gewesen. Sie hatten sich ausgiebig über die Situation beraten und waren zu einem Entschluss gekommen.

„Passen Sie auf, wir machen das ganz anders. Das Rohr ist verstopft, das müssen wir austauschen. Die Trennwand zwischen Bad und Klo ist so dünn, wenn wir die auf reißen, um das Rohr zu wechseln, dann fällt uns da alles zusammen. Wir machen das so, wir reißen einfach alles raus und nehmen die Zwischenwand weg. Dann machen wir ein komplett neues Bad mit Dusche, Heizung und die Anschlüsse für die Waschmaschine bin ich Ihnen ja auch immer noch schuldig. Das ist mir zwar nicht besonders lieb, weil die Warmwassertherme und die Badewanne ja im Grunde genommen noch neu sind, aber ehe wir da jetzt nur herum schustern und einen Flickenteppich veranstalten. Die Leitungen sind ja alle schon alt, da ist in fünf Jahren das nächste Rohr dicht. Wenn wir es jetzt einmal anpacken, dann ist es dafür dann einmal alles neu und gut und wir können bei der Gelegenheit auch die Gasöfen gegen eine vernünftige Etagenheizung austauschen.“

Erik war völlig überrumpelt. Er hatte doch nur kein Wasser gehabt und jetzt plötzlich sollte die ganze Wohnung eine Baustelle sein? In seinem Schock realisierte er nicht einmal, dass er nur nickte, statt eine Antwort auszusprechen.

„Ist bei Ihnen denn nächsten Mittwoch jemand zu Hause? Dann würde ich nämlich gerne mit dem Klempner und der Hausverwaltung einmal vormittags rein kommen, damit wir das planen können. Auch wegen der Dauer. Wenn es klappt, kommt auch der Fliesenleger gleich mit, dann haben wir alle da.“

„Ja, das werden wir wohl einrichten können. So gegen zehn bis zwölf Uhr sollte kein Problem sein.“

„Alles klar, dann wünsche ich Ihnen noch ein schönes Wochenende, wir sehen uns dann am Mittwoch. Und für die Dauer der Bauarbeiten mindere ich Ihnen selbstverständlich die Miete. Keine Sorge also, das wird alles wieder werden.“

Erik saß auf seinem Schreibtischstuhl und fühlte sich ein Bisschen so, als wäre er gerade von einem Güterzug überrollt worden. Einem Großen, wie die, mit den dicken Rollen Stahlblech, die immer zu den Panzer- und Autofabriken im Süden rumpelten. Wenn er sich für eines nicht begeistern konnte, dann waren das Baustellen. Völlig egal wo, wann und für was, Baustellen hießen immer Dreck und Unordnung. Man musste Umwege fahren, wenn an Straßen gebaut wurde, die Schuhe wurden dreckig, wenn Lastwagen voller Erde durch die Straßen klapperten und dabei ihre halbe Ladung verteilten und Sanierungsbaustellen verteilten ihren Staub und viel Lärm in der ganzen Umgebung.

Er hatte gehofft, man könnte irgendwie mit einem Draht oder flexiblen Bohrer die Leitung entlang bohren, und die Verstopfungen auf diese Weise lösen, eventuell auch mit irgendwelchen chemischen Mitteln der Lage Herr werden. Und jetzt sollten dieser Dreck und diese Unordnung in seine Wohnung kommen. In diesem Moment war die Aussicht auf ein neues Badezimmer ein äußerst schwacher Trost für ihn. Er hatte sich zügig an das Bisherige gewöhnen können und mit seinen Macken leben gelernt.

In der Küche klapperten die Schränke, als Mia die Einkäufe verstaute. Erik holte tief Luft und versuchte sich wieder in seiner Realität zurechtzufinden. Mia war inzwischen fertig und zu ihm herüber gekommen. Als sie ihm einen Kuss gab, versuchte sie nicht daran zu denken, was Tina vor noch überhaupt nicht so langer Zeit mit ihm versucht hatte. Sie schaffte es nicht, doch was auch immer es gewesen sein mochte, die Tatsache, dass Tina eine Abfuhr kassiert hatte, währen er sich nun dankbar an sie anschmiegte, entlockte ihr ein triumphierendes Lächeln.

„Ich habe den Vermieter erreicht. Du wirst nicht glauben, was er jetzt wegen der Verstopfung vor hat.“

Bad4

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2 Gedanken zu „Hörsalgetuschel – Ausgabe 110.

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