Hörsaalgetuschel – Ausgabe 111.-1.

Sonderausgabe einfach weil wegen. Ich möchte Euch allen ein frohes Wintersonnenwend- / Weihnachtsfest wünschen. Genießt die Zeit mit Euren Lieben um euch und hoffentlich reichlich gutem Essen. Und freut euch, endlich werden die Tage wieder länger, der Sommer kann kommen.

Weihnachtsstress

Mia verbreitete bereits die ganze Woche schlechte Stimmung. Erik wusste ja, dass Weihnachten mit ihr eine besondere Note hatte, aber dieses Jahr war es völlig eskaliert. Regelrecht panisch war sie durch die Wohnung gewuselt, hatte den Weihnachtsbaum gerichtet, dekoriert, hatte Kochbücher und Internetseiten durchforstet und die Supermärkte geplündert. Jedes Mal, wenn Erik die Wohnung betrat, stand sie bereit um ihn anzufauchen, dass er sich auch ja die Schuhe auszog, um nicht die frisch geputzte Wohnung wieder dreckig zu machen.

Inzwischen war auch Erik reichlich geladen. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Mia ab und an ihre etwas schlampigen Phasen hatte, wo sie Sachen herumliegen ließ und er ihr hinterher putzen musste. Dass sie nun den Spieß umdrehte, und hinter ihm her jagte, wo er nichts dreckig gemacht hatte, passte ihm nicht. Besonders die Küche war immer eher sein Domizil gewesen. Mia kochte nicht gerne und nicht gut aber meistens half sie ihm immerhin. Er hatte sich seine Ordnung und sein System geschaffen.

Nur plötzlich war von alledem nicht mehr viel übrig. Eine übellaunige Mia war in seinen Tempel eingedrungen, hatte begonnen mit jeder menge Gerichten zu experimentieren, die er am Ende retten musste. Sie räumte Geschirr und Besteck an Stellen, wo sie nicht hingehörten und fauchte ihn an, wenn er sich ein Brot schmierte, weil er alles vollkrümeln würde. Eisfach und Kühlschrank waren voll mit vorgeschälten Kartoffeln, Rotkohl, Rouladen und verschiedensten Desserts von Kuchen über Plätzchen bis Pudding. Und alles nur, weil sie beschlossen hatte, dass dieses Jahr Weihnachten mit der ganzen Familie in ihrer gemeinsamen Wohnung stattfinden würde.

Direkt zu heilig Abend würden sowohl Eriks als auch Mias Eltern mitsamt den Geschwistern und Anhang aufschlagen. Zu zehnt würden sie in der kleinen Wohnung um den Esstisch sitzen müssen und Mia hatte sich in den Kopf gesetzt, dass es das gemütlichste und perfekteste Weihnachten überhaupt werden würde. Ihm selbst würde es schon reichen, einfach halbwegs stressfrei alle unter ein Dach zu bekommen und zu sehen. Als er sich darauf eingelassen hatte, war ihm noch nicht bewusst gewesen, dass Mia das Ereignis zu ihrem persönlichen Prestigeprojekt machen würde.

Und nun war der Vierundzwanzigste und sie war den Tränen nahe. Nicht, dass es einen Grund dazu gegeben hätte. Die ganze Wohnung blitzte und blinkte, alles war dekoriert, es roch nach Plätzchen, Zimt und Orangen, nur der Weihnachtsbaum war eigentlich zu groß, aber mit weniger hatte sie sich nicht zufriedengeben wollen. Bald würde die Familie aufschlagen und es würde Kuchen geben. Nach Mias akribischem Plan müsste es in spätestens fünf Minuten so weit sein. Dann hatten sie noch etwa 1,5 Stunden für Kuchen und Gemütlichkeit, Gespräche auf dem Sofa und Wohnung präsentieren, solange das noch möglich war. Zum weihnachtlichen Duft gesellte sich Kaffee.

Denn dann würden sich auch alle schon wieder ihre Jacken anziehen dürfen, um eine gemeinsame Runde durch den Park zu spazieren. Mias Familie würde sich im Anschluss absetzen um den Weihnachtsgottesdienst in der örtlichen Kirche heimzusuchen während Eriks Familie, atheistisch wie sie waren, darauf keinen Wert legte und entweder weiter spazieren, oder aber in die Wohnung zurück kehren würden, um dort weiter die aufwendige Dekoration zu bewundern, bis wieder alle vereint waren. Mia würde dem Gottesdienst ebenfalls nicht beiwohnen, denn sie würde die eifrige Hausfrau mimen und sich in die Küche stellen. Obwohl die Vorstellung allein, dass sie sich in eine solche Rolle begeben würde, dermaßen absurd war, dass alle Anwesenden beschämt darüber würden lachen müssen.

Und obwohl der Kuchen dann noch keine drei Stunden zurücklag, war dennoch am Anschluss der Messe ein opulentes Abendessen angesetzt. Erik war die Aufgabe zugeteilt worden, den Tisch zu decken und ansonsten für den Seelenfrieden der Gäste zu sorgen. Der Gedanke daran ließ ihn bereits verzweifeln, sie hatten definitiv die falsche Verteilung gewählt. Wobei, er hatte ja nicht einmal die Wahl bekommen. Mia hatte das Regiment übernommen und duldete keine Einmischung. So gesehen war alles wie immer.

Erik sah sich ein letztes Mal in der noch leeren Wohnung um. Die Weinflaschen standen im Regal, der Kuchen bereits auf dem Tisch und Mia im Türrahmen. Sie hatte sich gerade umgezogen und zwang sich jetzt ein Lächeln ins Gesicht, um ihre Sorgen und Anspannung zu verbergen.

„Klammer dich nicht immer so sehr an feste Pläne. Versuche auch mal etwas mehr wie Seide zu sein. Nimm die Situation wie sie ist, und schmieg dich daran dann an, und alles wird gut.“

Mit diesen Worten legte er ihr einen Seidenschal um den Hals, der farblich perfekt zu ihrem Kleid passte, und nahm sie fest in den Arm. Er konnte spüren, wie sie zitterte und das erfüllte ihn mit tiefer Traurigkeit. Es sollte doch einfach nur ein schöner gemeinsamer Tag werden, mit Familie, einer tollen Zeit und leckerem Essen. Die ganze Dekoration, der straffe Zeitplan, das hatte er doch alles überhaupt nicht gewollt und er war sich sicher, Mia auch nicht.

In seinem Kopf schickte er Mia nach dem Kaffee mit den Familien los, während er da blieb und sich in Ruhe um das Abendessen kümmern würde. Irgendwie würde er es noch schaffen, dass auch Mia an diesem Tag ein bisschen Luft holen konnte. Wenn sie schon unbedingt weinen wollte, dann doch wenigstens vor Glück, dass alle einen schönen Abend genießen konnten und sich niemand stritt. Und morgen würden sie dann einfach lange im Bett bleiben und erst gegen Abend zum Abendessen bei Mias Verwandtschaft sein, wo es ebenfalls ruhig aber fröhlich ablaufen würde.

Als es an der Türe klingelte, überlegte er noch, ob sie nächstes Jahr nicht einfach wegfahren sollten und Weihnachten ausfallen ließen. Aber das würde er niemals bei ihr durchsetzen können. Und irgendwo brauchte sie auch etwas Stress und Anspannung, einfach um glücklich zu sein. Mia zog los, um den Besuch hereinzulassen und Erik bekam von seinem Telefon mitgeteilt, dass er eine Mail bekommen hatte.

Lieber Erik,

ich wünsche Dir und allen Deinen Lieben ein fröhliches und besinnliches Weihnachtsfest. Hoffentlich bekommst du die Ruhe und alle Liebe, die du dir wünschst. Genieß die schöne Zeit und denk nicht zu viel an die Uni. Ich esse ein Plätzchen für dich mit.

Liebe Grüße und fühl dich gedrückt

Tina

Natürlich hatte sie an ihn gedacht. Was hätte sie denn auch sonst tun sollen? Wahrscheinlich saß sie gerade im Hotel ihrer Eltern an der Rezeption, während ihr Vater für die Gäste die Bar betrieb und ihre Mutter in der Küche für Ordnung sorgte. Für sie wäre allein schon ein Weihnachten, an dem nicht gearbeitet werden musste, das reinste Glück. Der Gedanke daran schnürte ihm die Kehle zu, aber dafür war jetzt nicht mehr die Zeit. Er würde ihr später antworten, wenn die anderen draußen waren. Bis dahin würde er ihr ganz viel Kraft und gute Laune wünschen, während er mit seiner Freundin im Arm der Familie das frisch sanierte Bad präsentierte.

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